Full text: Jahresbericht 1992 (1992)

ins Landesinnere 1771 ein beispielloser Fund zur portugiesi- 
schen Eroberungsgeschichte darstellte. 
Ein brasilianisches Selbstbewusstsein erwachte erst um 
1920 mit der «Woche der modernen Kunst» ın Säo Paulo. 
Die Klassiker der brasilianischen Malerei wie Tarsila do 
Amaral, Emiliano di Cavalcanti, Vicente do Rego 
Monteiro, Lasar Segall oder Candido Portinari griffen auf 
europäische Stilformen wie den Expressionismus oder Sur- 
realismus, auf Vorbilder wie Leger zurück, gestalteten 
indessen die Themen und Menschen ihrer Gegenwart. So 
ist die brasilianische Malerei chronologisch zweifellos ver- 
spätet und formal europäisiert, in ihrer sinnlichen The- 
matik und satten Farbigkeit aber der Ausdruck der erwa- 
chenden nationalen Identität, ein Ebenbild des «Schmelz- 
tiegels der Rassen». Die Einrichtung der Biennale Säo 
Paulo 1951 garantierte den erneuten internationalen 
Anschluss und formte die Richtungen von Informel und 
Neokonkreten aus, wobei von den letzeren starke Impulse 
zu Architektur und Design ausgingen. Die Zeitgenossen 
waren durch eine repräsentative Auswahl bereits bestan- 
dener Namen unterschiedlichster Positionen und Aus- 
drucksformen vertreten: Frans Krajcberg, Antonio Hen- 
rique Amaral, Francisco Brennand, Emanoel Araujo, 
Antonio Dias, Glauco Rodrigues, Carlos Martins und 
Siron Franco. 
Die insgesamt 450 Exponate stammten aus Museen und 
Bibliotheken vor allem aus Säo Paulo und Rio de Janeiro 
sowie den bedeutendsten Privatsammlungen Pimenta 
Camarga (16.—18.Jh.) und Gilberto Chateaubriand 
(20.Jh.). Der umfangreiche Katalog (inkl. Volkskunde, 
Architektur, Fotografie, Film etc.) versteht sich als erste 
deutschsprachige Einführung und Dokumentation in eine 
weitgehend unbekannte Kulturlandschaft und sieht von 
den Klischeevorstellungen Samba und Karneval ab. Über 
„Autoren tragen in kurzen Texten zum handbuchartigen 
Charakter einer Publikation bei, die jedem Brasilien- 
Reisenden von fundamentalem Wert sein wird (Redaktion 
Martin Schaub). Um so unverständlicher war der man- 
gelnde Zuspruch des Zürcher Publikums und die Ignoranz 
der lokalen Presse. Dies mag auch auf viele äussere 
Ursachen und eine zu anspruchsvolle, zu wenig didaktisch 
vermittelnde Präsentation zurückzuführen sein. Die Veran- 
stalter trösteten sich mit der Tatsache, dass mit der Entfer- 
nung von Zürich das Echo entsprechend wuchs und die 
brasilianische Publizistik die Veranstaltung als erste gültige 
Übersicht zur Kultur des fünftgrössten Landes der Welt 
begeistert und berührt aufnahm. GM 
Gustav Klimt 
Die erste Schweizer Einzelausstellung mit Werken Gustav 
Klimts, die mit rund 60 Gemälden und 140 Zeichnungen, 
der originalgrossen Kopie des berühmten «Beethoven- 
frieses» aus der Wiener Secession sowie zahlreichen 
weiteren Dokumenten zum Schaffen des grossen Wiener 
Malers und Zeichners eine der ersten umfassenden Retro- 
spektiven überhaupt darstellte, gliedert sich in eine Reihe 
erfolgreicher Präsentationen ein, die das Kunsthaus seit 
einigen Jahren den Wegbereitern der «klassischen 
Moderne» widmete: Ferdinand Hodler, James Ensor 
(1983), Gustave Moreau (1986), Edvard Munch (1988), 
Egon Schiele (1988/89), Giovanni Segantini (1990/91). 
Gustav Klimts Malerei markiert den Beginn der 
modernen Malerei in Österreich und ein bedeutendes 
Kapitel der internationalen Jugendstilkunst. Seine frühen 
Frauenporträts der Wiener Gesellschaft stehen am Wende- 
punkt von der klassizistisch beeinflussten Malerei der 
Wiener «Ringstrassenzeit» zu einer symbolistisch aufgela- 
denen Stilkunst; ihre Ausdrucksmittel bereiten den Expres- 
sionismus vor. Kaum ein anderer Künstler seiner Genera- 
tion steht mit Person und Werk so beispielhaft für die ästhe- 
tischen Spannungen, die jene Epoche bewegten, wie Klimt, 
der viele ihrer — oft widersprüchlichen — Eigenschaften in 
seinem Werk verbindet: das resolute Absetzen von einem 
überholten Akademismus mit glanzvoller grossbürgerli- 
cher Repräsentation und «Dekadenz», die einfühlsame 
«Nervenkunst» des Jugendstils mit stilisierter, goldpran- 
zender Festlichkeit, die entfesselte Erotik mit «byzanti- 
nisch» starrem Pathos, die reformatorische Geste des 
«Secessionisten» mit ornamentalem Dekor. 
Klimts Schaffen in diesem Spannungsfeld zu präsen- 
seren, war die Leitidee für den Aufbau der Ausstellung. In 
mehr oder weniger chronologischer Abfolge wechselten 
festliche Gemäldegalerien mit Kabinetten, die den Zeich- 
nungen vorbehalten waren. An einer ideellen Mittelachse
	        
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