Volltext: Jahresbericht 1998 (1998)

einer Neuplatoniker ist er der sapıens Prometheus, der 
Bringer göttlicher Weisheit. Vor dem Hintergrund der 
Aufwertung des Individuums und des sich ausbildenden 
Absolutismus wurden die Darstellungen bestrafter Auf- 
lehnung gegen die Götter aktuell: in den moralisie- 
renden Emblembüchern gilt er wie andere, gegen die 
Götter ankämpfende Gestalten als abschreckendes Bei- 
spiel für solche Hybris, der schreckliche, aber gerechte 
Strafe folgt. Neben dem Sturz der Giganten Giulio 
Romanos im Palazzo del T& wird die Serie der vier zu 
Höllenqualen verdammten Titanen Tizians berühmt: 
Sisyphos, Tantalos, Ixion und Tityos, der bereits in dem 
Reproduktionsstich von Cornelis Cort als Prometheus 
erscheint, teilt er doch mit ihm die Qual durch den 
leberfressenden Adler. Die gewaltigen, bildfüllenden, 
gequält verrenkten Körper fanden in den Prometheus- 
Darstellungen von Ribera und Luca Giordano, von 
Rubens und Jordaens eine Nachfolge.> Bei den Flamen 
wird die von Tizian eingeleitete Lage mit dem Kopf nach 
ınten radikalisiert - Jordaens treibt sie vor allem durch 
das Erscheinen des Hermes am oberen Rand fast ins 
Komische. Alle diese Bilder zielen auf eine extreme Ver- 
gegenwärtigung der geschundenen Leiber und ihres 
übermenschlichen Leidens; die tief durchgearbeitete 
Malschicht lässt das Atmende der Haut, die Spannungen 
der Muskeln, das Zucken der Eingeweide verspüren; die 
vibrierende Lebendigkeit der Physis wird ın ihrer äusser- 
sten Strapazierung offenbart und damit das heroische 
Menschenbild der Renaissance ex negativo zelebriert.® 
Füssli knüpft an diese Tradition durch einen Stich 
nach Abraham von Diepenbeck an, dem er die spätma- 
nieristisch extreme, auf Michelangelo zurückgehende 
Stellung des Prometheus entnimmt.’ Doch wie jener 
bereits die gewaltige Körperlichkeit seines Lehrers 
Rubens dämpfte, so reduziert Füssli die leidvolle Span- 
nung der Einzelfigur zugunsten der Wirkung der 
Gesamtkomposition noch weiter. Der Vergleich der 
Kompositionszeichnung zur Ausführung macht die 
Glättung der schmerzlichen Brüche in der Muskulatur 
und der Haltung der Glieder und ihre Ausrichtung auf 
die Kraftlinien des Bildes evident. Statt den Schmerz im 
Gesicht extrem zum Ausdruck zu bringen, wie in den 
barocken Gemälden, verdeckt er dieses mit dem 
Unterarm des Prometheus? und bedient sich damit eines 
aus der Antike überlieferten Kunstgriffs zur Vergegen- 
wärtigung des jede Darstellung überragenden Leidens.‘ 
Überdeutlich aber wird die Veränderung des Men: 
schenbildes in der malerischen Ausführung: statt der 
sinnlich strotzenden Dichte und Farbigkeit von Tizian 
und Rubens verlässt sich Füssli weitgehend auf die 
Hell-Dunkel-Wirkung, erzeugt durch dünn abtönende 
Lasuren und starke, flächige Kontraste zwischen Inkarnat 
und Fels, Gebirge und Himmel; die unmittelbare Leben- 
digkeit ist der Zeitlosigkeit «toter» Farben gewichen. 
Dieser künstlerisch nie voll ausgereifte Aspekt seines 
Stils mag gewissen zur Monochromie neigenden, die 
illusionistische Verflüchtigung ins Extreme treibenden 
Tendenzen des späten Rokokos - man denke an Piaz- 
zetta, den alten Tiepolo - verpflichtet oder Widerspruch 
gegen die banal oberflächlich bunte Lokalfarbigkeit des 
Klassizismus sein - jedenfalls entspricht er der dezidiert 
nicht naturalistischen Auffassung Füsslis, die bewusst 
auf kühne Kompositions-Erfindungen und konzeptuelle 
Konstrukte zielt und damit für visionäre oder traum- 
hafte Innenbilder besonders geeignet ist. Trotz ihrer ath- 
letischen Körper und Aktionen bleiben die Figuren 
seiner Imagination unterworfene Schemen. 
Gemäss der Theorie vom Sublimen oder Erhabenen 
will Füssli mit seiner Vision den Betrachter in den Bann 
schlagen: Einzelheiten, wie der Bogen oder eine detail- 
lierter ausgeführte Körperbildung, würden nur aufhalten 
und ablenken. Die Aufmerksamkeit soll vielmehr durch 
eine plötzliche und entschiedene Wirkung vollständig 
absorbiert werden.!! Der Standort des Betrachters gleicht 
demjenigen des Herakles - exponiert schwebt er über 
dem bodenlosen Abgrund, in den Prometheus hängt. 
Selbst die aufgehende Sonne und die ferne Gebirgskette 
auf dem Entwurf * entfallen zugunsten der haltlos leeren 
Unendlichkeit. Dieses Aufreissen des Raumes nicht nur 
in flache Ferne, sondern dramatisch in ragende Höhe 
und drohende Tiefe entspricht der Wahrnehmung der 
damals neu gesehenen Alpen. Füsslı bringt es hier in 
modellhafter Absolutheit zur Geltung, wie sonst nur in 
vereinzelten Szenen zu Miltons Paradise lost?” — dessen 
Held, Satan, gleicht Prometheus in dem tendenziell fre- 
velhaften Schöpfen wie Gott. Dort herrscht noch Chaos
	        
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