RESTAURIERUNG
An zwei Gemälden waren unterschiedliche Rekonstruk-
tionsarbeiten zu leisten. Während bei Johann Heinrich
Füssli fehlende Lasuren zu ergänzen waren, stellte die
qualitätsvolle Tafel mit der Beweinung Christi von Jan
Provost (1462-1529) andere Ansprüche. Grossflächige
Übermalungen und verfärbte Retouchen minderten die
Qualität des Bildes. Bei der Freilegung des Originales sah
man sich einer grossen Fehlstelle unten rechts gegenüber,
die vom linken Arm des Johannes über den Körper
der Maria bis zum oberen Teil Jesu reicht und beinahe
fünf dm? umfasst. Da Provost der Gruppe anscheinend
kein genaues Vorbild zugrunde legte und sie in weiteren
Behandlungen des gleichen Themas anders gestaltete,
fehlten ausser den erhaltenen Randbereichen für die
Rekonstruktion verbindliche Anhaltspunkte. Es blieb uns
nur der Weg eines sukzessiven Herantastens an eine mög-
liche Gestaltung, die sich der Bildeinheit und ihrem
Rhythmus einfügt. War bei der vorhergehenden Restau-
rnerung der blaue Mantel der Maria bis an den Bildrand
ausgebreitet, so erreichte man bei der heutigen Rekon-
struktion durch Abrücken des Gewandes von der Kante
eine strengere Haltung, die der vertikal gegliederten Bild-
komposition besser entspricht. Schwieriger gestaltete sich
die Erarbeitung des Kopfes Christi, bei der man die Nei-
gung des Kopfes schrittweise nach unserem ästhetischen
Empfinden in eine harmonischere Position brachte.
Modellierung und Lichtführung dieses liegenden Kopfes
mussten ebenfalls ohne Vorbild hergestellt werden; so
schwankte man stets zwischen einer stilisierten und einer
naturalistischen Auffassung. Die Hände Marias wurden
gefaltet dargestellt; als Modell dazu dienten die Hände
unserer Kollegin. Der Fels im Hintergrund bricht an der
dunkelsten Stelle ab. Bestand dort eine Grabkammer wie
bei der Tafel Provosts im Sterling and Francis Clark Insti-
tute in Williamstown? Dieser häufigen Ikonographie ent-
sprechend, deuteten wir in dem engen Raum eine dunkle
Öffnung an. Da in den erhaltenen Partien zwischen den
Figuren am Fuss des Felsen jeweils eine blühende Pflan-
zen zu sehen ist, wagten wir ein weiteres Blümchen am
rechten Rand zur Abrundung unseres Rekonstruktions-
versuches.
Bei Füsslis Thetis bittet Hephaistos um Waffen handelte es
sich nicht um lokal begrenzte Fehlstellen, sondern wie bei
den in den beiden letzten Jahresberichten beschriebenen
Fällen um das Fehlen von Lasuren, also um transparente
Farbschichten an der Gemäldeoberfläche, die bei vorher-
gehenden Restaurierungen unvorsichtigerweise abgetra-
gen wurde. Die Rekonstruktion stützt sich auf den Stich
von Edward Smith von 1805, für den das Bild gemalt
wurde. Zunächst wurde eine fehlerhafte Übermalung
abgetragen, die das Gewölbe oben in der Mitte unkennt-
lich gemacht hatte; sodann wurden auf dem bestehenden
Firnis die schräg einfallenden Lichtstreifen ergänzt sowie
die weiss und flach wirkenden Inkarnate modelliert und
farblich differenziert, besonders jene der beiden goldenen
Jungfrauen. Diese Rekonstruktion wurde optisch nicht
dem Zustand von 7heseus empfängt von Ariadne den Faden
angeglichen, weil der Altersbräunung von Firnis und
Lasuren nicht vorgegriffen werden sollte. So wurden eine
kohärente Erscheinung der Plastizität von Körpern und
Falten, die für Füssli so wesentlichen Lichtführung und
ain einheitlicher Gesamteindruck zurückgewonnen.
Eine grosse, aber auch sehr reizvolle Arbeit bedeutete
die Vorbereitung unserer Ausstellung «Von Claude Lor-
rain bis Giovanni Segantini» zum Thema «Gemäldeober-
fläche und Bildwirkung» (vgl. S. 21). Neben dem Studium