HINWEISE AUF
EINIGE NEUERWERBUNGEN
FÜSSLIS PROMETHEUS
Die erstaunliche Steigerung, die die Bestände des Füssli-
Saales in den letzten Jahren erfahren haben,! beruht
einerseits auf der hervorragenden künstlerischen Qua-
lität der Neuzugänge, andererseits aber in der Verdich-
tung des inhaltlichen Interesses: ein Pantheon von
Figuren hat sich hier zusammengefunden, in denen die
grossen Ideen und Probleme des epochalen Umbruchs
um 1800 in symbolischen Gestalten sichtbar werden.
Die politischen Fragen, der Übergang vom monarchi-
schen Gottesgnadentum zum republikanischen contrat
social, treten in Figuren wie dem Brutus oder den drei
schwörenden Eidgenossen ins Bild; der weltanschauliche
Umbruch in Verlust und Neuorientierung christlicher
Heilsgewissheit im Mythos von Amor und Psyche. Zu
den grossen Symbolfiguren der Epoche, spezieller des
Sturm und Drang, gehört auch Prometheus, der «Vor-
Denker», wie sein Name sagt, der Hersteller und Helfer
der Menschen, der nun dank dem Geschenk von Herrn
Zumsteg hier Einzug hält.
Die früheste Kunde von diesem «Ur-Menschen» gibt
uns Hesiod in seiner um 700 entstandenen 7heogonte,
dem grossen Gedicht vom Werden des Alls, der Götter
und ihrer Generationenfolge von Uranos über Kronos
bis Zeus. Dieser böothische Hirte, der älteste griechische
Dichter nach dem sagenhaften Homer, muss von der
Idee der unaufhaltsamen Veränderung der allgemeinen
Zustände zum Schlechteren erfüllt gewesen sein. In
seinem anderen langen Versgebilde Werke und Tage schil-
dert er die Verrohung und das Bösartigwerden der Men-
schen vom Goldenen über das Silberne und Eherne bis
zu dem damals ausbrechenden eisernen Zeitalter. In
beiden Dichtungen tritt der zwar aus dem Geschlecht
der Titanen stammende, aber vielmehr als Prototyp des
fortschrittsorientierten Homo faber erscheinende Pro-
metheus auf. Aus Ton bildet er nach dem Vorbild der
Götter die Menschen; durch einen Betrug, der Zeus nur
Fett und Knochen der Opfertiere lässt, erleichtert er ihr
Leben. Als ihnen der Göttervater zur Strafe das Feuer
entzieht, raubt er es ihnen zurück; Athene und dem
Schmiedegott Hephaistos entwendet er ihre Kunstfertig-
keit: so erscheint er als alter Handwerkergott und wurde
entsprechend in Athen verehrt und anlässlich seines
jährlichen Festes mit einem Feuer-Stafettenlauf gefeiert.
Doch damit hatte er das Mass der zulässigen Freiheiten
überschritten und wurde auf Zeus’ Geheiss von Hephai-
stos an den Kaukasus gekettet. Jeden Morgen kommt
sin Adler und frisst von seiner Leber, die über Nacht
wieder nachwächst. Erst nach vielen Jahrhunderten
sollte Herakles des Weges kommen, den Vogel erlegen
und den Titanen befreien.
Gleicht Prometheus durch die Art und Vielfalt seines
Tuns und Leidens mehr als andere Götter den Men-
schen, so ist auch die Weiterentwicklung der Interpreta-
tion und Wertung seines Mythos ungewöhnlich reich-
haltig und widersprüchlich. Gilt er Hesiod durch seinen
Opferbetrug als der Verursacher des gerechten Zorns der
Götter und damit aller das Menschengeschlecht tref-
fenden Übel, stellt ihn Aischylos zwei Jahrhunderte
später als dessen grossen Wohltäter dar, der ihm die
Gaben der Kultur lehrt und die willkürliche und unge-
rechte Strafe in ungebeugtem Stolz standhaft erleidet.
Bei Plato? entfällt diese tragische Dimension; Prome-
theus gleicht nur die Hilflosigkeit des Menschen aus, die
Epimetheus durch seine ungeschickte Verteilung der
Gaben unter die Kreaturen verursacht hatte. Im späteren
Platonismus wurden entsprechend der rationalistischen
Uminterpretierung der Göttergeschichten die Taten des
Prometheus allegorisch aufgefasst, der Feuerraub ins-
besondere als Übertragung der Vernunft auf den Men-
schen.*
Der Kontrast zwischen der positiven und der nega-
tiven Deutung des Titanen lebte im Humanismus der
Renaissance wieder auf: für Boccaccio und die Floren-