HINWEISE AUF
EINIGE NEUERWERBUNGEN
ZWEI LANDSCHAFTEN VON
CLAUDE LORRAIN
Das Vergnügen beim Betrachten von Landschaftsgemäl-
den ist ein anderes, als uns der Spaziergang in freier Luft
vermittelt, auch wenn sich beides, durch unterirdische
Adern rätselhaft vernetzt, befruchtend anregt, vielfältig
unbestimmbare Erinnerungen und Anmutungen von hier
nach dort und umgekehrt spielen. Beim Gemälde ist
zunächst nur das Auge, der Sehsinn angesprochen; hier
wird ihm vorgestellt, was sonst flüchtig vorbeizieht. Das
unwandelbar der Anschauung Festgehaltensein faszinier-
te wohl schon immer in den ältesten realistischen Land-
schaften bei Campin, van Eyck, van der Weyden: so klar
umrissen und in reinen Farben leuchtend stehen hier
Hügel, Häuser, Bäume; dass sie zum Greifen nah und
doch wie im Paradies verklärt und ewig frühlingshaft sind
- und tatsächlich erscheinen sie ja oft als Aussicht aus dem
himmlischen Palast Mariae und der Heiligen. Solche Ver-
söhnung von Diesseits und Jenseits liegt als ferner Glanz
noch lange auf Landschaftsbildern, bald stärker, bald
schwächer —- am entschiedensten aber wohl auf denjeni-
gen Claude Lorrains, in denen sich dies überirdische
Leuchten in dem die ganze Atmosphäre erfüllenden Licht
der Sonne realisiert hat.
Im 16. Jahrhundert erkundete man die Erde: die Welt-
landschaften Patenirs, in der sich die winzigen Heiligen in
der irdischen Weite verlieren und der Blick wie aus einem
Luftschiff bis zu dem sich wölbenden Horizont der Erd-
kugel schweift, markieren den Übergang, den Höhepunkt
aber Pieter Brueghel. Auch er liebt den Überblick, doch
ist der Standort vom Himmel auf einen Berg gesenkt, im
Vordergrund finden sich meist Figuren, die den Blick auf
der Erde positionieren und damit eine bestimmte irdische
Perspektive. Es entwickelt sich ein Gefühl für die spezifi-
sche Situation: des Fuhrmanns im sumpfigen Waldtal, des
Ackermanns auf dem sich wölbenden Felde, meist aber
des Wanderers und Reisenden, der von der Bergflanke in
die Tiefe des Tales und auf das ferne Ziel hin zieht. Dia-
gonalen bestimmen diese bedrohliche, dynamisch flie-
hende Welt; die hier entwickelten Schemata halten sich
hartnäckig - sie bestimmen auch unsere frühe Landschaft
von Claude Lorrain, deren besonderes Interesse nicht
zuletzt in dem direkten Anknüpfen an diese Tradition
und ihrer Umdeutung liegt. Vermittelt wurde sie ihm von
Paul Bril, der bereits um 1575 nach Rom kam und dort bis
zu seinem Tod 1626 der führende Landschaftsmaler —
auch in Italien eine Spezialität der Niederländer - blieb;
zahlreich findet sich bei ihm die Situation am Rande des
Gebirges mit Wasserfällen, Höhlen oder Felstoren und
dem Ausblick in die Ebene. Claude rückt den Vorder-
grund näher, Bäume und Figuren werden grösser. Ohne
durch Wege oder dergleichen direkt ins Bild gezogen zu
sein, fühlt sich der Betrachter der Situation der kleinen
Jagdgesellschaft teilhaftig. Die fallende Diagonale des
Abhangs ist weniger steil und vielfach gebrochen, vor
allem wird sie durchkreuzt von den beiden Wasserläufen,
die optisch von der Position des Betrachters in der Mitte
ausstrahlen. Die Jäger pirschen und spähen nicht mehr:
nur noch vom Gebell der Hunde verfolgt, schlagen sich
hinten Hirsch und Reh in den Busch; man sammelt sich
nach getanem Waidwerk. Im späterem Bild hat der Jäger
sein Ziel ganz vergessen und schaut dem Maler beim Zeich-
nen zu: lebenspraktisches Streben ist der Anschauung
oder, wie die Griechen sagten, der Theorie gewichen.
So eignet diesen älteren Landschaften etwas Erzähleri-
sches. Wird in den Bildgründen des 15. Jahrhunderts in
objektiver Allgemeinheit gezeigt, wo sich das Geschehen
abspielt, beginnt sich um 1500 der Landschaftscharakter
dem Charakter des Ereignisses zu nähern: der Meister des
Ritter Coeur und Bellini sind die Vorläufer solcher
Abstimmung von Seelen- und Naturlage. Vor allem die
atmosphärische Stimmung - das unterschiedliche Licht
der Tages- und der Jahreszeiten, das Klare, Bewölkte oder
Drückende der Wetterlage - dient der Steigerung der psy-