Volltext: Jahresbericht 1992 (1992)

dürften. Dann führte David Tischbein in sein Atelier und 
bat ihn um seine aufrichtige Meinung zu den eben voll- 
endeten Horatiern: «Als ich es sah, ergriff mich ein eiskalter 
Schauer über den Ernst der schwörenden Söhne!» Er 
bewunderte das Gemälde gebührend, nur wünschte er die 
Frauengruppe etwas stärker ausgeführt und ihr Inkarnat 
etwas wärmer — doch der Meister erklärte, er werde keinen 
Strich mehr daran tun. 
Ende Juli 1785 liess David die Öffentlichkeit sein 
Gemälde sehen, und es machte selbst für Römer Verhält- 
nisse unglaublich Furore. Tischbein schrieb eine einge- 
hende Kritik für den Tutschen Merkur,°5 in der er die wesent- 
lichen Punkte trefflich erfasste und zu einem sehr exakten 
Urteil gelangte. Während er die künstlerische Ökonomie 
und die Energie des Ausdrucks sehr lobt, vermisst er die 
Weichheit der Stoffe und findet Kolorit und Licht in der 
Art Caravaggios «immer hart, unangenehm und ohne 
sanfte Reflexe, das Fleisch braun und eintönig» — doch dies 
sei der martialischen Würde des Themas angemessen. 
Immerhin sind es genau diese Punkte, in denen sich sein 
Brutus markant von Davids Gemälde unterscheidet, 
obwohl auch er eine plastisch völlig klare, energisch 
greifbar wirkende Körperlichkeit anstrebt. Die spätbarock 
formverschleifende Atmosphäre ist samt dem dekorativen 
Eigenleben des Pinselwerkes verschwunden, die römisch 
monumentale Objektivität Raphaels und Carraccis im 
scharfen Gegensatz zu der in Deutschland noch herr- 
schenden Malerei wiederhergestellt, die Chodowiecki im 
Hinblick auf Oeser, Rode und Cunningham kritisierte: 
«Alle drei haben viel Genie, aber wenig Ausbildung, alle 
drei erfinden leicht, komponieren gut, zeichnen schlecht 
und kolorieren noch schlechter und führen nichts aus.» 
Damit vollzieht auch Tischbein den entscheidenden 
Umbruch zur neuen «Natürlichkeit» im Bereich der maleri- 
schen Behandlung, aber noch ohne die biedermeierliche 
Ängstlichkeit der Nazarener und der Realisten des frühen 
19. Jahrhunderts. 
Dass hier Tischbein die Einwirkung Caravaggios 
erkennt, ist von erfrischender Gegenläufigkeit zu den 
«fables convenues» der rezenteren Kunstgeschichtsschrei- 
bung. Caravaggio ist aber auch das massgebliche Vorbild 
für die der akademischen Orthodoxie unsympathische 
Bildform der halbfigurigen Historie: in seiner Kritik des 
Konradin versäumt unser sogenannte Goethe- oder dessen 
Kunst-Meyer aus Stäfa denn auch nicht, das Abschneiden 
der Unterschenkel und Füsse zu bemängeln.”” Nach der 
Ernennung zum Direktor der Akademie in Neapel 1789 
erlaubte sich Tischbein das damit verbundene Opfer der 
beiden «wissenschaftlichen» Hauptstücke der akademi- 
schen Ausbildung, der Zentralperspektive und der mensch- 
lichen Aktfigur, nicht mehr; bis zur Darstellung von Ores 
und Iphigenie 1788 hingegen war ihm die Konzentration auf 
Jie für den Ausdruck entscheidenden oberen Körperteile 
wichtiger. Indem das Geschehen nicht in einen eigenen 
Bühnenraum abgehoben erscheint, wird der Betrachter 
anmittelbarer mit ihm konfrontiert; nicht von ungefähr 
entstammt die Bildform der spätmittelalterlichen Malerei, 
in der das Heilsgeschehen mit möglichst intensiver psychi- 
scher Präsenz dem Frommen nahegebracht werden sollte.” 
Im Sinne der damaligen Völkerpsychologie entspricht die 
Gattung so der deutschen Verinnerlichung gegenüber der 
theatralischen Veräusserlichung der Affekte bei den roma- 
nischen Nationen. 
Noch eine andere Kunstgattung war für die Gestaltung 
des Brutus-Bildes konstitutiv: das antike Relief, wie es von 
Augustus bis Marc Aurel für Staatsaktionen auf öffent- 
lichen Monumenten gepflegt wurde. Schon durch diese 
Tradition musste es Tischbein für das altrömisch strenge 
Tugendbeispiel sehr geeignet erschienen sein, und so 
erreicht er über das Konradin-Bild hinaus eine überra- 
schend originelle und überzeugende Bildgestalt, die in 
besonderer Weise Inhalt und Form zur Deckung bringt und 
damit die höchste Forderung an ein Historienbild erfüllt. 
Merkwürdigerweise findet sich sogar dafür eine Anregung 
in Zürich, denn die Vignette, mit der Salomon Gessner 
Hirzels Brutus-Drama schmückte, gibt sich als Imitation 
aines antiken Reliefs.% Konsequent übersetzt Tischbein 
deren Eigenheiten: In isokephaler Reihe folgen sich die 
Figuren und füllen die Bildfläche bis auf einen schmalen 
Streifen am oberen Rande vollständig aus; durch die 
präzise Ausrichtung insbesonders der Köpfe in Profil oder 
Frontalität bleibt der Bezug zur Reliefebene stets spürbar 
und verleiht jeder Person eine genaue Bedeutung im 
Ordnungsgefüge. Der flacheren Behandlung der hinteren 
Gestalten in der Skulptur entspricht bei Tischbein die 
meisterhafte Abstufung der plastischen Präsenz, welche
	        
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