mendem Masse beschäftigen. In diesen Zusammenhang
gehört die Neuerwerbung des Kunsthauses, das Model for
Tunnel: Square to Triangle von 1981?, das eine Krönung
der seit 1979 regelmässig erfolgten Anschaffungen an
Zeichnungen, graphischen Arbeiten, Videobändern und
Artist Books von Bruce Nauman darstellt.? Das monu-
mentale Werk besteht aus vier Kreissegmenten, die,
dicht aneinanderstossend, einen geschlossenen Ring von
665 cm Durchmesser und 68 cm Höhe bilden. Die
Querschnitte der einzelnen Segmente verlaufen in flies-
senden Übergängen von einem Quadrat zu einem
Dreieck, was sich an der dynamischen Entwicklung der
kompakten Seitenwände von der senkrechten Ausrich-
tung (beim quadratischen Querschnitt) zur schräg abfal-
lenden Rampe (beim dreieckigen Querschnitt) ablesen
lässt. Dementsprechend geht die Oberkante des Ringes
von einer 51 cm breiten Fläche nach und nach in einen
linearen Grat über. Der Gips-Ring, für dessen Guss
Nauman eine Gussform aus Holz und Masonit her-
stellte, ruht auf kleinen Holzkeilen von 16 cm Höhe, so
dass er leicht über dem Boden schwebt. Darin kommt
bereits im Modell Naumans Vorstellung zum Ausdruck,
dass seine «underground tunnel pieces» unterirdisch in
der Erde schweben sollten.‘ Im Gegensatz zu anderen,
gleichzeitigen Tunnelmodellen, deren Enden offen
liegen und einen Einblick in die viereckigen, dreieckigen
oder runden Querschnitte der Tunnelarme erlauben
(z.B. Square, Triangle, Circle, 1984, Emanuel-Hoffmann-
Stiftung, Museum für Gegenwartskunst Basel), ist die
Entwicklung des Innenraumes unseres Tunnelmodells
nur am äusseren Verlauf des Ringes ablesbar. Man muss
sıch vorstellen, dass der Begeher des unterirdischen Tun-
nels von einem breiten, quadratischen Raum in immer
beengendere Raumverhältnisse gelangt, bis er sich
zuletzt durch ein beklemmend schmales, dreieckiges
Raumkompartiment bewegen muss, um wieder an den
Anfang zurückzukommen.
Eine ähnliche Art von Orientierungslosigkeit und
Unsicherheit hat Bruce Nauman verschiedentlich in
dreieckigen Räumen geschaffen, in denen die Unwohn-
lichkeit durch unangenehmes Licht verstärkt wurde
(z.B. Yellow Room [Triangular], 1973, Solomon R. Gug-
genheim Museum, New York). «I find triangles really
uncomfortable, disconcerting kinds of spaces», bekannte
er in einem Interview mit Joan Simon, «there is no com-
fortable place to stay inside them or outside them. It’s
not like a circle or square that gives you security.»
Nauman hat sich immer für die Schwelle interessiert,
«die zwischen dem Gefühl des Wohlseins oder der
Beherrschung des eigenen Raumes und dem «Verlust der
Beherrschung liegt».® In seinen architektonischen Skulp-
turen gelingt es ihm - zum Teil auch durch Ausschalten
von äusseren Realitätselementen wie Ton oder Licht,
d.h. durch Wahrnehmungsentzug -, für den Betrachter
existentielle Situationen und Orte physischer und psy-
chischer Erfahrungen zu schaffen, in denen er auf sich
selbst verwiesen ist und in denen ein «Gewahrwerden
von sich selbst« möglich wird. Insgesamt geht es
Nauman bei der künstlichen Herstellung solcher
Extremsituationen um «eine Kunst, die an neue Grenzen
führt; man wird so zu einem gesteigerten Bewusstsein
seiner selbst und der Situation gezwungen. Oft sogar.
ohne dass man weiss, was das, dem man hier entgegen-
tritt und/oder erlebt, eigentlich ist. Alles, was man weiss,
ist, dass man an einen Ort gestossen wird, der einem
völlig unvertraut ist, und dass dies Angst auslöst».‘
Durch die Intensität der körperlichen Erfahrung entsteht
für den Betrachter ein neues Verhältnis zum Kunstwerk.
Aus der passiven Rolle des Zuschauers wird in den sech-
ziger Jahren bei vielen Künstlern die aktive des Mitspie-
lers. Indem er das Werk durch sein eigenes Tätigwerden,
gleichsam prozesshaft, erfährt, erschliessen sich ihm
ganz neue körperliche und geistige Erlebnismöglich-
keiten, die sich häufig in Gefühlen von Isolation, Einge-
schlossensein, Gefangenschaft oder Ausgesetztsein, von
Angst, Furcht oder Widerwillen äussern. Selbsterfahrung
erlange man nur durch die effektive Durchführung von
Tätigkeiten und nicht durch blosses Nachdenken oder
Bücherlesen, meint Nauman.
In seinen Arbeiten lassen sich deutliche Beziehungen
zu den Entwicklungen der Humanistischen Psychologie
feststellen, die mit Beginn der sechziger Jahre von
einigen Forschungsinstituten an der Westküste Amerikas
ausgingen. Sie fanden nicht nur Eingang in das Gedan-
kengut der New-Age-Bewegung und der Hippiekultur,
sondern wurden auch von Künstlern verschiedener