Volltext: Jahresbericht 1996 (1996)

GIOVANNI SEGANTINI 
LA VANITÄ O0 LA FONTE DEL MALE, 1897 
Segantini gehört, wie Hodler, Gauguin oder Munch, zu 
den wichtigsten europäischen Künstler des für die Moder- 
ne grundlegenden Fin de siecle und Jugendstils. Ihre Dar- 
stellungen entfalten durch einen kühnen Einsatz künstle- 
risch elementarer Mittel wie reine Farbigkeit und flächige 
Stilisierung eine neuartig intensive Wirkung, doch ihr 
weltanschaulicher Grund offenbart sich vor allem in den 
oft eigenwilligen und überraschenden symbolistischen 
Kompositionen, in denen ihrer Alltäglichkeit entrückte 
Figuren zu Symbolen allgemeiner Lebensgesetze gestei- 
gert werden: es ist der Moment, in dem Böcklin als der 
grosse Vorläufer der progressiven Künstler erscheint. 
Schon in seinen frühen, dunkeltonig realistischen 
Bildern strebte Segantini allgemeine Aussagen an, indem 
er die Genreszenen aus dem bäuerlichen Leben der Brianza 
in gestalthaft evokative Situationen verdichtete. Der 
künstlerische Durchbruch erfolgte 1886 durch die Über- 
siedlung nach Savognin mit seinen alpinen Motiven und 
der Erarbeitung einer divisionistischen Maltechnik, mit 
der die leuchtenden Farben und das intensive Licht der 
Bergwelt zu erfassen war. Um 1890 gerät der Realismus auf 
breiter Front in die Krise: nach einem halben Jahrhundert 
der malerischen Umsetzung des Wirklichkeitseindrucks 
lässt sich die Wirkung kaum mehr steigern. Monet sucht 
mit den Serien, Renoir mit einem neuen Klassizismus das 
formal Undefinierte der «Impression» zu überwinden; 
van Gogh und Gauguin brechen zu revolutionären Expe- 
rimenten auf; Bonnard realisiert blutjung mit unseren Oua- 
tre panneaux decoratifs einen radikal flächigen Stil. Gleich- 
zeitig findet der erste symbolistische Salon statt, in dem 
Hodlers Nacht als stärkste künstlerische Leistung erscheint 
und seinen Durchbruch von einem helltonigen Realismus 
zu einem monumentalen Symbolismus markiert. 
Nun beginnt auch Segantini symbolistische Komposi- 
tionen zu malen. Noch 1889 vermochte er mit //_frutto 
d’amore das Genrehafte nicht zu überwinden, in dem 
während des Realismus das Symbolische integriert wurde: 
Courbets Begriff der «allegorie reelle», vor allem Millets 
asketisch ausdrucksstarke Figurenbildung, die Segantini 
ebenso wie van Gogh seinem Menschenbild zu Grunde 
legte, verdeutlichen diesen Zusammenhang. Der Über- 
gang vom Realismus zum Symbolismus zeigt sich ent- 
sprechend wie in der zeitgenössischen Literatur, etwa bei 
C. F. Meyer, öfters nicht als formale Revolution, sondern 
als inhaltliche Verschiebung, in dem der bedeutungs- 
schwangere Kern des Werkes mit irrealen Elementen die 
fiktional «natürliche» Oberfläche der Erscheinung durch- 
bricht. Der Vorgang bleibt deshalb reversibel: gerade 
Segantini zeigt die fliessenden Übergänge zwischen einem 
«Jatenten» und einem «offenen» Symbolismus. Der 
Durchbruch zu diesem gelingt ihm bezeichnenderweise 
mittels eines literarischen Textes, der pseudobuddhisti- 
schen poetischen Vision Illicas der Strafe der Wollüstigen. 
Dass dieses Gemälde in Berlin auf Kritik stiess, in England 
aber Begeisterung auslöste und von der Galerie in Liver- 
pool sogleich erworben wurde, weist auf die Bedeutung 
der englischen Präraffaeliten als Vorläufer der kontinenta- 
len Entwicklung: noch für die Vanıita o la fonte del male bil- 
dete Burne-Jones Spiegel der Venus den Ausgangspunkt, wie 
Segantinis Verwendung dieses Titels in der ersten Erwäh- 
nung seiner neuen Komposition belegt.‘ Dieses Gemälde 
ist das letzte symbolistische im engeren Sinn; im grossen 
Triptychon der Natur sind die allegorischen Elemente in 
die Rahmen verbannt, die Hauptbilder aber von einer 
künstlerischen Dichte, die den realistischen Inhalt von 
symbolischen Obertönen förmlich vibrieren lässt. 
Nur sechs symbolistische Kompositionen hat Seganti- 
ni von 1891 bis 1897 geschaffen, Wiederholungen und 
Grenzfälle wie Die vom Glauben getröstete Trauer mit ihren 
beiden Engelchen im Oberbild nicht mitgezählt.‘ Sie glie- 
dern sich in drei Paare, die inhaltlich als Gegenstücke zu 
verstehen sind, auch wenn sie formal keine Pendants bil- 
den, und kreisen alle um die Liebe. Wie Segantini im Rah- 
men des Symbolismus formal einen betonten Naturalis- 
mus pflegt, so geht es ihm auch inhaltlich primär um die 
Fruchtbarkeit und die Mutterliebe, während in dem
	        
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