dominierenden, antinaturalistisch «dekadenten» Symbo-
lismus die männervertilgende «femme fatale» als Sphinx,
Salome, Messalina oder dergleichen vorherrscht. Nur in
einem der sechs Bilder ist ein Mann zu sehen: sie kreisen
um die Frau und ihre Haltung zwischen geschlechtlicher
Liebe und Mutterschaft. In der bereits erwähnten Strafe der
Wollüstigen schweben die ihre Fruchtbarkeit verweigern-
den Schönen in einem eisigem Hochtal; in den Bösen
Müttern‘ ist der Bildgedanke dem Gedicht und seinem
inhaltlichen Fortgang folgend weiter entwickelt: die wal-
lenden rotgoldenen Haare haben sich in Bäumen verfan-
gen, aus deren Ästen die Köpfe der abgewiesenen Kinder
wachsen und im Säugen die Erlösung von der Unfrucht-
barkeit anbahnen. In den kleinen, bläulich monochro-
men Wiederholungen im Kunsthaus erscheinen die phan-
tastischen Szenen aus der blendenden Helle des
Wintertages in ein traumhaftes Mondlicht entrückt.
Das folgende symbolistische Bilderpaar bringt mit den
Titeln Angelo della vita und Dea d’amore die polaren Aspek-
te der Liebe unmittelbar zur Geltung.‘ Im ersten Bild sitzt
eine Mutter mit dem Kind in einer noch weitgehend kah-
len Birke; die Erinnerung an die Madonna im Dornbusch
stellt sich ein und macht den Nebentitel Dea cristiana
plausibel. Die Dea pagana schwebt, träumerisch liegend
und von rotem Haar und Schleier umwallt, in einem dia-
gonal gerichteten ovalen Bildfeld; die Rechte ist in einem
Gestus der Enthüllung über den Kopf gehoben.
Die zwei letzten Gemälde setzen die Themen der bei-
den vorangegangenen Bildpaare einander gegenüber und
aähern sich in ihrer erzählerischen Verzeitlichung bereits
wieder etwas dem Genre. In L’Amore alle fonti della vita
schreitet ein weiss gewandetes Liebespaar zu der vom
Engel des Lebens bewachten, sprudelnden Quelle; der
Mond am Morgenhimmel verweist ebenso auf Keusch-
heit wie Fruchtbarkeit. Die Vanıtd schliesslich knüpft mit
der sich allein im ruhenden Tümpel betrachtenden Frau
zunächst an die für ihre unfruchtbare, selbstische Wollust
bestraften Schwebegestalten im eisigen Hochtal an. Doch
in diesem Aspekt eines weiblichen Narziss erschöpft sich
die komplexe Bedeutung des scheinbar so einfachen Bild-
gedankens nicht - allgemein ist für den Symbolismus eine
vieldeutige Evokationskraft charakteristisch, die weniger
auf ein rationales Verstehen als auf ein sehnendes Ahnen
zielt. Aus dem Wasser blickt der Maid, quasi als Wider
schein ihrer roten Haarpracht, eine Drachenschlange ent
gegen, neckisch zum Spiele lockend: die sich ihrer Schön
heit bewusst werdende Jungfrau ist zugleich Eva in der
Versuchung, wie sie etwa der schwäbische Klassizist
Schick nach Miltons Paradise lost imaginierte.” In ähnli
cher Stellung zögert sie dort vor dem Wasser, das ihr den
Spiegel der Erkenntnis entgegenhält. In den gleichen
Monaten suchte Segantini Adam und Eva im irdischen
Paradies zu gestalten, für das er grosse, brillante Naturstu-
dien zu Quell und Pflanzen malte; doch kam das Projekt
ebenso wie andere symbolistische Ideen nicht über die
Entwurfsphase hinaus und zeigt so die Schwierigkeiten
solcher Phantasiegebilde.
Doch das Gemälde führt auch über diese negative, in
christlicher Tradition stehende Bedeutung hinaus -
Segantinis Vorliebe für Nietzsche lässt nichts anderes
erwarten. Wie in der Weiterentwicklung der Strafe der
Wollüstigen zu den Bösen Müttern ein dynamisches Ele:
ment dazutrat, stellte sich Segantini auch hier eine zeitli
che Bewegung vor. Seine Absicht, das Bild in einer Aus
stellung in Florenz mit der Fonte della vita und der Frutta
del’amore zu einem «trio simbolico» zu vereinen, bindet
bereits diese erste, ambivalente Stufe in die Reifung der
Frau zur Mutter ein.® Wie das Liebespaar aus der Tiefe
zum Quell des Lebens im Vordergrund schreitet, deutet
hier das in den Wiesengrund fliessende Bächlein einen
Verlauf an, der das noch kontemplativ ruhende Wasser zu
einem Reigentanz und einer einzelnen, aus dem Wald
oder dem Tal sich nähernden Figur führen wird. Während
der Vordergrund im Schatten ruht, leuchten die grünen
Weiden in der Sonne.
Neben dieser linearen Entwicklung dachte Segantinı
auch an den zirkularen Wechsel der Natur und der Stim:
mungen. Bereits in Angelo della vita hatte er die von ihm
als zentralen positiven Wert betrachtete Mutterschaft in
einen nahezu kahlen Baum gesetzt und so die negativen
Aspekte in den Lebensvollzug integriert. Über die Vanıtä
schrieb er an J. W. Beatty, den Organisator der Internatio-
nalen Kunstausstellung im Carnegie Institute in Pitts-
burgh, wo das Gemälde 1897 erstmals ausgestellt wurde:
«Il quadro speditovi rappresenta la Vanitä e l’Insidia che
studiai in una figura femminile verginalmente pudica, che