Volltext: Jahresbericht 1992 (1992)

erste, strenge Phase, in der die einzelnen Blumen und 
Früchte naiv direkt abgebildet werden; die Farben sind 
ungebrochen Naturstudien entnommen und die aufsich- 
tigen Anordnungen haben noch etwas von den Streu- 
mustern der Buchillustrationen. In der nächsten Stufe 
streben die Maler nach einer Vereinheitlichung der Bildwir- 
kung, indem sie die beobachteten bunten Farben brechen 
und einem durchgehenden Grundton angleichen: exem- 
plarisch zeigt dies die monumentale Tafel mit Früchten 
und Insekten an der gleichen Wand, die der mutmassliche 
Lehrer de Heems, Balthasar van der Ast, um 1625 malte. 
Den Höhepunkt der tonalen Einheit erreichen die Maler 
der «monochromen banketje», die Blumen und andere 
bunte Gegenstände in ihren aus Gläsern, Metallgeschirren 
und wenigen Speisen zusammengestellten Kompositionen 
vermeiden. Das in seiner geometrischen Strenge den 
Geschmack der Zürcher besonders ansprechende Beispiel 
von Pieter Claesz lässt schön erkennen, wie nun vor dem 
atmosphärisch aufgehellten Hintergrund das Licht zur 
Hauptsache wird, die Dinge durchdringt und aufzulösen 
beginnt. De Heem hat sich den so gewonnenen einheit- 
lichen Bildraum völlig zu eigen gemacht, denn auch er 
durchlief in den dreissiger Jahren eine rein tonale Phase, die 
in dem andern Gemälde seiner Hand in der Sammlung 
Koetser noch nachklingt; nun aber vermag er in diese 
Einheit durch die beschriebenen kunstvollen Übergänge 
und Ausponderierungen auch die entschiedensten reinen 
Buntfarben wieder zu integrieren. 
Die beiläufigen Bemerkungen zur Komposition haben 
wohl bereits ahnen lassen, dass de Heem im vorliegenden 
Stilleben auch in dieser Hinsicht eine Art finaler oder 
äusserster Synthese erreicht. Nach den raffiniert asymme- 
trischen Fügungen der mittleren Phase kehrt er wieder zu 
einem klar zentrierten, rings vom Bildrand gelösten 
Aufbau zurück, der die Dinge in ihren Hauptansichten klar 
erkennbar zeigt und als einzelne zur Geltung bringt. Doch 
statt des aufzählenden Nebeneinanders der früheren Still- 
ıeben vereinigt hier ein organisch anmutendes Beziehungs- 
zeflecht die Gegenstände zu einem unauflöslichen 
Ganzen. In Grundriss und Aufriss bildet der unauffällige 
silberne Salzstreuer den Mittelpunkt, um den sich kon- 
trapostisch in- und gegeneinander gespannt die einzelnen 
Formen gruppieren. Der horizontalen Tischplatte mit dem 
lagernden Halbkreis des kompakten Kerns der Dinge, den 
eine lockere Zone von Extremitäten, Blättern und durch- 
sichtigem Glas überwölbt, halten unten die senkrechten 
Falten, oben die Mauerkante und der schlank aufstrebende 
Pokal die Waage. Den vollständigen Ausgleich führt erst 
das Hochformat des Bildrechtecks, das früher den Blumen- 
stilleben vorbehalten blieb, herbei; es erinnert an die illu- 
sionistischen Nischen auf den Aussenseiten von spätgoti- 
schen, der Privatandacht dienenden Diptychen, die zu den 
Vorstufen der Stillebenmalerei gehören. 
Damit kehren wir abschliessend zu der bereits berührten 
Frage nach dem Bedeutungshorizont, in den dies Stilleben 
zu stellen wäre, zurück. Die subsakralen Beiklänge des 
Hochformates, die sich übrigens gleichzeitig in ähnlicher 
Abweichung vom Üblichen in Ruisdaels «Ansicht von 
Haarlem» mit der majestätisch aufragenden St.-Bavo- 
Kirche finden, werden durch den in spannungsvoll exakter 
Diagonale über die Rückwand geführten Lichtstrahl 
verstärkt. Dass dieser nun ein immateriell durchsichtiges, 
hoch aufragendes Glas mit einem bekrönenden, die Flügel 
zum Aufschwung breitenden Vogel heraushebt, lässt an 
seinem transzendenten Charakter kaum mehr Zweifel. 
Doch im Gegensatz zu den holländischen tonigen Vanitas- 
und Bankett-Stilleben zehrt dieses Licht nicht an der 
Eigenwertigkeit der irdischen Dinge, die dort als vergäng- 
liche charakterisiert werden. Der Hummer, der in der 
Emblematik als rückwärtsgehendes, niedriges Tier meist 
mit Sünde und Todverfallenheit assoziiert wird, erscheint 
hier in seinen schwellenden Formen und dem prachtvollen 
Rot so triumphierend positiv, dass er nun vielmehr in 
seinem eigentlichen Wesen als Geschöpf Gottes 
verstanden wird, so wie das Gemälde als Ganzes die Schön- 
heit der diesseitigen Dinge feiert. 
De Heem, der 1606 in Utrecht als Sohn eines Refugi- 
anten aus Antwerpen geboren wurde, kehrte nach 1631 
dorthin zurück und unterhielt später offensichtlich an 
beiden Orten Werkstätten; er vereint holländisch-prote- 
stantische Auffassungen mit flämisch-katholischen und 
überwindet so deren Antagonismus. Seine Verbindung von 
überaus genauer Gegenstandserfassung, die er der Ausbil- 
dung in Utrecht und Leiden verdankt, mit einer positiven 
Sicht auf die Dinge der Schöpfung und einem verklärenden 
Licht liessen seinen Stil und insbesondere seine Blumen-
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.