kette im Frühlicht; gelb leuchtet es um die fernsten und
höchsten Gipfel auf und erfüllt die linke Hälfte mit dem
rosa Schimmer der Morgendiämmerung, während rechts
noch nächtliches Blau über dem Wasser schwebt. Weder
das grösste noch das spektakulärste dieser Bilder, entrückt
es den Betrachter durch den Zauber seiner Stimmung und
seiner Farbharmonien, durch die durchsichtige Leichtig-
keit und bewegte Dichte seiner unberührt erhaltenen male-
rischen Ausführung. Ein ganz eigener, meditativer Klang
strahlt von ihm in den an Meisterwerken nicht armen Saal
der reifen Gemälde Hodlers aus.
Eine schillernde Farbenpracht, nun nicht in der visio-
nären Abgeklärtheit des Alters, sondern in der brodelnden
Sinnlichkeit der Jugend, glüht auch durch die orientalische
Szene von Kleopatras Tod, wie sie Max Beckmann 1910
imaginierte und nun als Dauerleihgabe der Paul-Büchi-Stif-
tung ins Kunsthaus gelangte. Nicht von ungefähr galt Beck-
mann schon vor dem Ersten Weltkrieg als eine besonders
verheissungsvolle Begabung; das neue Bild, selbst inner-
halb des sonst eher vom deutschen «Impressionismus»
geprägten Frühwerks überraschend, greift weit zurück bis
zu Delacroix oder Moreau, zeigt überraschende Parallelen
zum gleichzeitigen Expressionismus, insbesonders zu
Kokoschka, und weist auf Beckmanns eigenes, mythisch
bedeutungsschweres Spätwerk voraus: so ergänzt es unsere
drei späteren Bilder des Meisters sinnvoll und bindet sie in
das für die Gründungsjahre des Kunsthauses besonders
dichte Geflecht unserer Sammlung ein.
Einmal mehr haben sich Erna und Curt Burgauer in
ihrer grosszügigen und diskreten Art entschlossen, sich von
einem ihrer mit viel Liebe und Sorgfalt gesammelten Bil-
dern zugunsten der Öffentlichkeit zu trennen: Paul Klees
poetisch luftige Konstruktion des «Burghügels» findet sich
nun hier im Kunsthaus wieder Seite an Seite mit «Buntes
Beet» und «Marionetten», die schon in früheren Jahren
den gleichen Weg genommen haben.
Am chronologischen Ende der beeindruckenden Reihe
wertvoller Schenkungen erscheint die gewichtigste: die
fünf «Olivestone» von Joseph Beuys, die Baronessa Lu-
crezia de Domizio Durini dem Kunsthaus schenkte.
Bereits 1985, noch zu Lebzeiten von Beuys und mit seiner
Billigung, wurden Schritte zur Erwerbung dieses herausra-
genden skulpturalen Spätwerks, in dem sein künstlerisches
Denken und sein philosophisches Eingreifen eine elemen-
tare Synthese fand, in die Wege geleitet. Die Realisierung
des 1986 abgeschlossenen Kaufvertrages wurde durch äus-
sere Umstände wiederholt verzögert; im Frühjahr 1990
überraschte uns Baron Bubi Durini mit der Mitteilung,
dass sich seine Gemahlin entschlossen habe, das Werk dem
Kunsthaus Zürich nicht zu verkaufen, sondern zu
schenken. Noch vergingen zwei weitere Jahre, bis die fünf
Steine nach Zürich transportiert werden konnten und
die grosszügige Stifterin und Freundin des Künstlers das
Werk im Kunsthaus installieren konnte. Am 12. Mai,
seinem Geburtstag, wurde der neue Raum in Gegenwart
zahlreicher Gäste und Pressevertreter eröffnet und die
gemeinsame Publikation über «Olivestone» präsentiert.
Am gleichen Morgen kündigte Lucrezia de Domizio im
grossen Vortragssaal die Gründung des «Museo del
Tempo Presente» in Mailand an und stellte den visionären
Plan des Architekten Maurizio de Caro vor. Dass nun -
nicht zuletzt dank Harald Szeemann — eine der letzten
grossen Arbeiten von Joseph Beuys, der das künstlerische
Denken unserer Zeit so massgeblich mitgestaltet hat, ins
Kunsthaus gelangte und von Zürich aus ihre Wirksamkeit
entfaltet, bedeutet eine ausserordentliche Bereicherung
unserer Sammlung und eröffnet ganz neue Perspektiven.
Selten nur kommen in einem Jahr so viele Meisterwerke
ins Kunsthaus; sie wurden alle geschenkt, und wir möchten
auch hier den grosszügigen Stifterinnen und Stiftern unse-
ren verbindlichen Dank ausdrücken. Ohne sie müssten wir
dieses Jahr auf den zweiten Teil des Jahresberichtes ver
zichten, denn die Finanzkrise, die im Kunsthaus bis
zu dem überraschenden Erfolg der Klimt-Ausstellung
herrschte, liess es notwendig erscheinen, die beträchtlichen
mit der Schenkung und Aufstellung der «Olivestone» ver
bundenen Spesen dem Sammlungsfonds zu belasten —eine
Massnahme, auf die schliesslich verzichtet werden konnte.
Aus dem für Schweizer Kunst reservierten Sammlungs
fonds II wurden zwei Arbeiten von Markus Raetz
erworben: das der unfassbaren Natur des Dichters Robert
Walser so kongeniale Bildnis aus Wellkarton und «Meta-
morphose I» (Beuys/Hase), das einen neuen Bereich in
seinen langjährigen anamorphotischen Untersuchungen
erschliesst. «Die Bank» von Thomas Huber bildet das
Zentralgemälde einer umfangreichen Werkgruppe, die der