Volltext: Jahresbericht 1998 (1998)

HENRI MATISSE 
NATURE MORTE: BUFFETET TABLE 
Das Frühwerk von Henri Matisse entwickelt sich in stili- 
stischer Hinsicht sprunghaft. Auf Phasen des Aufbruchs, 
der Vorwegnahme von Ausdrucksmöglichkeiten, die oft 
Jahre später wieder aufgenommen und neu interpretiert 
werden, folgen Perioden zögerlichen Festhaltens an 
bereits damals wenig zukunftsweisenden Gestaltungs- 
weisen, etwa an einer tonigen Graumalerei, die die fort- 
schrittlichen Kräfte des ausgehenden 19. Jahrhunderts 
überwunden glaubten. Dieser stilistischen Inkohärenz 
steht merkwürdigerweise eine frappierende motivische 
Konstanz gegenüber. Bereits in seinen allerersten 
Schritten als Maler lotet Matisse sein ikonographisches 
Repertoire aus, das ihn lebenslänglich beschäftigen wird: 
Landschaft, Stilleben, Interieur, Figur im Raum, Akt. 
Drei Sommeraufenthalte auf Belle-Ile (Bretagne) 1895 
bis 1897 - Matisse hat bereits sein 25. Lebensjahr voll- 
endet - hellen erstmals die Palette des Moreau-Schülers 
auf. Das grösste Bild, das von dieser neuen Erfahrung 
Zeugnis ablegt, trägt bezeichnenderweise den Titel 
Grande marine grise‘; der kleinformatige Blick aus einer 
dunklen Kammer in eine hell leuchtende Landschaft 
Porte ouverte Bretagne? aus dem gleichen Sommer 1896 
weist weit in die Zukunft.? Noch fehlt aber die Farbe. In 
kleinformatigen Skizzen des Hafens von Belle-Ile kün- 
digt sich eine Intensivierung an.‘ Von einer wahren Farb- 
explosion ist angesichts der Bilder zu sprechen, die in 
der ersten Jahreshälfte 1898 in Aijaccio auf Korsika ent- 
stehen. 
Dieser erste Aufenhalt des Künstlers im Süden setzt 
nicht nur strahlende Farbakkorde frei, auch der Pinsel- 
strich wird zu expressiver, beinahe chaotischer Wildheit 
gesteigert. Der Schock, den diese meist kleinformatigen, 
keine Regeln respektierenden Studien bei Zeitgenossen 
ausgelöst haben, war gross.” Nachdem Matisse seinem 
Mitschüler im Moreau-Atelier Henri Evenepoel einige 
dieser «pochades» zugesandt hatte, schrieb dieser 
Matisse einen absolut entsetzten Brief, in dem er die 
jüngste Produktion des Freundes «epileptique» nannte‘®; 
später wurde zu Recht von «protofauvisme» gesprochen. 
Matisse selbst muss allerdings das Bedürfnis verspürt 
haben, diesen jähen Ausbruch in geordnetere Bahnen zu 
ıenken; dies erreichte der jung verheiratete Maler in 
Toulouse (August 1898-Februar 1899). Amelie Matisse 
entstammte dieser Stadt und wünschte, ihr erstes Kind 
in der Nähe ihrer Eltern auf die Welt zu bringen.’ 
Die umfangreichste und zweifellos interessanteste 
Werkgruppe, die während dieses Aufenthaltes entstand, 
ist bezeichnenderweise eine Reihe von Stilleben, denn 
die komponierte Anordnung von Gegenständen erlaubte 
wie kein anderes Motiv, Licht-, Farb- und Formprobleme 
zu analysieren. 
Buffet et table ist das komplexeste Bild dieser Werk- 
reihe.* Motivisch nimmt es in der linken Bildhälfte Ele- 
mente auf, die sich auch in anderen Fassungen finden. 
So kehrt die Zusammenstellung der Fruchtschale mit 
hohem Fuss, dessen rechte Hälfte von einer Orange 
überschnitten wird, sowie der sich links davon befindli- 
chen hellen Tasse in insgesamt drei Bildern wieder.” 
Bezeichnenderweise werden diese Gegenstände male- 
risch höchst unterschiedlich vorgetragen. Während die 
Fassung des Baltimore Museum of Art eine eher tonig 
modulierende Malweise zu erkennen gibt, zeigt sich die 
Variante in St. Louis wesentlich frischer: ausgesprochen 
flächig gesetztes strahlendes Orange, Gelb, Blau und 
Grün verleihen dem Bild eine modernere, kühnere Aus- 
strahlung. Da die Leinwand nicht vollständig von 
Farben bedeckt ist, könnte man es als unvollendet 
bezeichnen, wäre es nicht signiert. Der Kontrast zum 
divisionistischen Farbgeflimmer von Buffet et table 
könnte nicht grösser sein und dokumentiert einmal 
mehr die Suche nach einer solideren Bildorganisation ın 
verschiedenen Richtungen. 
Dass Paul Signacs Schrift D’Eugene Delacroix au neo- 
impressionnisme gerade für einen noch vergleichsweise 
unsicher suchenden jungen Künstler wie Matisse aus- 
schlaggebende Bedeutung erlangen konnte, liegt auf der
	        
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