Volltext: Jahresbericht 1996 (1996)

RESTAURIERUNG 
An zwei Gemälden waren unterschiedliche Rekonstruk- 
tionsarbeiten zu leisten. Während bei Johann Heinrich 
Füssli fehlende Lasuren zu ergänzen waren, stellte die 
qualitätsvolle Tafel mit der Beweinung Christi von Jan 
Provost (1462-1529) andere Ansprüche. Grossflächige 
Übermalungen und verfärbte Retouchen minderten die 
Qualität des Bildes. Bei der Freilegung des Originales sah 
man sich einer grossen Fehlstelle unten rechts gegenüber, 
die vom linken Arm des Johannes über den Körper 
der Maria bis zum oberen Teil Jesu reicht und beinahe 
fünf dm? umfasst. Da Provost der Gruppe anscheinend 
kein genaues Vorbild zugrunde legte und sie in weiteren 
Behandlungen des gleichen Themas anders gestaltete, 
fehlten ausser den erhaltenen Randbereichen für die 
Rekonstruktion verbindliche Anhaltspunkte. Es blieb uns 
nur der Weg eines sukzessiven Herantastens an eine mög- 
liche Gestaltung, die sich der Bildeinheit und ihrem 
Rhythmus einfügt. War bei der vorhergehenden Restau- 
rnerung der blaue Mantel der Maria bis an den Bildrand 
ausgebreitet, so erreichte man bei der heutigen Rekon- 
struktion durch Abrücken des Gewandes von der Kante 
eine strengere Haltung, die der vertikal gegliederten Bild- 
komposition besser entspricht. Schwieriger gestaltete sich 
die Erarbeitung des Kopfes Christi, bei der man die Nei- 
gung des Kopfes schrittweise nach unserem ästhetischen 
Empfinden in eine harmonischere Position brachte. 
Modellierung und Lichtführung dieses liegenden Kopfes 
mussten ebenfalls ohne Vorbild hergestellt werden; so 
schwankte man stets zwischen einer stilisierten und einer 
naturalistischen Auffassung. Die Hände Marias wurden 
gefaltet dargestellt; als Modell dazu dienten die Hände 
unserer Kollegin. Der Fels im Hintergrund bricht an der 
dunkelsten Stelle ab. Bestand dort eine Grabkammer wie 
bei der Tafel Provosts im Sterling and Francis Clark Insti- 
tute in Williamstown? Dieser häufigen Ikonographie ent- 
sprechend, deuteten wir in dem engen Raum eine dunkle 
Öffnung an. Da in den erhaltenen Partien zwischen den 
Figuren am Fuss des Felsen jeweils eine blühende Pflan- 
zen zu sehen ist, wagten wir ein weiteres Blümchen am 
rechten Rand zur Abrundung unseres Rekonstruktions- 
versuches. 
Bei Füsslis Thetis bittet Hephaistos um Waffen handelte es 
sich nicht um lokal begrenzte Fehlstellen, sondern wie bei 
den in den beiden letzten Jahresberichten beschriebenen 
Fällen um das Fehlen von Lasuren, also um transparente 
Farbschichten an der Gemäldeoberfläche, die bei vorher- 
gehenden Restaurierungen unvorsichtigerweise abgetra- 
gen wurde. Die Rekonstruktion stützt sich auf den Stich 
von Edward Smith von 1805, für den das Bild gemalt 
wurde. Zunächst wurde eine fehlerhafte Übermalung 
abgetragen, die das Gewölbe oben in der Mitte unkennt- 
lich gemacht hatte; sodann wurden auf dem bestehenden 
Firnis die schräg einfallenden Lichtstreifen ergänzt sowie 
die weiss und flach wirkenden Inkarnate modelliert und 
farblich differenziert, besonders jene der beiden goldenen 
Jungfrauen. Diese Rekonstruktion wurde optisch nicht 
dem Zustand von 7heseus empfängt von Ariadne den Faden 
angeglichen, weil der Altersbräunung von Firnis und 
Lasuren nicht vorgegriffen werden sollte. So wurden eine 
kohärente Erscheinung der Plastizität von Körpern und 
Falten, die für Füssli so wesentlichen Lichtführung und 
ain einheitlicher Gesamteindruck zurückgewonnen. 
Eine grosse, aber auch sehr reizvolle Arbeit bedeutete 
die Vorbereitung unserer Ausstellung «Von Claude Lor- 
rain bis Giovanni Segantini» zum Thema «Gemäldeober- 
fläche und Bildwirkung» (vgl. S. 21). Neben dem Studium
	        
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