zum reifen Werk vollzieht. Es handelt sich nicht eigentlich
um ein «Bild», sondern um eine Studie, oder genauer um
mehrere «Etudes», wie der Titel bereits in der Thompson-
Sammlung?! richtig lautete. Denn hier zeigt sich offen, in
mehreren Schichten, wie Giacometti im Jahre 1947 seinen
Stil gefunden hat, mit dem er 1948 in der Galerie von Pierre
Matisse in New York erstmals an die Öffentlichkeit trat. Die
Atelieraufnahmen im Ausstellungskatalog zeigen die Lein-
wand als einziges grösseres Bild an der Wand stehen — an
den berühmten Atelierwänden, die Alberto immer wieder
zum Skizzieren benützte und die so wie das Gemälde den
Charakter von Palimpsesten annahmen*?,
Ein solches Durchsichtigwerden der Oberfläche in die
Tiefe der Zeit lässt die Gedanken in zwei, für Giacomettis
Kunst zentrale Assoziationsfelder schweifen: der Lebens-
vollzug im Ablauf der Zeit und der Rückbezug zu den
Ursprüngen der Menschheit in den frühesten Kulturen.
Schon die Verwendung von Ocker deutet auf die prähistori-
sche Höhlenmalereien, an die auch der schrundig erdhafte
Malgrund erinnert, und auf die ältesten Bestattungsriten:
das Aufbringen der blutroten Erdfarbe auf die Nase und den
Tre sur tige} machen die Beziehung offensichtlich und
wecken deren bedrohlich urtümliche, magisch wiederbele-
bende Kräfte. Nach der Katastrophe des Zweiten Welt-
krieges galt es, den Wesenskern des Menschen aus den
Trümmern der kompromittierten Zivilisation heraus zu
schälen; Tachismus, Zero, Art brut kreisten um dieses
Problem. Giacometti, der sich schon früher danach
suchend auf den Weg begeben hatte, griff am weitesten
zurück und hat vielleicht die gültigste Antwort gefunden.
Yves Bonnefoy?* hat neulich von Georges Batailles Inter-
pretation der Höhlenmalereien von Lascaux ausgehend,
eine neue Deutung für die Einheit des frühen und des
reifen Werkes von Giacometti versucht. Bataille beobach-
tete die «naturalistische» Exaktheit im Erfassen der Tiere,
zu der die zeichenhafte Reduktion der Jäger im scharfen
Kontrast stehen. Doch seiner Folgerung, dass sich hier die
Menschen in effigie als Opfer für die Wiedererlangung der
kreatürlichen Einheit selbst verstümmeln, setzt Bonnefoy
ein anderes Verständnis entgegen. Während die exakte
Kenntnis und Beobachtung der gefährlichen Beutetiere für
die Höhlenbewohner lebensnotwendig war, kam der
Selbstdarstellung eine andere Funktion zu: sie hat die
Existenz, das Dasein des Menschen zu bestätigen. Das
Kind, das die ersten Flecken aufs Papier bringt, erfährt sich
selbst als erzeugendes Subjekt; sobald sich die Striche zu
einem Männchen zusammenfinden, zeigt sich dessen Sein
in unübertreffbarer Prägnanz: «Le degre zero de la repräen-
‘ation est la manifestation la plus directe, et en un sens la plus
6clatante —presque sa preuve —de la präence.» Und gerade ın
diesen unsicheren Strichen zeigt sich zugleich auch das
Prekäre der menschlichen Existenz vor dem Abgrund des
Nichts.
Dieser «degre zero de la representation» erreicht
Giacometti 1947, nachdem er seit 1935 versucht hatte, die
lebendige Erscheinung des Menschen, wie sie ihn in der
Wirklichkeit faszinierte, in einer Skulptur zu erfassen. Wie
er in dem im Katalog von 1948 abgedruckten Brief an
Matisse schrieb?, wurden ihm dabei die Figuren immer
kleiner: ihr Wesenskern, ihre Kraft, plötzlich zu
erscheinen, als Ganzheit dazusein, zog sich auf einen
immer engeren, intensiveren Kern zusammen, bis dieser
unter einer letzten Berührung des Modeliermessers zerfiel
In diesem Kampf um die richtige Dimension, der bis in die
Lehrzeit beim Vater zurückreichte, kommt das Problem des
Erscheinens und Verschwindens, der Annäherung und des
unfassbaren Zurückweichens der Wirklichkeit zum
Austrag. Im Chariot fand es 1950 seine vollendete meta-
phorische Gestaltung?®; in den E/udes aber zeigt es sich in
der Überlagerung unterschiedlich grosser und dichter
Köpfe in seiner ungelösten Schärfe. In einer untersten, hell
roten Schicht —oben rechts und im Halsansatz in der Mitte
links noch zu sehen —liegt ein grosser amorpher Kopf, der
in wenigstens vier Stufen zu immer intensiverer Dichte
schrumpfte; die beiden kleinsten, schwarzen Köpfe
existierten zum Zeitpunkt der Aufnahme von Patricia
Matisse noch nicht. Gegenüber dem locker skizzenhaften
Strich der untersten Stufe und dem weich kreisenden
Duktus der mittleren beginnt sich hier die systematische
Konstruktion der reifen Gemälde abzuzeichnen.
Rechts ragt eine weibliche Figur in den extrem schlanken
Proportionen auf, die die Werke Giacomettis dieser Zeit
charakterisieren; ein langes graues Pentiment an ihreı
rechten Seite steigerte nachträglich die Verhältnisse wesent
lich in diesem Sinne. Wie Giacometti in dem erwähnten
Brief beschrieb. beschloss er nach dem Kriege, dem Verklei-