Volltext: Jahresbericht 1992 (1992)

RESTAURIERUNG 
Sammlung: Ginge es nach den Wünschen der Restauratoren, 
stünde in der Nähe der «Olivestone» von Joseph Beuys ein 
Lavabo, damit die Besucher nach der Ölprobe die Hände 
säubern könnten. Vorläufig gestalten jedoch diese Hände 
die weissen Wände ringsum — dies mag zur Ausstrahlung 
des Werkes gehören. Wenn jedoch ölbetupfte Finger- 
kuppen auf Gemälden Kontakt suchen, die nicht durch ein 
Glas geschützt werden können, dann dürfen wir unsere 
Kunststücke auf die Probe stellen. Ein spurloses Entfernen 
solcher Flecken gelang uns auf verhältnismässig einfache 
Art auf dem weissen Bild von Robert Ryman mit dem Titel 
«Counter», 
Bei Pierre Soulages’ Gemälde vom 30. November 1959 
hingegen versagten bisher alle unsere Zauberkünste. Alle 
Jahre wieder erscheint dieses Werk im Atelier, wo es seine 
durch eine extreme Trockenspannung aufgebäumten Farb- 
schichten bis zur nächsten Gelegenheit niederlegen lässt. 
Es ist dies wohl unser meist diskutierter Patient, zu dem 
kaum ein zu Besuch weilender Kollege nicht konsultiert 
würde. Alle erdenklichen Klebemittel wurden bereits 
versucht, bisher jedoch ohne anhaltenden Erfolg. Leider 
können thermoplastische Kleber nur sehr beschränkt 
verwendet werden, da die Farbschicht auf Wärme sehr 
empfindlich reagiert. Am ehesten hilft es, wenn man von 
der Rückseite die Leinwand gezielt erwärmt, während man 
von vorn die Farbschicht kühlt. 
Eine traditionelle Restaurierungsaufgabe stellte das Bild 
«Citron, bananes, prunes, verre» von Georges Braque, das 
er 1925 malte und das 1984 mit der Johanna und Walter 
L. Wolf-Sammlung dem Kunsthaus geschenkt wurde. 
Anlässlich einer weit zurückliegenden Restaurierung 
wurde das Gemälde doubliert, wobei die Sandkörner auf 
der Oberfläche nach hinten in die Leinwand hineinge- 
presst wurden. Ein glänzender gelber Firnis bedeckte die 
ursprünglich matte Temperamalerei, 
Das Ziel unserer Massnahmen bestand darin, den Firnis 
zu entfernen, die Sandkörner zurückzupressen sowie das 
unberechtigt vergrösserte Format auf die ursprünglichen 
Abmessungen zu reduzieren. Bei der Abnahme der 
Doublierung stellte sich heraus, dass die originale Lein- 
wand von der Rückseite her bis auf die Sandkörner abge- 
schliffen war und diese herauszufallen drohten. Es blieb 
deshalb nichts anderes übrig, als das Bild erneut zu dou- 
blieren, um damit den fragilen Rest der originalen Lein- 
wand zu stützen, die Sandkörner zu hinterfangen und in 
die originale Position zu bringen. Die Firnisabnahme bein- 
haltete auch die weitgehende Extraktion des in die Farb- 
schicht eingedrungenen Firnisses, was sich wegen der 
leichten Löslichkeit der Bindemittel schwierig gestaltete. 
Nach diesem Arbeitsgang zeigte sich die gesamte Malfläche 
gleichmässig monoton und stumpf, so dass sie der Pinsel- 
schrift entsprechend abschliessend mit gebleichtem Wachs 
belebt wurde. So konnte die vom Künstler beabsichtigte 
Erscheinung der Oberfläche wieder weitgehend zurück- 
gewonnen werden. 
Im Zusammenhang mit der Ausstellung «Ferdinand 
Hodler, Zeichnungen der Reifezeit» wurde ein Kolloquium 
über die verschiedenen Fassungen der Komposition «Die 
Heilige Stunde», von der unsere Sammlung das vierfigu- 
rige, 1907 geschaffene und 1911 überarbeitete Gemälde 
besitzt, durchgeführt. Um die verschiedenen Phasen dieser 
Bildidee zu verfolgen, wurde die sechsfigurige Fassung 
aus dem Kunstmuseum Solothurn im Original direkt mit 
dem Zürcher Bild konfrontiert. Unsere Untersuchungen 
ergaben, dass dieses Gemälde ursprünglich als Triptychon 
konzipiert war. In einer zweiten Phase wurde dieses als vier- 
figuriges Diptychon weiter bearbeitet, in dem die beiden 
mittleren Figuren ausgeklammert waren. Erst in der dritten 
Arbeitsphase vereinigte Hodler die drei Elemente zu einer 
einheitlichen Bildfläche. Bei der Untersuchung unseres 
eigenen Gemäldes liessen sich ebenfalls drei Schaffens- 
phasen deutlich unterscheiden, jedoch von vornherein auf 
siner einzigen Leinwand. 
Ausstellungen: Für die Ausstellung «Visionäre Schweiz» von 
Harald Szeemann kamen einmal mehr Künstler mit 
Werken ins Museum, die vorher noch nie, oder nur sehr 
selten, in einem Kunstmuseum zu sehen waren — wie man
	        
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