dafür, dass schon der Name für Monarchisten zum
Anathema wurde.
Man sieht, dass für Bodmer und seinen Kreis Brutus die
zentrale Symbolfigur für die Erneuerung der ursprüng-
lichen, strengen und schlichten republikanischen Tu-
genden bildete, und so dürfte es keinem Zweifel unter-
liegen, dass Tischbein auch dieses Thema seiner geistigen
«Aufrüstung» in Zürich verdankte. Selbstverständlich
spielte für dessen Wahl der Genius loci Roms mit, wo ihm
altdeutsche Themen wie Luther nicht mehr passend erschie-
nen;** doch für das Primat der Schweizer Anregungen
zeugt, dass er für den Kopf des Brutus nicht von der
berühmten Bronze auf dem Kapitol, sondern von einem
jäämmerlichen Stichlein in Lavaters Physiognomik
ausging.® In der internationalen jungen progressiven
Künstlerschar, die hier fern von ihrer engen Heimat und
der Aufsicht ihrer Landesfürsten den modernen rigorosen
Klassizismus entwickelten, herrschte im Jahrzehnt vor der
Revolution eine Vorliebe für solche moralische Lehrstücke
aus dem alten Rom: der von «vir» («Mann») abgeleitete
Begriff der «Virtus»*°, der sich in den romanischen Spra-
chen als «vertu» oder «virtü» erhalten hat und vor allem mit
den kriegerischen Tugenden der frühen Römer assoziiert
wurde, verdrängt nun vorübergehend die im Frühklassi-
zismus zentralen Begriffe der «Schönheit» und der
«Grazie». Im gleichen Jahr 1785 malt Berthelemy, wie
Manlius Torquatus seinen siegreichen Sohn wegen militäri-
scher Insubordination hinrichten lässt,*7 und selbst die
zarte Angelika Kauffmann, die Malerin der Grazie, findet
in Cornelias Hingabe an ihre Söhne, die berühmten
Gracchen, ein Beispiel weiblicher Tugendhaftigkeit.*® Den
Extrempunkt für solch «aufgeklärten» Staatsterror erreicht
wohl der Genfer Republikaner Saint-Ours, gleichfalls auf
Plutarch zurückgreifend und auf den Spuren Rousseaus
wandelnd, in dem Gericht über die Neugeborenen zu Sparta, in
dem nur die kriegstüchtigen Bebes zur Aufzucht zuge-
Lassen werden.“
Das berühmteste derartige Bild ist natürlich Der Schwur
der Horatier von Louis David5%, gemalt im königlichen
Auftrag im Rahmen eines Förderungsprogrammes bürger-
licher und militärischer Tugenden durch Historienbilder,
denn diese bildeten die Hauptattraktion in dem alle zwei
Jahre im Louvre veranstalteten Salon, einem Divertisse-
ment ersten Ranges für die Bewohner der Hauptstadt.
Zunächst entwarf David, wie der alte Horatius seinen Sohn
verteidigt: denn dieser hatte, noch bluttrunken von dem
Sieg über die drei Curatier, seine Schwester erschlagen, als
sie sich beim Anblick der blutigen Rüstung ihres gefallenen
Bräutigams eine Träne gestattete. Auch diese Szene? skiz-
zierte David, und 1785 bestimmte sie sogar die Akademie
zur Wettbewerbsaufgabe für den Prix de Rome; Girodet,
der dabei erstmals die Aufmerksamkeit auf sich zog,
verwendete für sein Konkurrenzstück Lavaters Physio-
gnomik.° Doch wie Tischbein wählte David schliesslich
nicht das äusserliche Kampf- oder Tötungsgeschehen,
sondern die diesem vorangehende innere Entschliessung.
In Analogie zur Verschwörung des Brutus an der Leiche der
Lukretia erfand er die Szene, wie der alte Horatius seine drei
Söhne auf die Schwerter «Sieg oder Tod» schwören lässt,
während rechts die in Trauer dahinsinkende Frauengruppe
die harte Geometrie der in ihrer Kampfbereitschaft
erstarrten Männer erst recht zur Geltung bringt. Dem
typisch modernen Willen, die Stilisierung ins Extrem zu
treiben, entspricht die äusserste Spannung der Seelen-
mechanik zwischen explosiver Handlungslatenz und völlig
passiver Ergebung ın die imminente Katastrophe. Tisch-
bein, dessen eher unentschiedenem Charakter solche Rigo-
tismen nicht entsprachen, bestrebt sich vielmehr in der
Tradition Raphaels, den Gefühlsausdruck zu differen-
zieren, sowohl in den unterschiedlichen Reaktionen der
verschiedenen Figuren als auch durch die widersprüch-
lichen Affekte, welche die einzelnen Individuen
zestimmen.
Tischbein hatte David bereits während seines ersten
römischen Aufenthaltes durch seinen Vetter Friedrich
lüchtig kennengelernt, und nun wollte er, so schreibt er in
seinen mehr als dreissig Jahre später verfassten Erinne-
rungen,5* die Meinung des Franzosen zu seinem Konnadin-
Bild erfahren. Dieser aber lehnte zunächst ab — dauernd
wollten ihm junge Künstler Bilder zeigen, die kaum des
Ansehens wert seien. Schliesslich bequemte er sich doch
zu den paar Schritten und war erstaunt; ein solches
Gemälde mit Ausdruck würde keinem anderen deutschen
Künstler, selbst Mengs nicht, glücken. Er kehre bald nach
Frankreich zurück, aber er wünsche, dass die jungen
Künstler der fanzösischen Akademie dies Bild sehen