Volltext: Jahresbericht 1999 (1999)

HINWEISE AUF 
EINIGE NEUERWERBUNGEN 
IN PARIS MALT 1638 JACQUES LINARD 
EINE SAMMLUNG VON MEERSCHNECKEN 
Jacques Linard gehört zu den Vertretern jener realis- 
tischen Strömung der französischen Malerei der ersten 
Hälfte des 17. Jahrhunderts, die abseits der grande 
maniere standen und deshalb weitgehend in Vergessen- 
heit gerieten. Erst 1934 rückte sie Charles Sterling mit 
der Pariser Ausstellung Les peintres de la realit& en France au 
XVIF siecle wieder ins Bewusstsein; Georges de la Tour 
und die Gebrüder Le Nain erfreuen sich heute grösserer 
Berühmtheit als die kunstreichen Akademiker und ihr 
Haupt, der einst allmächtige Charles Le Brun, premier 
peintte du Roi unter Louis XIV. Die Religionskriege und 
die allgemeine politische und wirtschaftliche Zerrüttung 
Frankreichs unter den letzten Valois führten auch kultu- 
rell zu Verzögerungen. Erst mit der Konsolidierung der 
Herrschaft von Henri IV und dem Toleranzedikt von 
Nantes 1598 setzte ein neuer Aufschwung ein. In Paris 
prägte sich nach 1620 die international seit dem Jahr- 
hundertbeginn aufblühende Stilleben-Malerei in einer 
charakteristischen Variante aus;! im Zentrum der im 
engen Austausch arbeitenden Gruppe standen Jacques 
Linard und der Strassburger Sebastian Stoskopff.? Dieser 
war in der niederländisch calvinistischen Refugianten- 
Siedlung Hanau bei Frankfurt von Daniel Soreau in der 
neuen Gattung ausgebildet worden; der Stil des Lehrers 
kann man in der Sammlung Koetser in einem Bild des 
ihm getreu folgenden Sohnes Isaak studieren. Direkt aus 
den Niederlanden kam Jean-Michel Picart, der sich auf 
Blumenbilder konzentrierte und als Kunsthändler auch 
jene Gemälde importierte, die den Pariser Malern als 
Ausgangspunkt dienten. Im Gegensatz zu seinen Kol- 
legen vollzog er um 1640/50 den Übergang zum barock 
exuberanten Stilleben mit, die als Dekorationsstücke 
Teil der ornamentalen Raumausstattung werden. Etwas 
Jünger waren Louise Moillon, die vor allem Fruchtstücke 
gestaltete, und Pieter van Boucle, der sich auf das Malen 
von Fischen spezialisierte. Diese Künstler gehörten 
mehrheitlich zu den Flamen und anderen Ausländern, 
darunter auch viele Protestanten, die sich im Bereich der 
Abtei Saint-Germain-des-Pres ausserhalb der städtischen 
furisdiktion mit ihren Zunftreglementierungen nieder- 
ılessen. Der 1600 geborene Linard löste sich aus diesem 
Kreis; 1631 wird er valet de chambre du Roi genannt, ein 
kaufbarer, mit gewissen Freiheiten verbundener Titel, 
und lebt im damals eleganten Quartier des Marais, wo er 
1645 starb. Die ersten zwei datierten Bilder zeigen 
bereits seine Spezialitäten, das Muschelstilleben einer- 
seits, die allegorischen Gruppierungen von Gegen- 
ständen andererseits; beide Typen dürften von ihm 
in Paris eingeführt worden sein und weisen auf den 
Umgang mit Sammlern und Gelehrten hin. Er dürfte sie 
in der von der Entwicklung begünstigten städtischen 
Bourgeoisie und der neuen, aus dieser gewachsenen 
geadelten Beamtenschaft gefunden haben; die Strenge 
dieser Bilder entsprach dem Jansenismus, der dem Protes- 
tantismus im Spirituellen verwandt und in diesen 
Kreisen verbreitet war. 
Wir sehen das Bild einer Sammlung vor uns.? Mitten 
im Bildviereck steht ein rechteckiges Kästchen; darin 
und daneben, darüber und darunter sind acht exotische 
Meerschnecken angeordnet. Die grösste, perlmutterne, 
thront auf dem leicht nach hinten geschobenen Deckel, 
zwei weissliche schauen aus der unteren der beiden 
kleinen Schubladen, die fünf übrigen liegen sorgfältig 
um das Schränkchen verteilt auf der dunkelgrünen 
Fläche. 
Eine Sammlung zeigt sich uns in ihren beiden wesent- 
lichen Aspekten: sammelbare Gegenstände einerseits, 
hier also wunderbar geformte, als Kunstwerke der Natur 
erscheinende Schneckengehäuse aus dem Indischen 
Ozean oder dem Pazifik, erst im 16. Jahrhundert in 
Europa bekannt geworden, von grosser Seltenheit und 
hohem Wert, andererseits ihre Ordnung, die sie von
	        
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