Hand. Der Text erschien erstmals 1898 in der Mai- und
Juni-Ausgabe der Revue Blanche. Wann genau Matisse
ihn gelesen hat, ist schwierig zu beantworten; dass er ihn
kannte, beweist allerdings mit aller Deutlichkeit das Bild
Buffet et table.
Quintessenz des «Neo-impressionnisme» ist für
Signac der Begriff der «Division», der Farbe, Luminosität
und Harmonie erfolgreich zu einer gewünschten bildne-
rischen Einheit verschmelzen lässt.
Gemäss dieser Theorie erfolgt die optische Aufnahme
ım Auge des Betrachters durch das Zusammenspiel von
Elementen, die zuerst einmal auseinanderdividiert
werden:
es werden ausschliesslich unvermischte Farben ver-
wendet
Lokalfarben und Schattenfarben werden getrennt und
sollen in bezug auf Kontraste, Abstufungen und
Luminosität ausgewogen eingesetzt werden
der Pinselstrich verhält sich proportional zur Grösse
der Leinwand.
Buffet et table stellt Matisses ersten Versuch divisio-
nistischer Malerei per se dar. Der Bildaufbau mit dem
doppelten, diagonal gesehenen Stilleben ist komplexer
als in allen gleichzeitigen Stilleben. Es handelt sich
um den differenziertesten Kompositionsentwurf, den
Matisse bis dahin in Angriff genommen hat: Verdoppe-
lung der Standflächen der dargestellten Gegenstände,
diagonale Sicht von oben, Gegenlicht. Auch das in
diesen Jahren beachtliche Bildformat deutet darauf hin,
dass der Künstler sich mit diesem Werk eine geradezu
programmatische Aufgabe gestellt hatte: die eben erst
eroberte Farbigkeit und Luminosität nicht nur in einer
spontanen «pochade» auszuleben, sondern in ein voll-
gültiges «tableau» umzusetzen.
Deshalb scheint Matisse Signacs Überlegungen, dass
Kurven, Arabesken und gerade Linien die erste Entschei-
dung bei der Schaffung eines Werkes darstellen müssten,
überaus ernst genommen zu haben, da sie nicht nur die
Oberfläche aufteilt, sondern auch über Farben und
Abstufungen bestimmt. Signac schreibt in diesem
Zusammenhang:
«Von Tradition und Wissenschaft geführt, wird der
Divisionist seine Komposition dahingehend harmoni-
sieren, dass die Konzeption von Linien (Richtungen und
Ecken), Chiaroscuro (Tönen) und Farben mit dem von
ihm gewünschten Bildcharakter übereinstimmen. Die
vorherrschende Richtung für Linien, die Ruhe oder
Stille ausdrücken sollen, ist horizontal, aufsteigend für
Freude, nach unten führend für Trauer, und zieht alle
möglichen Zwischenlösungen ein, um alle anderen
Erfahrungen mit ihrer unendlichen Vielseitigkeit und
Variation verkörpern zu können. Die Farbgebung, nicht
weniger ausdrucksvoll und vielseitig, ist dem System der
Linien eng verbunden; den aufsteigenden Linien ent-
sprechen helle, warme Töne, den nach unten führenden
kalte, dunkle Farben. Eine mehr oder weniger grosse
Ausgeglichenheit von warmen, zarten und intensiven
Tönen entspricht der Ruhe von horizontalen Linien.
Farben und Linien sind den tiefen Gefühlen unterstellt,
die der Künstler zum Ausdruck bringen will.»
Die Hauptlinien in Buffet et table führen von unten
links nach oben rechts und drücken damit eine vorherr-
schende Stimmung von Freude aus. Dieser heiteren
Stimmung entspricht der obere rechte Bildteil, der völlig
von Licht erfüllt ist und in dem warme Farbtöne wie
Gelb, Orange, Rot dominieren. Dagegen sind in der
unteren linken Bildecke dunkle, kalte Farben vorherr-
schend. Die vorstehende Ecke der höheren vorderen
Anrichte könnte einen «repoussoir»-Effekt erzeugen, der
Seurat und Signac so wichtig für den Ausdruck von
Entfernung war. Matisse verbindet diese dunkle Fläche
mit dem sich bewegenden Fenstervorhang. Damit ver-
schmelzen verschiedene kleinere dunkle Flächen zu
einer grossen c-förmigen Kurve, die das helle Feld im
mittleren Bildraum umschliesst.
Vielleicht geht Matisse in dem Bestreben, Signac in
der Anwendung der Komplementärfarben zu folgen,
einen Schritt zu weit. Dadurch, dass das ganze Bildfeld
mit den Komplementärkontrasten rot-grün und violett-
gelb übersät ist, entsteht der Eindruck eines teppich-
haften flächigen Farbgerinsels, das mit der ausgeklü-
gelten Diagonalkomposition konkurriert. Verstärkt wird
dieser Eindruck natürlich durch die pointillistische Mal-
technik, die sich allerdings von einem allzu rigorosen
Schematismus, wie er zuweilen in Bildern Signacs zu
»eobachten ist, fernhält. Denn Matisse integriert in die