HINWEISE AUF
EINIGE NEUERWERBUNGEN
IN PARIS MALT 1638 JACQUES LINARD
EINE SAMMLUNG VON MEERSCHNECKEN
Jacques Linard gehört zu den Vertretern jener realis-
tischen Strömung der französischen Malerei der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts, die abseits der grande
maniere standen und deshalb weitgehend in Vergessen-
heit gerieten. Erst 1934 rückte sie Charles Sterling mit
der Pariser Ausstellung Les peintres de la realit& en France au
XVIF siecle wieder ins Bewusstsein; Georges de la Tour
und die Gebrüder Le Nain erfreuen sich heute grösserer
Berühmtheit als die kunstreichen Akademiker und ihr
Haupt, der einst allmächtige Charles Le Brun, premier
peintte du Roi unter Louis XIV. Die Religionskriege und
die allgemeine politische und wirtschaftliche Zerrüttung
Frankreichs unter den letzten Valois führten auch kultu-
rell zu Verzögerungen. Erst mit der Konsolidierung der
Herrschaft von Henri IV und dem Toleranzedikt von
Nantes 1598 setzte ein neuer Aufschwung ein. In Paris
prägte sich nach 1620 die international seit dem Jahr-
hundertbeginn aufblühende Stilleben-Malerei in einer
charakteristischen Variante aus;! im Zentrum der im
engen Austausch arbeitenden Gruppe standen Jacques
Linard und der Strassburger Sebastian Stoskopff.? Dieser
war in der niederländisch calvinistischen Refugianten-
Siedlung Hanau bei Frankfurt von Daniel Soreau in der
neuen Gattung ausgebildet worden; der Stil des Lehrers
kann man in der Sammlung Koetser in einem Bild des
ihm getreu folgenden Sohnes Isaak studieren. Direkt aus
den Niederlanden kam Jean-Michel Picart, der sich auf
Blumenbilder konzentrierte und als Kunsthändler auch
jene Gemälde importierte, die den Pariser Malern als
Ausgangspunkt dienten. Im Gegensatz zu seinen Kol-
legen vollzog er um 1640/50 den Übergang zum barock
exuberanten Stilleben mit, die als Dekorationsstücke
Teil der ornamentalen Raumausstattung werden. Etwas
Jünger waren Louise Moillon, die vor allem Fruchtstücke
gestaltete, und Pieter van Boucle, der sich auf das Malen
von Fischen spezialisierte. Diese Künstler gehörten
mehrheitlich zu den Flamen und anderen Ausländern,
darunter auch viele Protestanten, die sich im Bereich der
Abtei Saint-Germain-des-Pres ausserhalb der städtischen
furisdiktion mit ihren Zunftreglementierungen nieder-
ılessen. Der 1600 geborene Linard löste sich aus diesem
Kreis; 1631 wird er valet de chambre du Roi genannt, ein
kaufbarer, mit gewissen Freiheiten verbundener Titel,
und lebt im damals eleganten Quartier des Marais, wo er
1645 starb. Die ersten zwei datierten Bilder zeigen
bereits seine Spezialitäten, das Muschelstilleben einer-
seits, die allegorischen Gruppierungen von Gegen-
ständen andererseits; beide Typen dürften von ihm
in Paris eingeführt worden sein und weisen auf den
Umgang mit Sammlern und Gelehrten hin. Er dürfte sie
in der von der Entwicklung begünstigten städtischen
Bourgeoisie und der neuen, aus dieser gewachsenen
geadelten Beamtenschaft gefunden haben; die Strenge
dieser Bilder entsprach dem Jansenismus, der dem Protes-
tantismus im Spirituellen verwandt und in diesen
Kreisen verbreitet war.
Wir sehen das Bild einer Sammlung vor uns.? Mitten
im Bildviereck steht ein rechteckiges Kästchen; darin
und daneben, darüber und darunter sind acht exotische
Meerschnecken angeordnet. Die grösste, perlmutterne,
thront auf dem leicht nach hinten geschobenen Deckel,
zwei weissliche schauen aus der unteren der beiden
kleinen Schubladen, die fünf übrigen liegen sorgfältig
um das Schränkchen verteilt auf der dunkelgrünen
Fläche.
Eine Sammlung zeigt sich uns in ihren beiden wesent-
lichen Aspekten: sammelbare Gegenstände einerseits,
hier also wunderbar geformte, als Kunstwerke der Natur
erscheinende Schneckengehäuse aus dem Indischen
Ozean oder dem Pazifik, erst im 16. Jahrhundert in
Europa bekannt geworden, von grosser Seltenheit und
hohem Wert, andererseits ihre Ordnung, die sie von