Volltext: Jahresbericht 1991 (1991)

nerungsdrang seiner Figuren resolut zu widerstehen — aber 
da seien sie unversehens unheimlich dünn geworden. 
Verschiedene Erklärungen bieten sich dafür an. Neben der 
erwähnten Deutung von Bonnefoy ist die phänomenologi- 
sche Interpretation von Reinhold Hohl besonders hilf- 
reich?7: Giacometti beobachtete auf der Strasse, dass er die 
Personen stets sogleich als lebendige Einheit wahrnahm; 
folglich musste er die Figuren als überschaubares Ganzes 
gestalten, das die Augen nicht mit ablenkenden Einzel- 
heiten aufhielt. Der gemalte Akt zeigt eine dafür geeignete 
Mischung von Präzision in der Gesamtform und jener 
unfassbar flüchtigen Lockerheit, die der Gestalt ihr leben- 
diges Vibrieren vermittelt. 
So besticht diese Leinwand zwar nicht als schönes Bild; 
wer sich aber die Mühe nimmt, in dieses Experimentierfeld 
einzudringen, wird wesentliche Einsichten in den schöpfe- 
rischen Prozess Giacomettis gewinnen. Im Museum verge- 
genwärtigt sıe neben den auf ihren Sockeln erstarrten, voll- 
endeten Werken sein endloses Ringen um die Realisierung 
seiner Vision, das stets neue Anfangen und unentwegt 
beschworene Scheitern in der Verwirklichung des beabsich- 
tigten Unmöglichen. Und damit eröffnet dieses erregende 
Dokument für die Ausbildung des reifen Stils einen 
zentralen Aspekt seiner Kunst, den prozessualen Charakter 
sowohl in der Entstehung als auch in der Wahrnehmung, 
und kann so zu einer Anleitung zum Betrachten seiner 
Werke werden. 
Alberto Giacometti de ce portrait de moi fait par Iui au 
mois de novembre, 1954, en t&moignage de ma profonde 
gratitude pour toute la gentillesse, l’affection et la genero- 
site qu’a eu envers moi depuis si longtemps la famille 
Giacometti, Alberto en premier, puis Diego, Bruno, 
Odette et Silvio. Merci!» 
Das Blatt muss die Frucht einer besonders glücklichen 
Stunde gewesen sein vermutlich schimpfte Alberto mehr 
als üblich und hatte dann doch einen «Durchbruch» —, 
jedenfalls erscheint der Kopf des stattlichen jungen 
Mannes mit den grossen Augen so unverquält präsent wie 
selten ein Modell und das Hemd von einer harmonischen 
Beschwingtheit, in der sich die Giacometti eigenen Quali- 
täten mit denjenigen Cezannes vereinen. Das Portrait wird 
zum Zeugnis für die Sympathie, die der Künstler dem 
Dargestellten entgegenbrachte. 
Christian Klemm 
Niemand hat diesen Werkprozess, dieses endlose 
Beginnen, Verändern, Übermalen, Zerstören, Neu 
schöpfen eingehender und lebendiger beschrieben als 
James Lord in seinem A Giacometti Portrait. Über 18 Tage 
verfolgt er als Modell — und mit ihm der Leser —, wie sein 
Bildnis entsteht und verschwindet, was Giacometti dabei 
erzählt und fühlt, die Aufregungen dieser in strenger, stets 
gleicher Versuchsanordnung wiederholten Unmöglich- 
keit, zu malen, was er sieht. Zwanzig Jahre später veröffent- 
lichte Lord seine monumentale Biographie??, für die er 
viele Jahre geforscht hatte und die die Grundlage für die 
Kenntnisse von Albertos Leben bleiben wird. Nun brachte 
er uns zu unserer freudigen Überraschung eine Zeichnung 
(Abb. 9) von seltener Vollendung und Klarheit mit 
folgender Widmung: «Je tiens A faire don A la Fondation
	        
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