liches Motiv, dessen lebendige Energie mit der plastischen
Evidenz möglichst reiner Formen ausgedrückt werden soll.
Das erste Werk im neuen Stil ist der weibliche Torso, in der
strengen Fügung der beiden Schenkel und des Rumpfes ein
Gegenstück zu Brancusis Jünglingstorso, in der ge-
spannten, aber nicht regulären Geometrisierung der
Elemente an die kubistische Skulptur von Lipchitz,
Laurens oder Archipenko anknüpfend’.
Hier schliesst eine erstaunliche Skulptur an (Abb. 7)8,
die erst vor kurzem bekannt wurde und von der Ernst
Beyeler der Stiftung ein Exemplar schenkte; sie führt in
verschiedener Hinsicht bereits tief in zentrale formale und
inhaltliche Probleme, um die Giacometti in seinen
Plastiken immer wieder kreisen wird. Auch ihr Thema
gehört zu den klassischen der traditionellen Bildhauer-
kunst: der Kopf, zu dem eine kontrastierende Rundform
tritt, vielleicht eine Vase, ein verschlossenes Gefäss — oder
ist es ein zweiter Kopf? Die alten Kanephoren oder Quell-
nymphen erfuhren etwa bei Leger gerade in diesen Jahren
eine Übertragung in moderne, von geometrisch regulären
Körpern her gedachte Formen; ähnliche plastische Massen
zeigen auch die voluminösen, an den Kopf gelegten Arme,
wie sie Laurens besonders liebte. Gegenüber dem Torso,
dessen drei Elemente trotz ihrer Stilisierung in den entspre-
chenden Körpergliedern aufgehen, dominieren nun durch
den Kontrast von zwei, gegeneinander ausgespielten Teilen
deren stereometrische Qualitäten. In einer Vorstudie zum
Torso? hatte Giacometti bereits die Kombination eines
betont eckigen Keils mit einem Konus erprobt; doch in der
organischen Einheit des Aktes musste die Spannung aus-
geglichen werden. Die Verbindung von Kopf und Gerät
befreit zu konsequenteren Experimenten: je länger man
sich in die Logik der plastischen Formulierung einsieht,
um so mehr erstaunt, auf wie vielen Ebenen der Disput der
beiden Elemente geführt wird.
Das hier einsetzende Spiel von Quader und Zylinder
führt als formales zunächst zu der komplexen Auftürmung
der Composition cubiste - homme‘, in dem sich das Motiv des
Stützen eines Kruges auf Schulterhöhe weiter verfolgen
lässt. Darüber hinaus bedeutet die Stilisierung des Kopfes
einen ersten wichtigen Schritt zu den stereometrisch
reinen Körpern, die metaphorisch für Figürliches stehen:
eine offene Halbkugel bezeichnet von der Composition -
homme et femme! bis zu dem surrealistischen Modell für einen
Platz? den Kopf. Aber auch der Quader, nur im Profil
durch die knappe Biegung der Scheitellinie und ein leichtes
Auskragen des Hinterkopfes organisch modelliert, wird
weiterhin dazu dienen: bei dem selten reproduzierten Tre
der Sammlung Bucher, der auf dem hoch interessanten,
von Reinhold Hohl für die Graphische Sammlung der
ETH erworbenen Stilleben zusammen mit dem kugelig
runden sumerischen Kopf des Gudea erscheint!®, und
wiederum bei der gleichfalls noch nie ausgestellten,
ungleich wichtigeren Gartenplastik für die Villa der de
Noailles in Hyeres!t,
Mehr noch als die Gesamtform, lässt die Vertiefung der
Front den heutigen Betrachter an einen Video-Monitor,
einen Fernseh- oder Computerschirm denken: die vom
vorkragenden Rahmen gefasste Mattscheibe entspricht
genau Giacomettis Darstellung des Gesichtes als einer
kommunizierend offenen und zugleich geschlossenen
Hohlform. Die ältere Metapher vom Auge als Fenster der
Seele brachte die Ambivalenz bereits zur Geltung und regte
vielleicht die vorliegende Gestaltung an’. Es ist das Sehen,
das Blicken der Skulptur, diese in der Erfahrung des blick-
losen Toten aufgebrochene Obsession Giacomettis, die
hier zum ersten Mal zum Ausdruck drängt. So tritt diese
Skulptur als der abstrakte Pol neben den Kopf der Muiter von
1927 als die andere wichtige Vorstufe des T% qui regarde; die
1989 erworbene kleine Studie zur Scheibenplastik, bei der
die ähnlich profilierte Nase noch plastisch aufgelegt ist,
verdeutlicht den Zusammenhang!®.
Mit dieser inhaltlichen Aussage eng verbunden ist das
formale Grundproblem der Leere, des Hohlen der plasti-
schen Form. Schon in der ersten Kinderzeichnung, die in
Giacomettis Gedächtnis haften blieb, dem gläsernen Sarg
Schneewittchens wird diese Faszination greifbar!’; die
Totenköpfe, die er 1923/24 malt und 1934 modelliert!?, und
der Cubel? sind weitere Stationen auf dem Weg, der in den
körperlos in den Raum gezeichneten Figuren der Reifezeit
sein Ziel fand. In der neuen Composition - te nimmt er das
Problem erstmals in einer Skulptur in Angriff und löst es
auf pragmatisch einfache, direkte Weise: indem er den
deckelartig aufgesetzten oberen Abschluss des Gefässes in
Kontrast zur vorkragenden Umfassung des Gesichtes setzt,
rückt er die Unterscheidung von plastischer Schale und