Full text: Jahresbericht 1996 (1996)

HINWEISE AUF 
EINIGE NEUERWERBUNGEN 
ZWEI LANDSCHAFTEN VON 
CLAUDE LORRAIN 
Das Vergnügen beim Betrachten von Landschaftsgemäl- 
den ist ein anderes, als uns der Spaziergang in freier Luft 
vermittelt, auch wenn sich beides, durch unterirdische 
Adern rätselhaft vernetzt, befruchtend anregt, vielfältig 
unbestimmbare Erinnerungen und Anmutungen von hier 
nach dort und umgekehrt spielen. Beim Gemälde ist 
zunächst nur das Auge, der Sehsinn angesprochen; hier 
wird ihm vorgestellt, was sonst flüchtig vorbeizieht. Das 
unwandelbar der Anschauung Festgehaltensein faszinier- 
te wohl schon immer in den ältesten realistischen Land- 
schaften bei Campin, van Eyck, van der Weyden: so klar 
umrissen und in reinen Farben leuchtend stehen hier 
Hügel, Häuser, Bäume; dass sie zum Greifen nah und 
doch wie im Paradies verklärt und ewig frühlingshaft sind 
- und tatsächlich erscheinen sie ja oft als Aussicht aus dem 
himmlischen Palast Mariae und der Heiligen. Solche Ver- 
söhnung von Diesseits und Jenseits liegt als ferner Glanz 
noch lange auf Landschaftsbildern, bald stärker, bald 
schwächer —- am entschiedensten aber wohl auf denjeni- 
gen Claude Lorrains, in denen sich dies überirdische 
Leuchten in dem die ganze Atmosphäre erfüllenden Licht 
der Sonne realisiert hat. 
Im 16. Jahrhundert erkundete man die Erde: die Welt- 
landschaften Patenirs, in der sich die winzigen Heiligen in 
der irdischen Weite verlieren und der Blick wie aus einem 
Luftschiff bis zu dem sich wölbenden Horizont der Erd- 
kugel schweift, markieren den Übergang, den Höhepunkt 
aber Pieter Brueghel. Auch er liebt den Überblick, doch 
ist der Standort vom Himmel auf einen Berg gesenkt, im 
Vordergrund finden sich meist Figuren, die den Blick auf 
der Erde positionieren und damit eine bestimmte irdische 
Perspektive. Es entwickelt sich ein Gefühl für die spezifi- 
sche Situation: des Fuhrmanns im sumpfigen Waldtal, des 
Ackermanns auf dem sich wölbenden Felde, meist aber 
des Wanderers und Reisenden, der von der Bergflanke in 
die Tiefe des Tales und auf das ferne Ziel hin zieht. Dia- 
gonalen bestimmen diese bedrohliche, dynamisch flie- 
hende Welt; die hier entwickelten Schemata halten sich 
hartnäckig - sie bestimmen auch unsere frühe Landschaft 
von Claude Lorrain, deren besonderes Interesse nicht 
zuletzt in dem direkten Anknüpfen an diese Tradition 
und ihrer Umdeutung liegt. Vermittelt wurde sie ihm von 
Paul Bril, der bereits um 1575 nach Rom kam und dort bis 
zu seinem Tod 1626 der führende Landschaftsmaler — 
auch in Italien eine Spezialität der Niederländer - blieb; 
zahlreich findet sich bei ihm die Situation am Rande des 
Gebirges mit Wasserfällen, Höhlen oder Felstoren und 
dem Ausblick in die Ebene. Claude rückt den Vorder- 
grund näher, Bäume und Figuren werden grösser. Ohne 
durch Wege oder dergleichen direkt ins Bild gezogen zu 
sein, fühlt sich der Betrachter der Situation der kleinen 
Jagdgesellschaft teilhaftig. Die fallende Diagonale des 
Abhangs ist weniger steil und vielfach gebrochen, vor 
allem wird sie durchkreuzt von den beiden Wasserläufen, 
die optisch von der Position des Betrachters in der Mitte 
ausstrahlen. Die Jäger pirschen und spähen nicht mehr: 
nur noch vom Gebell der Hunde verfolgt, schlagen sich 
hinten Hirsch und Reh in den Busch; man sammelt sich 
nach getanem Waidwerk. Im späterem Bild hat der Jäger 
sein Ziel ganz vergessen und schaut dem Maler beim Zeich- 
nen zu: lebenspraktisches Streben ist der Anschauung 
oder, wie die Griechen sagten, der Theorie gewichen. 
So eignet diesen älteren Landschaften etwas Erzähleri- 
sches. Wird in den Bildgründen des 15. Jahrhunderts in 
objektiver Allgemeinheit gezeigt, wo sich das Geschehen 
abspielt, beginnt sich um 1500 der Landschaftscharakter 
dem Charakter des Ereignisses zu nähern: der Meister des 
Ritter Coeur und Bellini sind die Vorläufer solcher 
Abstimmung von Seelen- und Naturlage. Vor allem die 
atmosphärische Stimmung - das unterschiedliche Licht 
der Tages- und der Jahreszeiten, das Klare, Bewölkte oder 
Drückende der Wetterlage - dient der Steigerung der psy-
	        
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