Volltext: Jahresbericht 1998 (1998)

mendem Masse beschäftigen. In diesen Zusammenhang 
gehört die Neuerwerbung des Kunsthauses, das Model for 
Tunnel: Square to Triangle von 1981?, das eine Krönung 
der seit 1979 regelmässig erfolgten Anschaffungen an 
Zeichnungen, graphischen Arbeiten, Videobändern und 
Artist Books von Bruce Nauman darstellt.? Das monu- 
mentale Werk besteht aus vier Kreissegmenten, die, 
dicht aneinanderstossend, einen geschlossenen Ring von 
665 cm Durchmesser und 68 cm Höhe bilden. Die 
Querschnitte der einzelnen Segmente verlaufen in flies- 
senden Übergängen von einem Quadrat zu einem 
Dreieck, was sich an der dynamischen Entwicklung der 
kompakten Seitenwände von der senkrechten Ausrich- 
tung (beim quadratischen Querschnitt) zur schräg abfal- 
lenden Rampe (beim dreieckigen Querschnitt) ablesen 
lässt. Dementsprechend geht die Oberkante des Ringes 
von einer 51 cm breiten Fläche nach und nach in einen 
linearen Grat über. Der Gips-Ring, für dessen Guss 
Nauman eine Gussform aus Holz und Masonit her- 
stellte, ruht auf kleinen Holzkeilen von 16 cm Höhe, so 
dass er leicht über dem Boden schwebt. Darin kommt 
bereits im Modell Naumans Vorstellung zum Ausdruck, 
dass seine «underground tunnel pieces» unterirdisch in 
der Erde schweben sollten.‘ Im Gegensatz zu anderen, 
gleichzeitigen Tunnelmodellen, deren Enden offen 
liegen und einen Einblick in die viereckigen, dreieckigen 
oder runden Querschnitte der Tunnelarme erlauben 
(z.B. Square, Triangle, Circle, 1984, Emanuel-Hoffmann- 
Stiftung, Museum für Gegenwartskunst Basel), ist die 
Entwicklung des Innenraumes unseres Tunnelmodells 
nur am äusseren Verlauf des Ringes ablesbar. Man muss 
sıch vorstellen, dass der Begeher des unterirdischen Tun- 
nels von einem breiten, quadratischen Raum in immer 
beengendere Raumverhältnisse gelangt, bis er sich 
zuletzt durch ein beklemmend schmales, dreieckiges 
Raumkompartiment bewegen muss, um wieder an den 
Anfang zurückzukommen. 
Eine ähnliche Art von Orientierungslosigkeit und 
Unsicherheit hat Bruce Nauman verschiedentlich in 
dreieckigen Räumen geschaffen, in denen die Unwohn- 
lichkeit durch unangenehmes Licht verstärkt wurde 
(z.B. Yellow Room [Triangular], 1973, Solomon R. Gug- 
genheim Museum, New York). «I find triangles really 
uncomfortable, disconcerting kinds of spaces», bekannte 
er in einem Interview mit Joan Simon, «there is no com- 
fortable place to stay inside them or outside them. It’s 
not like a circle or square that gives you security.» 
Nauman hat sich immer für die Schwelle interessiert, 
«die zwischen dem Gefühl des Wohlseins oder der 
Beherrschung des eigenen Raumes und dem «Verlust der 
Beherrschung liegt».® In seinen architektonischen Skulp- 
turen gelingt es ihm - zum Teil auch durch Ausschalten 
von äusseren Realitätselementen wie Ton oder Licht, 
d.h. durch Wahrnehmungsentzug -, für den Betrachter 
existentielle Situationen und Orte physischer und psy- 
chischer Erfahrungen zu schaffen, in denen er auf sich 
selbst verwiesen ist und in denen ein «Gewahrwerden 
von sich selbst« möglich wird. Insgesamt geht es 
Nauman bei der künstlichen Herstellung solcher 
Extremsituationen um «eine Kunst, die an neue Grenzen 
führt; man wird so zu einem gesteigerten Bewusstsein 
seiner selbst und der Situation gezwungen. Oft sogar. 
ohne dass man weiss, was das, dem man hier entgegen- 
tritt und/oder erlebt, eigentlich ist. Alles, was man weiss, 
ist, dass man an einen Ort gestossen wird, der einem 
völlig unvertraut ist, und dass dies Angst auslöst».‘ 
Durch die Intensität der körperlichen Erfahrung entsteht 
für den Betrachter ein neues Verhältnis zum Kunstwerk. 
Aus der passiven Rolle des Zuschauers wird in den sech- 
ziger Jahren bei vielen Künstlern die aktive des Mitspie- 
lers. Indem er das Werk durch sein eigenes Tätigwerden, 
gleichsam prozesshaft, erfährt, erschliessen sich ihm 
ganz neue körperliche und geistige Erlebnismöglich- 
keiten, die sich häufig in Gefühlen von Isolation, Einge- 
schlossensein, Gefangenschaft oder Ausgesetztsein, von 
Angst, Furcht oder Widerwillen äussern. Selbsterfahrung 
erlange man nur durch die effektive Durchführung von 
Tätigkeiten und nicht durch blosses Nachdenken oder 
Bücherlesen, meint Nauman. 
In seinen Arbeiten lassen sich deutliche Beziehungen 
zu den Entwicklungen der Humanistischen Psychologie 
feststellen, die mit Beginn der sechziger Jahre von 
einigen Forschungsinstituten an der Westküste Amerikas 
ausgingen. Sie fanden nicht nur Eingang in das Gedan- 
kengut der New-Age-Bewegung und der Hippiekultur, 
sondern wurden auch von Künstlern verschiedener
	        
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