Volltext: Jahresbericht 1992 (1992)

PAUL KLEE 
BURGHÜGEL, 1929 
Falls der geneigte Leser das Wort «Burghügel» mit Kinder- 
spielen oder dem unvermeidlichen, verehrenswerten «Fräu- 
lein» in Verbindung bringt, liegt dies wohl ganz im Sinn des 
bewussten Titel-Setzers Paul Klee. Auf dem relativ kleinen, 
knapp hochformatigen Werk mit einer für diesen Künstler 
ungewohnt monumentalisierenden Wirkung sind ausser 
der sich auftürmenden Linienstruktur und farbig schat- 
tjerten Flächen ja unschwer eine blaue Fahne und eine zier- 
liche Dame als einzige figurative Motive auszumachen. Die 
Burg ist dabei der Hügel — oder der Hügel gleichzeitig Burg. 
Ja mehr noch: die Verbindung mit dem Himmel durch die 
vereinheitlichende Farbstruktur wie die «Einbindung» des 
Hügels in die Landschaft, indem seine Linien gleichzeitig 
in diese überführen und zwei sogar den Horizont bilden, 
schaffen jenes Traum-Gebilde an Bild-Raum, in dem sich 
ein lapidares poetisches Geschehnis abspielt. Die ebenfalls 
an einer Linie als Fahnenstange befestigte Flagge ähnelt in 
ihrer strengen Form einer Standarte, einem militärischen 
Feldzeichen, Symbol der Besetzung, des Siegs. Um so 
rätselhafter die fluchtartige Bewegung der mädchenhaften 
Figur am äussersten linken Bildrand. Kommt sie auf den 
Besucher/Betrachter zu — oder ist sie vielmehr im Begriff, 
den Schauplatz zu verlassen? Hier eröffnet sich jedenfalls 
das weite assoziative Feld zwischen Kindheitserinne- 
rungen, poetischen Wunschbildern und phantastischen 
Bilderfindungen, wie sie im Zentrum des Werks von Paul 
Klee stehen. 
Zwischen 1921 und 1931 lehrte Paul Klee am Bauhaus in 
Weimar und Dessau. In seinen theoretischen Schriften, 
insbesondere dem «Pädagogischen Skizzenbuch», und aus 
seiner Freundschaft mit Kandinsky entwickelte sich vor 
allem in den Jahren 1927-1930 eine Nähe zu Formprinzi- 
pien des Konstruktivismus.! Dass er dabei den Kubismus, 
mit welchem er sich zur Zeit von dessen Hochblüte kaum 
beschäftigt hatte, nochmals interessierte, belegt nicht nur 
der «Burghügel» als gleichsam postkubistische «Entwick- 
lung eines Hügels und einer Burg in den Raum», auch 
andere Arbeiten dieser Jahre wie «43», 1928 (Kunstsamm- 
lung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf) oder die Zeich- 
nungen «Architektur aus Variationen» 1927 oder «Ordens- 
burg», 1929 (beide Kunstmuseum Bern, Paul Klee-Stiftung) 
verweisen auf diese Auseinandersetzung. Eine gleichfalls 
tektonische Neugier offenbart sich in vier zeitgleichen, 
seltenen Flachreliefs.2 
Wenn Klee nun auch vermehrt Lineal, Winkel und 
Zirkel als Hilfsmittel zur Konstruktion seiner Linienge- 
rüste brauchte, zeigt indessen die Farbstruktur des «Burg- 
aügels» insbesondere sein Bemühen auf, die «konstruktive 
Flächenbildung» in die «Fleischwerdung» der Linie mittels 
Binnenfarbe zu erweitern. Die rot glühenden Rhomboide 
werden durch die schwarzen Schattierungen zu Würfelge- 
5ilden, die allerdings materiell eher die Wirkung eines 
Kartenhauses als einer kristallinen Formation haben. “The 
Tubist world of broken, shifting forms, of mysterious, half- 
‚evealed relationships, was most congenial to his style of 
‘ntricate, referential symbol.”3 
Auch die früheren Besitzer des Bildes, das Sammlerpaar 
Erna und Curt Burgauer, waren von der sphärischen Räum- 
ichkeit des Werks begeistert, als sie es 1953 in der «Galerie 
d’Art Moderne» in Basel erwarben. Es erlaubte ihm jahr- 
zehntelang ein meditatives Zwiegespräch, bevor es wie vier 
andere Gemälde von Paul Klee 1985 in ein versprochenes 
Legat ans Kunsthaus Zürich aufgenommen wurde und 
[992 definitiv in die Sammlung gelangte. Hier steht es zeit- 
lich und thematisch zwischen «Buntes Beet», 1923, und 
den surrealistischeren «Marionetten», 1930. Aus der gross- 
artigen, umfangreichen Klee-Sammlung von Erna und 
Curt Burgauer wartet als viertes und letztes Werk ihr erster 
Ankauf eines Bildes dieses verehrten Künstlers auf seine 
endgültige Übersiedlung ins Kunsthaus. Curt Burgauer 
erinnert sich an Berlin: 
«Paul Klee, von dem ich nur das ‘Pädagogische Skizzen- 
5uch’ gelesen und einige Reproduktionen gesehen hatte, 
erlebte ich erstmals 1928 in einer umfassenden Ausstellung 
in der weltoffenen Galerie von Alfred Flechtheim. Der 
‘Narr der Tiefe’ brannte mir damals in seinem mystischen 
Rot entgegen; wir wussten beide nicht, dass wir eines Tages
	        
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