ins Landesinnere 1771 ein beispielloser Fund zur portugiesi-
schen Eroberungsgeschichte darstellte.
Ein brasilianisches Selbstbewusstsein erwachte erst um
1920 mit der «Woche der modernen Kunst» ın Säo Paulo.
Die Klassiker der brasilianischen Malerei wie Tarsila do
Amaral, Emiliano di Cavalcanti, Vicente do Rego
Monteiro, Lasar Segall oder Candido Portinari griffen auf
europäische Stilformen wie den Expressionismus oder Sur-
realismus, auf Vorbilder wie Leger zurück, gestalteten
indessen die Themen und Menschen ihrer Gegenwart. So
ist die brasilianische Malerei chronologisch zweifellos ver-
spätet und formal europäisiert, in ihrer sinnlichen The-
matik und satten Farbigkeit aber der Ausdruck der erwa-
chenden nationalen Identität, ein Ebenbild des «Schmelz-
tiegels der Rassen». Die Einrichtung der Biennale Säo
Paulo 1951 garantierte den erneuten internationalen
Anschluss und formte die Richtungen von Informel und
Neokonkreten aus, wobei von den letzeren starke Impulse
zu Architektur und Design ausgingen. Die Zeitgenossen
waren durch eine repräsentative Auswahl bereits bestan-
dener Namen unterschiedlichster Positionen und Aus-
drucksformen vertreten: Frans Krajcberg, Antonio Hen-
rique Amaral, Francisco Brennand, Emanoel Araujo,
Antonio Dias, Glauco Rodrigues, Carlos Martins und
Siron Franco.
Die insgesamt 450 Exponate stammten aus Museen und
Bibliotheken vor allem aus Säo Paulo und Rio de Janeiro
sowie den bedeutendsten Privatsammlungen Pimenta
Camarga (16.—18.Jh.) und Gilberto Chateaubriand
(20.Jh.). Der umfangreiche Katalog (inkl. Volkskunde,
Architektur, Fotografie, Film etc.) versteht sich als erste
deutschsprachige Einführung und Dokumentation in eine
weitgehend unbekannte Kulturlandschaft und sieht von
den Klischeevorstellungen Samba und Karneval ab. Über
„Autoren tragen in kurzen Texten zum handbuchartigen
Charakter einer Publikation bei, die jedem Brasilien-
Reisenden von fundamentalem Wert sein wird (Redaktion
Martin Schaub). Um so unverständlicher war der man-
gelnde Zuspruch des Zürcher Publikums und die Ignoranz
der lokalen Presse. Dies mag auch auf viele äussere
Ursachen und eine zu anspruchsvolle, zu wenig didaktisch
vermittelnde Präsentation zurückzuführen sein. Die Veran-
stalter trösteten sich mit der Tatsache, dass mit der Entfer-
nung von Zürich das Echo entsprechend wuchs und die
brasilianische Publizistik die Veranstaltung als erste gültige
Übersicht zur Kultur des fünftgrössten Landes der Welt
begeistert und berührt aufnahm. GM
Gustav Klimt
Die erste Schweizer Einzelausstellung mit Werken Gustav
Klimts, die mit rund 60 Gemälden und 140 Zeichnungen,
der originalgrossen Kopie des berühmten «Beethoven-
frieses» aus der Wiener Secession sowie zahlreichen
weiteren Dokumenten zum Schaffen des grossen Wiener
Malers und Zeichners eine der ersten umfassenden Retro-
spektiven überhaupt darstellte, gliedert sich in eine Reihe
erfolgreicher Präsentationen ein, die das Kunsthaus seit
einigen Jahren den Wegbereitern der «klassischen
Moderne» widmete: Ferdinand Hodler, James Ensor
(1983), Gustave Moreau (1986), Edvard Munch (1988),
Egon Schiele (1988/89), Giovanni Segantini (1990/91).
Gustav Klimts Malerei markiert den Beginn der
modernen Malerei in Österreich und ein bedeutendes
Kapitel der internationalen Jugendstilkunst. Seine frühen
Frauenporträts der Wiener Gesellschaft stehen am Wende-
punkt von der klassizistisch beeinflussten Malerei der
Wiener «Ringstrassenzeit» zu einer symbolistisch aufgela-
denen Stilkunst; ihre Ausdrucksmittel bereiten den Expres-
sionismus vor. Kaum ein anderer Künstler seiner Genera-
tion steht mit Person und Werk so beispielhaft für die ästhe-
tischen Spannungen, die jene Epoche bewegten, wie Klimt,
der viele ihrer — oft widersprüchlichen — Eigenschaften in
seinem Werk verbindet: das resolute Absetzen von einem
überholten Akademismus mit glanzvoller grossbürgerli-
cher Repräsentation und «Dekadenz», die einfühlsame
«Nervenkunst» des Jugendstils mit stilisierter, goldpran-
zender Festlichkeit, die entfesselte Erotik mit «byzanti-
nisch» starrem Pathos, die reformatorische Geste des
«Secessionisten» mit ornamentalem Dekor.
Klimts Schaffen in diesem Spannungsfeld zu präsen-
seren, war die Leitidee für den Aufbau der Ausstellung. In
mehr oder weniger chronologischer Abfolge wechselten
festliche Gemäldegalerien mit Kabinetten, die den Zeich-
nungen vorbehalten waren. An einer ideellen Mittelachse