den gleichnamigen älteren Bruder Wilhelms, so dass dieser
zum Onkel Johann Jakob nach Hamburg in die Lehre
geschickt wurde. Bald veränderte er sich zu einem dort
tätigen Kunsthändler und entwickelte so ein ungewöhn-
liches kunstkritisches Unterscheidungsvermögen, das er in
Bremen, Holland, Berlin und Kassel vertiefte, während er
an all diesen Orten als erfolgreicher Portraitmaler sein Brot
verdiente.
Seine Produkte aus dieser Zeit — neben Bildnissen auch
bürgerliche Genreszenen im Geschmack des französischen
Rokoko5 — zeigen eine erstaunliche Pinselfertigkeit und
eine gepflegte dekorative Farbigkeit: Fähigkeiten, die
seinen Vetter Johann Friedrich August® als Hofmaler in
Arolsen und Dessau und schliesslich als Akademiedirektor
in Leipzig zum gediegensten Portraitisten des deutschen
Klassizismus werden liessen. Das Gruppenbildnis seiner
Familie im dortigen Museum vermag übrigens bis heute
Künstler zu faszinieren: inspirierte es doch Albrecht
Schnider zu der Kinds-Tragung, die wir im letzten Jahres-
bericht als Neuerwerbung abbilden konnten. Wilhelm
jedoch wollte sich nicht mit solcher Fachmalerei begnügen,
sondern sich der Historienmalerei als der höchsten und
schwierigsten Gattung widmen, und so strebte er zur
Weiterbildung nach Rom. Kurz nach Füsslis Abreise kam er
dort an und stürzte sich mit unermüdlichem Fleiss ins
Zeichnen nach der Natur, nach Raphael und den Antiken.
«Als ich nun lange Zeit mit dieser Genauigkeit verfahren, da
gingen mir die Augen auf und ich bekam Begriff von Form,
Charakter und Schönheit.»7
Wofür nun «Form, Charakter und Schönheit» einzu-
setzen wäre, scheint dem jungen, zur Reflexion neigenden,
aber intellektuell kaum geschulten Künstler erst in Zürich
deutlich geworden zu sein. Im Umgang mit Lavater,
Bodmer, Gessner und ihren Freunden erhielten seine
Gedanken über das mehr intuitiv Künstlerisch-Kenner-
hafte hinaus die nötige Konsistenz, die ihn zu durch-
dachten Historiengemälden befähigte, und zugleich
wurden ihm hier die Themen zu seinen Werken vermittelt.
Andererseits war es die genaue Erfassung der charakteristi-
schen Form, was Lavater schon lange für seine physiogno-
mischen Studien suchte, während ihm das Malerische
dafür nur hinderlich schien. Seine Physiognomik zielte auf
das Erkennen der Seele aus den äusseren Formen, und
dafür hielt er vor allem das Profil des Kopfes dienlich; der
Figurenmaler wiederum sucht in genauer Entsprechung die
sichtbare Gestalt für einen inneren Charakter. So nennt
Lavater die Malerei Mutter und Tochter der Physiogno-
mik8, da erst durch die Fixierung der Gesichtsformen im
Portrait diese der Analyse zugänglich werden, während
diese nun den Maler befähigen soll, seinen Figuren
passende Züge zu verleihen.
Die vier im Kunsthaus verwahrten Bildnisse aus Tisch-
beins Zürcher Zeit geben eine gute Vorstellung seiner
damaligen Absichten. Zunächst überraschen sie durch die
grossen Unterschiede in ihrer malerischen Durchführung,
so dass man gar zweifeln möchte, ob sie alle von der glei-
chen Hand stammen: der frontale, mitten ins Oval
gesetzte, fett gemalte pralle Kopf der Frau Margareta Escher
im Berg unter der Haube, die einen Blumenkranz windende,
makellos skulptural geformte Gestalt der Regula Schulthess-
O9, sodann der offensichtlich nach einem Stich mit
markigem Pinsel professionell rasch hingesetzte Voltaire und
schliesslich der genialisch in summarisch expressiven
Zügen erfasste, trotz seinen 83 Jahren aufs intensivste
auf seinen Gesprächspartner einredende Bodmer!® So
verschieden die vier Portraitierten sind, so verschieden
fielen ihre Contrefaits aus: Tischbein zielt durchaus aufs
Charakteristische und setzt es bis in die Wahl der maleri-
schen Mittel durch, und so werden die vier Bilder vorzüg-
lich von der grossformigen, auf das Wesentliche gerich-
teten Sicht des Malers und den leuchtenden, bildbeherr-
schenden Augen der Dargestellten vereint.
In seiner Lebensbeschreibung!! erzählt Tischbein
anmutig, wie ihn Lavater zu Bodmer mitgenommen und er
dort in Dreiviertelstunden den Patriarchen auf die Lein-
wand bannte. Die Unterhaltung drehte sıch um Homer,
und als der Maler ganze Partien seines Lieblingsdichters
auswendig zu rezitieren begann, «wurde der Alte ganz
lebhaft, seine Augen wurden voll Feuer; ich suchte die
lebhaften Züge zu erhaschen, und er fing nun auch an,
malerische Stellen herzusagen». Ein Bedienter bringt den
neuen Zutschen Merkur; Lavater blättert in ihm, stösst auf
Briefe eines jungen Künstlers aus Rom und beginnt vorzu-
lesen — da erweist es sich, dass es Schreiben von Tischbein
an seinen Bruder Jakob sind. «Herrliche Charaktere und
wunderliche Physionomien» habe er bei Raphael gefun-