Metadaten: Jahresbericht 1996 (1996)

der bevorzugten Themen in Vuillards Werk werden. In 
Hunderten von Bildern malt er seine geliebte Nichte, 
angefangen mit dem winzigen, drolligen Wesen auf dem 
Schoss der Mutter, über das quirlige, vor Leben sprühen- 
de kleine Mädchen vor den amüsierten Blicken seines 
Vaters bis zu der erwachsen gewordenen, nachdenklichen 
jungen Frau. Dabei weicht die Anonymität und Stilleben- 
haftigkeit der Menschen der frühen Bilder einer lebendi- 
geren und realitätsnaheren Sicht. Das Doppelporträt von 
Annette und ihrem jüngeren, 1901 geborenen Bruder 
Jacques entstand während eines der zahlreichen Besuche 
bei ihrem Onkel und ihrer Grossmutter in der Rue de la 
Tour in Paris, wo Vuillard mit seiner Mutter, mit der er bis 
an ihr Lebensende zusammenlebte, von 1904 bis 1907 
wohnte. 
Das Werk gehört in die Schaffensperiode Vuillards, die 
auf die entscheidende künstlerische Wende um 1900 folgt 
und in der die flächige Kompositionsweise seiner Nabis- 
Bilder von einer stärkeren Betonung des Räumlichen 
abgelöst wird. Mit seinem Verhältnis zum Raum wandelt 
sich auch das zum Licht und zur Farbigkeit. Seine Farben 
werden heller und gewinnen an Leuchtkraft. Es ist die 
Zeit, in der die «Fauves» hervortreten und in der Maler wie 
Monet, Renoir, Degas und Redon sich ebenfalls zu einer 
intensiveren Farbigkeit bekennen. Das Licht beginnt nun 
den Raum deutlicher zu artikulieren und die Gestalten zu 
modellieren. In dem Geschwisterbild lässt die durch das 
Fenster von rechts hereinfallende Helligkeit bei der hinter 
dem Tisch sitzenden, frontal gesehenen Annette die linke 
Haarpartie mit der weissen Schleife und ihre linke Hand, 
in die sie den Kopf stützt, aufleuchten, während das 
Gesicht in einen beigegrünen Schatten zurückfällt, in 
dem ihre Züge undeutlich werden. Das Licht erhellt auch 
die linke Seite von Jacques’ Gesicht, der sich, links am 
Tisch sitzend, dem Betrachter im Dreiviertelprofil zuwen- 
det und ihn mit grossen, aufmerksamen Augen voll an- 
schaut. Unter dem Lichteinfall scheint sein Haar golden 
auf, indes das Türkisgrün der im Schatten liegenden rech- 
ten Wange auch dadurch, dass es im rechten Augapfel 
wiederauftaucht, die Intensität des Blickes verstärkt. 
Wie in zahlreichen Werken um 1906 lässt die skizzen- 
haft lockere Pinselstruktur den beigebraunen Karton, den 
Vuillard mit Vorliebe als Malgrund verwendete, an vielen 
Stellen unbemalt hervortreten und auf diese Weise an der 
Farbgestaltung des Bildes mitwirken. Aus dem Nebenein- 
ander von «fertigen» und «unfertigen» Partien gewinnt das 
Bild seinen besonderen Reiz. Die betonte Mitsprache des 
Untergrundes sorgt für eine erneute Bindung an die 
Fläche und für eine Verunklärung der Raumgrenzen. 
Auch der im Aufblick sich in die Fläche dehnende Tisch 
trägt zu dem Ausgleich zwischen Tiefenräumlichkeit und 
Flächigkeit bei, in dem sich Vuillards neues Bedürfnis 
nach Raumhaltigkeit mit den Errungenschaften des in der 
Nabis-Zeit entwickelten dekorativen Flächenstils verbin- 
det. Aus der insgesamt verhaltenen Farbigkeit leuchten 
einzelne intensive Farbtupfer wie kostbare Steine hervor: 
sin kräftiges Ultramarinblau in Jacques’ Künstlerschleife 
und ın Annettes Kleid und Haarschleife, ein funkelndes 
Karminrot, das sich über die Tischplatte verteilt und in 
dem vor Annette liegenden Buch mit Weiss vermischt 
erscheint, sowie ein saftiges Grün in der Tischpflanze und 
in der Stuhllehne hinter Jacques. Die beiden Geschwister 
sind durch das gemeinsame Violettbraun ihrer Kleider 
harmonisch miteinander verbunden. Von der älteren 
Schwester und ihrer lockeren, entspannten Haltung geht 
nichts Dominierendes aus. Die Geste des in die Hand 
gestützten, geneigten Kopfes ähnelt in verblüffender 
Weise der typischen Sitzhaltung ihrer Mutter in den 
frühen Nabis-Bildern, in denen Vuillard allerdings Maries 
Pose zum Ausdruck ihrer Mädchenhaftigkeit und ihres 
Liebreizes extrem übersteigerte. Jacques’ aufrechtem 
«Modellsitzen» in dem hohen weissen Kragen und der 
voluminösen Künstlerschleife und seinem Innehalten 
beim Malen oder Schreiben haftet noch etwas Zaghaftes, 
fast Ängstliches an. In seinem offenen, beseelten Gesicht 
spiegelt sich jedoch die grosse Zärtlichkeit, mit der Vuil- 
lard ihn umfängt. In das Bild der ihm so nahestehenden 
Kinder fliessen unbewusst auch seine Gefühle für den ihm 
seit der Schulzeit verbundenen Freund Kerr und die Liebe 
zu seiner Schwester «Mimi» mit ein. Mit dem durch die 
zugezogenen Vorhänge hereinfallenden Licht und dem 
edelsteinhaften Aufleuchten der einzelnen Farbflecken 
verklärt Vuillard das friedliche Beisammensein der 
Geschwister in der Intimität und Geborgenheit des Hau- 
ses zu einem dem Alltäglichen entrückten Dasein. 
Ursula Perucchi-Petri
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.