Volltext: Jahresbericht 1991 (1991)

MIRIAM CAHN — 
«] WEIBLICHER MONAT 23.3. BIS 12. 4.1990» 
Seit einigen Jahren schon arbeiten Künstler und vor allem 
Künstlerinnen verstärkt in Raumzusammenhängen. 
Indem das Museum sich darauf einstellt und Möglich- 
keiten bietet, Sammlungsräume für begrenzte Zeit von 
Künstlern einrichten zu lassen, gewinnt es als «bewegli- 
ches» Museum eine ganz neue Lebendigkeit. Einen wich- 
tigen Schritt auf diesem Weg bildet für das Kunsthaus der 
Erwerb der 34teiligen Raumarbeit von Miriam Cahn durch 
die Vereinigung Zürcher Kunstfreunde. Die Gruppe Junge 
Kunst dieser Vereinigung hatte sich schon früh für die 
Künstlerin interessiert und seit 1983 immer wieder Werke 
angekauft!l. Auch das Kunsthaus hat sich seit dieser Zeit 
durch kontinuierliche Ankäufe und durch Ausstellungen 
für Miriam Cahn eingesetzt. «Dieses Hand-in-Hand- 
Gehen schuf eine ideale Basis für einen gezielten Samm- 
lungsaufbau. 
Die Raumarbeit «1 weiblicher Monat» (Abb. 13/14) ist 
ein zusammenhängendes Werk, das Tag für Tag während 
eines Monatszyklus entstanden ist. Dazu gehören gross- 
formatige Landschaftszeichnungen, Baumserien und Tier- 
darstellungen sowie Bilder von Frauen, deren dunkle 
Gesichter und Körper wie von einer Leuchthülle umgeben 
sind. «Jeuchten aber ist verwandt mit strahlen, strahlung, 
verstrahlt» (Miriam Cahn). Bestandteil der Arbeit ist, dass 
sie von der Künstlerin selbst installiert wird, und zwar ın der 
genauen Reihenfolge ihrer Entstehung. Weibliche Monate 
sind für Miriam Cahn zeitlich geordnete Räume. «ich 
arbeite im weiblichen rhythmus: 1 weiblicher monat = die 
dauer meines (das heisst aller frauen) zyklus vom ende der 
blutung bis zum anfang der nächsten blutung. die energie 
dieses zyklus bestimmt das verfahren, der — weibliche — 
zufall die reihenfolge von tag zu tag. im raum wird dann die 
ganze arbeit in ihrer eigentlichen form lesbar.» Schwarze 
Kreidezeichnungen auf Papier bilden schon seit langem das 
bevorzugte Ausdrucksmittel der Künstlerin. Das häufig 
transparente Papier ist verletzlich, und die schwarze Schul- 
kreide, die Miriam Cahn sich speziell anfertigen lässt, ist 
trocken wie Kohle und haftet so schwer auf dem glatten 
Papier, dass es Mühe kostet, sie hineinzureiben. Daher 
reisst das Papier leicht, vor allem, wenn es sich um grosse 
Blätter handelt und wenn die Künstlerin, die auf dem 
Boden zeichnet, sich darauf knien muss, um das Format 
ausfüllen zu können. All das wird von ihr nicht nur akzep- 
tiert, sondern bewusst gesucht. Der Widerstand des Mate 
rials, die Vergänglichkeit des Resultates, das sind Grundbe- 
dingungen ihrer Kunst. Deshalb ist sie auch dagegen, dass 
man ihre Zeichnungen hinter Glas schützt; sie hängt sie in 
Ausstellungen direkt mit Reissnägeln an die Wand. Das 
Papier in seiner Verletzlichkeit ist wie ihre eigene Haut, 
wenn sie sich selbst einbringt, indem sie den Figuren ihren 
Umriss verleiht und mit Händen und Füssen deutliche 
Spuren hinterlässt. 
Gleichzeitig wird die Abkehr vom klassischen Schön- 
beitsideal proklamiert. Miriam Cahn, die eine traditionelle 
akademische Kunstausbildung genossen hat und anfangs 
in realistischem Stil malte, konzentriert sich auf eine 
einfache Zeichensprache, mit der sie dem «männlich orien- 
tierten ‘Genialen’», der Perfektion des «Meisterwerks» zu 
entgehen sucht. Das den neuen Intentionen angemessene 
Sprachmittel entdeckt sie in der Skizzenhaftigkeit und 
Spontaneität der Zeichnung. Zeichnung ist für sie nicht 
mehr Vorstufe zum «fertigen» Werk, sondern ist Bewegung, 
auch Bewegung des Körpers im Raum. Sie arbeitet am 
Boden, um noch weniger Kontrolle zu haben, «kein 
Zurücktreten in Malerpose», wie sie selbst sagt‘. Damit 
muss sie die Formen aus der Vorstellung entwerfen, da man 
bei den grossen Formaten in der Nahsicht den Überblick 
verliert. 
Ihre Themen sind grösstenteils biographischen 
Ursprungs. Sie gehen auf ihre Kindheits- und Familienge- 
schichte zurück und sind eng mit ihrem «Frausein» 
verbunden. Nach den frühen Frauenbildern und den 
isolierten Objekten, die sie in weibliche und männliche 
Zeichen getrennt hatte — wie einerseits Haus, Boot, Wägel: 
chen, Bett und andererseits Kriegsschiff, Raketensilo, 
World Trade Center — hat sie sich seit einem längeren 
Berlin-Aufenthalt immer stärker der Natur, den Pflanzen, 
Landschaften, Kindern und Tieren zugewandt. Ihre 
Formensprache ist dabei komplexer und reicher geworden. 
Die Raumarbeit «1 weiblicher Monat» von März/April 1990 
kündet von dem Erlebnis des anbrechenden Frühlings, den
	        
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