der bevorzugten Themen in Vuillards Werk werden. In
Hunderten von Bildern malt er seine geliebte Nichte,
angefangen mit dem winzigen, drolligen Wesen auf dem
Schoss der Mutter, über das quirlige, vor Leben sprühen-
de kleine Mädchen vor den amüsierten Blicken seines
Vaters bis zu der erwachsen gewordenen, nachdenklichen
jungen Frau. Dabei weicht die Anonymität und Stilleben-
haftigkeit der Menschen der frühen Bilder einer lebendi-
geren und realitätsnaheren Sicht. Das Doppelporträt von
Annette und ihrem jüngeren, 1901 geborenen Bruder
Jacques entstand während eines der zahlreichen Besuche
bei ihrem Onkel und ihrer Grossmutter in der Rue de la
Tour in Paris, wo Vuillard mit seiner Mutter, mit der er bis
an ihr Lebensende zusammenlebte, von 1904 bis 1907
wohnte.
Das Werk gehört in die Schaffensperiode Vuillards, die
auf die entscheidende künstlerische Wende um 1900 folgt
und in der die flächige Kompositionsweise seiner Nabis-
Bilder von einer stärkeren Betonung des Räumlichen
abgelöst wird. Mit seinem Verhältnis zum Raum wandelt
sich auch das zum Licht und zur Farbigkeit. Seine Farben
werden heller und gewinnen an Leuchtkraft. Es ist die
Zeit, in der die «Fauves» hervortreten und in der Maler wie
Monet, Renoir, Degas und Redon sich ebenfalls zu einer
intensiveren Farbigkeit bekennen. Das Licht beginnt nun
den Raum deutlicher zu artikulieren und die Gestalten zu
modellieren. In dem Geschwisterbild lässt die durch das
Fenster von rechts hereinfallende Helligkeit bei der hinter
dem Tisch sitzenden, frontal gesehenen Annette die linke
Haarpartie mit der weissen Schleife und ihre linke Hand,
in die sie den Kopf stützt, aufleuchten, während das
Gesicht in einen beigegrünen Schatten zurückfällt, in
dem ihre Züge undeutlich werden. Das Licht erhellt auch
die linke Seite von Jacques’ Gesicht, der sich, links am
Tisch sitzend, dem Betrachter im Dreiviertelprofil zuwen-
det und ihn mit grossen, aufmerksamen Augen voll an-
schaut. Unter dem Lichteinfall scheint sein Haar golden
auf, indes das Türkisgrün der im Schatten liegenden rech-
ten Wange auch dadurch, dass es im rechten Augapfel
wiederauftaucht, die Intensität des Blickes verstärkt.
Wie in zahlreichen Werken um 1906 lässt die skizzen-
haft lockere Pinselstruktur den beigebraunen Karton, den
Vuillard mit Vorliebe als Malgrund verwendete, an vielen
Stellen unbemalt hervortreten und auf diese Weise an der
Farbgestaltung des Bildes mitwirken. Aus dem Nebenein-
ander von «fertigen» und «unfertigen» Partien gewinnt das
Bild seinen besonderen Reiz. Die betonte Mitsprache des
Untergrundes sorgt für eine erneute Bindung an die
Fläche und für eine Verunklärung der Raumgrenzen.
Auch der im Aufblick sich in die Fläche dehnende Tisch
trägt zu dem Ausgleich zwischen Tiefenräumlichkeit und
Flächigkeit bei, in dem sich Vuillards neues Bedürfnis
nach Raumhaltigkeit mit den Errungenschaften des in der
Nabis-Zeit entwickelten dekorativen Flächenstils verbin-
det. Aus der insgesamt verhaltenen Farbigkeit leuchten
einzelne intensive Farbtupfer wie kostbare Steine hervor:
sin kräftiges Ultramarinblau in Jacques’ Künstlerschleife
und ın Annettes Kleid und Haarschleife, ein funkelndes
Karminrot, das sich über die Tischplatte verteilt und in
dem vor Annette liegenden Buch mit Weiss vermischt
erscheint, sowie ein saftiges Grün in der Tischpflanze und
in der Stuhllehne hinter Jacques. Die beiden Geschwister
sind durch das gemeinsame Violettbraun ihrer Kleider
harmonisch miteinander verbunden. Von der älteren
Schwester und ihrer lockeren, entspannten Haltung geht
nichts Dominierendes aus. Die Geste des in die Hand
gestützten, geneigten Kopfes ähnelt in verblüffender
Weise der typischen Sitzhaltung ihrer Mutter in den
frühen Nabis-Bildern, in denen Vuillard allerdings Maries
Pose zum Ausdruck ihrer Mädchenhaftigkeit und ihres
Liebreizes extrem übersteigerte. Jacques’ aufrechtem
«Modellsitzen» in dem hohen weissen Kragen und der
voluminösen Künstlerschleife und seinem Innehalten
beim Malen oder Schreiben haftet noch etwas Zaghaftes,
fast Ängstliches an. In seinem offenen, beseelten Gesicht
spiegelt sich jedoch die grosse Zärtlichkeit, mit der Vuil-
lard ihn umfängt. In das Bild der ihm so nahestehenden
Kinder fliessen unbewusst auch seine Gefühle für den ihm
seit der Schulzeit verbundenen Freund Kerr und die Liebe
zu seiner Schwester «Mimi» mit ein. Mit dem durch die
zugezogenen Vorhänge hereinfallenden Licht und dem
edelsteinhaften Aufleuchten der einzelnen Farbflecken
verklärt Vuillard das friedliche Beisammensein der
Geschwister in der Intimität und Geborgenheit des Hau-
ses zu einem dem Alltäglichen entrückten Dasein.
Ursula Perucchi-Petri