nerungsdrang seiner Figuren resolut zu widerstehen — aber
da seien sie unversehens unheimlich dünn geworden.
Verschiedene Erklärungen bieten sich dafür an. Neben der
erwähnten Deutung von Bonnefoy ist die phänomenologi-
sche Interpretation von Reinhold Hohl besonders hilf-
reich?7: Giacometti beobachtete auf der Strasse, dass er die
Personen stets sogleich als lebendige Einheit wahrnahm;
folglich musste er die Figuren als überschaubares Ganzes
gestalten, das die Augen nicht mit ablenkenden Einzel-
heiten aufhielt. Der gemalte Akt zeigt eine dafür geeignete
Mischung von Präzision in der Gesamtform und jener
unfassbar flüchtigen Lockerheit, die der Gestalt ihr leben-
diges Vibrieren vermittelt.
So besticht diese Leinwand zwar nicht als schönes Bild;
wer sich aber die Mühe nimmt, in dieses Experimentierfeld
einzudringen, wird wesentliche Einsichten in den schöpfe-
rischen Prozess Giacomettis gewinnen. Im Museum verge-
genwärtigt sıe neben den auf ihren Sockeln erstarrten, voll-
endeten Werken sein endloses Ringen um die Realisierung
seiner Vision, das stets neue Anfangen und unentwegt
beschworene Scheitern in der Verwirklichung des beabsich-
tigten Unmöglichen. Und damit eröffnet dieses erregende
Dokument für die Ausbildung des reifen Stils einen
zentralen Aspekt seiner Kunst, den prozessualen Charakter
sowohl in der Entstehung als auch in der Wahrnehmung,
und kann so zu einer Anleitung zum Betrachten seiner
Werke werden.
Alberto Giacometti de ce portrait de moi fait par Iui au
mois de novembre, 1954, en t&moignage de ma profonde
gratitude pour toute la gentillesse, l’affection et la genero-
site qu’a eu envers moi depuis si longtemps la famille
Giacometti, Alberto en premier, puis Diego, Bruno,
Odette et Silvio. Merci!»
Das Blatt muss die Frucht einer besonders glücklichen
Stunde gewesen sein vermutlich schimpfte Alberto mehr
als üblich und hatte dann doch einen «Durchbruch» —,
jedenfalls erscheint der Kopf des stattlichen jungen
Mannes mit den grossen Augen so unverquält präsent wie
selten ein Modell und das Hemd von einer harmonischen
Beschwingtheit, in der sich die Giacometti eigenen Quali-
täten mit denjenigen Cezannes vereinen. Das Portrait wird
zum Zeugnis für die Sympathie, die der Künstler dem
Dargestellten entgegenbrachte.
Christian Klemm
Niemand hat diesen Werkprozess, dieses endlose
Beginnen, Verändern, Übermalen, Zerstören, Neu
schöpfen eingehender und lebendiger beschrieben als
James Lord in seinem A Giacometti Portrait. Über 18 Tage
verfolgt er als Modell — und mit ihm der Leser —, wie sein
Bildnis entsteht und verschwindet, was Giacometti dabei
erzählt und fühlt, die Aufregungen dieser in strenger, stets
gleicher Versuchsanordnung wiederholten Unmöglich-
keit, zu malen, was er sieht. Zwanzig Jahre später veröffent-
lichte Lord seine monumentale Biographie??, für die er
viele Jahre geforscht hatte und die die Grundlage für die
Kenntnisse von Albertos Leben bleiben wird. Nun brachte
er uns zu unserer freudigen Überraschung eine Zeichnung
(Abb. 9) von seltener Vollendung und Klarheit mit
folgender Widmung: «Je tiens A faire don A la Fondation