Volltext: Jahresbericht 1992 (1992)

kette im Frühlicht; gelb leuchtet es um die fernsten und 
höchsten Gipfel auf und erfüllt die linke Hälfte mit dem 
rosa Schimmer der Morgendiämmerung, während rechts 
noch nächtliches Blau über dem Wasser schwebt. Weder 
das grösste noch das spektakulärste dieser Bilder, entrückt 
es den Betrachter durch den Zauber seiner Stimmung und 
seiner Farbharmonien, durch die durchsichtige Leichtig- 
keit und bewegte Dichte seiner unberührt erhaltenen male- 
rischen Ausführung. Ein ganz eigener, meditativer Klang 
strahlt von ihm in den an Meisterwerken nicht armen Saal 
der reifen Gemälde Hodlers aus. 
Eine schillernde Farbenpracht, nun nicht in der visio- 
nären Abgeklärtheit des Alters, sondern in der brodelnden 
Sinnlichkeit der Jugend, glüht auch durch die orientalische 
Szene von Kleopatras Tod, wie sie Max Beckmann 1910 
imaginierte und nun als Dauerleihgabe der Paul-Büchi-Stif- 
tung ins Kunsthaus gelangte. Nicht von ungefähr galt Beck- 
mann schon vor dem Ersten Weltkrieg als eine besonders 
verheissungsvolle Begabung; das neue Bild, selbst inner- 
halb des sonst eher vom deutschen «Impressionismus» 
geprägten Frühwerks überraschend, greift weit zurück bis 
zu Delacroix oder Moreau, zeigt überraschende Parallelen 
zum gleichzeitigen Expressionismus, insbesonders zu 
Kokoschka, und weist auf Beckmanns eigenes, mythisch 
bedeutungsschweres Spätwerk voraus: so ergänzt es unsere 
drei späteren Bilder des Meisters sinnvoll und bindet sie in 
das für die Gründungsjahre des Kunsthauses besonders 
dichte Geflecht unserer Sammlung ein. 
Einmal mehr haben sich Erna und Curt Burgauer in 
ihrer grosszügigen und diskreten Art entschlossen, sich von 
einem ihrer mit viel Liebe und Sorgfalt gesammelten Bil- 
dern zugunsten der Öffentlichkeit zu trennen: Paul Klees 
poetisch luftige Konstruktion des «Burghügels» findet sich 
nun hier im Kunsthaus wieder Seite an Seite mit «Buntes 
Beet» und «Marionetten», die schon in früheren Jahren 
den gleichen Weg genommen haben. 
Am chronologischen Ende der beeindruckenden Reihe 
wertvoller Schenkungen erscheint die gewichtigste: die 
fünf «Olivestone» von Joseph Beuys, die Baronessa Lu- 
crezia de Domizio Durini dem Kunsthaus schenkte. 
Bereits 1985, noch zu Lebzeiten von Beuys und mit seiner 
Billigung, wurden Schritte zur Erwerbung dieses herausra- 
genden skulpturalen Spätwerks, in dem sein künstlerisches 
Denken und sein philosophisches Eingreifen eine elemen- 
tare Synthese fand, in die Wege geleitet. Die Realisierung 
des 1986 abgeschlossenen Kaufvertrages wurde durch äus- 
sere Umstände wiederholt verzögert; im Frühjahr 1990 
überraschte uns Baron Bubi Durini mit der Mitteilung, 
dass sich seine Gemahlin entschlossen habe, das Werk dem 
Kunsthaus Zürich nicht zu verkaufen, sondern zu 
schenken. Noch vergingen zwei weitere Jahre, bis die fünf 
Steine nach Zürich transportiert werden konnten und 
die grosszügige Stifterin und Freundin des Künstlers das 
Werk im Kunsthaus installieren konnte. Am 12. Mai, 
seinem Geburtstag, wurde der neue Raum in Gegenwart 
zahlreicher Gäste und Pressevertreter eröffnet und die 
gemeinsame Publikation über «Olivestone» präsentiert. 
Am gleichen Morgen kündigte Lucrezia de Domizio im 
grossen Vortragssaal die Gründung des «Museo del 
Tempo Presente» in Mailand an und stellte den visionären 
Plan des Architekten Maurizio de Caro vor. Dass nun - 
nicht zuletzt dank Harald Szeemann — eine der letzten 
grossen Arbeiten von Joseph Beuys, der das künstlerische 
Denken unserer Zeit so massgeblich mitgestaltet hat, ins 
Kunsthaus gelangte und von Zürich aus ihre Wirksamkeit 
entfaltet, bedeutet eine ausserordentliche Bereicherung 
unserer Sammlung und eröffnet ganz neue Perspektiven. 
Selten nur kommen in einem Jahr so viele Meisterwerke 
ins Kunsthaus; sie wurden alle geschenkt, und wir möchten 
auch hier den grosszügigen Stifterinnen und Stiftern unse- 
ren verbindlichen Dank ausdrücken. Ohne sie müssten wir 
dieses Jahr auf den zweiten Teil des Jahresberichtes ver 
zichten, denn die Finanzkrise, die im Kunsthaus bis 
zu dem überraschenden Erfolg der Klimt-Ausstellung 
herrschte, liess es notwendig erscheinen, die beträchtlichen 
mit der Schenkung und Aufstellung der «Olivestone» ver 
bundenen Spesen dem Sammlungsfonds zu belasten —eine 
Massnahme, auf die schliesslich verzichtet werden konnte. 
Aus dem für Schweizer Kunst reservierten Sammlungs 
fonds II wurden zwei Arbeiten von Markus Raetz 
erworben: das der unfassbaren Natur des Dichters Robert 
Walser so kongeniale Bildnis aus Wellkarton und «Meta- 
morphose I» (Beuys/Hase), das einen neuen Bereich in 
seinen langjährigen anamorphotischen Untersuchungen 
erschliesst. «Die Bank» von Thomas Huber bildet das 
Zentralgemälde einer umfangreichen Werkgruppe, die der
	        
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