Full text: Jahresbericht 1998 (1998)

knappen aber repräsentativen Werküberblick abgerundet 
werden, der sich erstaunlich regen Besuches erfreute. Die 
Einfügung in den weiteren Kontext des Kunsthauses von 
Hodler über Kokoschka und Schiele bis zu Max Ernst 
verdeutlichte die europäische Dimension des Künstlers. 
Bei den Neuzugängen sind an erster Stelle wiederum 
sehr wertvolle Geschenke zu nennen, die sich, jedes in 
seiner Art, durch einen sehr eigenen, ausgeprägten Cha- 
rakter auszeichnen. Herr Zumsteg, seit Jahrzehnten dem 
Kunsthaus eng verbunden, überraschte uns mit Füsslis 
Herakles erlegt den Adler des Prometheus. In der Darstellung 
der Erlösung des Titanen durch den Heros entfaltet 
Füssli extreme Spannungen sowohl in den gewaltigen 
Körpern als auch in der waghalsigen räumlichen Situa- 
tion - zentrale Aspekte seiner «prometheischen» Kunst, 
die in unserer mehr aufs «Wunderbare» und Märchen- 
hafte ausgerichteten Werkgruppe erst durch das neue 
Bild voll zur Geltung kommen. Im Anschluss an die 
Ausstellung Vox Anker bis Zünd — die Kunst im jungen Bun- 
desstaat schenkte Frau Erica Wipf der Vereinigung Zür- 
cher Kunstfreunde Die Kappeler Milchsuppe von Albert 
Anker, eines seiner wenigen Historienbilder, das sowohl 
durch seine Gestaltung als auch dank seines Themas zu 
den zentralen und berühmtesten Werken der Schweizer 
Malerei des 19. Jahrhunderts zählt. Sicher ist für diese 
Darstellung aus der Reformationsgeschichte das Zürcher 
Kunsthaus der richtige Ort, wo bereits Pestalozzi und die 
Waisenkinder in Stans hängt: mit diesen beiden program- 
matischen Bildern mahnte Anker 1869 zum Frieden und 
1870 zur Fürsorge für die Kriegsopfer. 
Bei den Geschenken aus dem Bereich der klassischen 
Moderne muss an erster Stelle ein hervorragendes 
Gemälde von Henri Matisse, Nature morte — buffet et table 
genannt werden, dessen Erwerbung einmal mehr Herr 
Peter Alther durch eine ausserordentliche Zuwendung 
aus dem Holenia Trust im Andenken an Joseph H. 
Hirshhorn ermöglichte. Das Bild nimmt in der frühen 
Entwicklung des Künstlers eine bedeutende Stellung ein 
und fügt sich mit mannigfachen und erstaunlichen 
Bezügen in die Werkgruppen französischer Künstler um 
1900 im Kunsthaus ein. Es befand sich längere Zeit in 
der Sammlung von Margit und Rolf Weinberg, die durch 
einen sehr erheblichen Verzicht gegenüber dem angebo- 
tenen Marktpreis wesentlich zu dieser Erwerbung bei- 
:rugen. Herr und Frau Bruno und Odette Giacometti 
entschlossen sich, vier Steine, die Max Ernst 1935 bei 
seinem Aufenthalt in Maloja suchte und bemalte, der 
Vereinigung Zürcher Kunstfreunde zu schenken. Annetta 
Giacometti hat diese «Hausgeister» aus der Moräne des 
Forno-Gletschers stets liebevoll gehütet. Hier verbindet 
sich dadaistische Geste und surrealistisches o4jet troxve in 
einem glücklichen Moment im Hochgebirge zu etwas 
archaisch und kindlich Ursprünglichem voll geheimer 
Poesie. Ebenfalls aus dem Haus Giacometti stammen 27 
Bücher, in die Alberto in seiner nimmermüden Zeich- 
nungslust vorn und hinten, neben und über dem Text 
skizzierte: Bruno und Odette Giacometti haben nun 
diese sehr persönlichen Zeugnisse der Alberto Giaco- 
metti-Stiftung übergeben. Über die hervorragende 
künstlerische Qualität einiger dieser «Einträge» hinaus 
Saszinieren sie vor allem durch ihre Spontaneität, durch 
den direkten Einblick in die Situation ihrer Entstehung. 
Zahlreich sind die Kopien neben Abbildungen in Kunst- 
büchern, die eine Vorstellung von Albertos weitem 
kunsthistorischen Horizont und den Quellen seiner Stil- 
bildung vermitteln. 
Auch von lebenden Schweizer Künstlern wurden 
bedeutende Werke geschenkt. Herr und Frau Christian 
und Antoinette Wittwer haben mit dem Bild Rot von 
1960 unsere, für das spätere Werk repräsentative Gruppe 
von Rolf Iseli mit einem der wichtigen frühen far- 
bigen Gemälde vorzüglich abgerundet. Hermann Sigg 
war bisher in der Sammlung erstaunlicherweise nicht 
vertreten, obwohl das Kunsthaus bereits 1976 im Helm- 
haus eine monographische Ausstellung organisiert hatte; 
Frau Elisabeth und Minnie Bechtler wählten nun aus 
der neuen, chinesisch inspirierten Serie Im Reich der 
Mitte mit Nr. XI ein farblich besonders schönes Bild als 
Geschenk aus. «How many nights I prayed for this» — so 
nannte Stefan Banz seine gläsernen Turnsalons, die er 
subtil inmitten der schwergewichtigen Werke der neue- 
ren deutschen Maler plazierte; Friedrich Christian Flick 
schenkte die minimalistisch präzise, technisch aber auf- 
wendige Konstruktion der Vereinigung Zürcher Kunst- 
freunde.
	        
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