Volltext: Jahresbericht 1999 (1999)

MARK TOBEY IM KUNSTHAUS 
Von allen amerikanischen Künstlern, die die Kunstszene 
nach dem Zweiten Weltkrieg während Jahrzehnten mit- 
geprägt haben, ist Mark Tobey in besonders ambi- 
valenter Weise beurteilt worden. Seine merkwürdig 
gebrochene und nicht ganz einfach zu deutende Rezep- 
tionsgeschichte fasziniert noch heute. Dabei begann 
gerade in Europa sein Ansehen vor allen andern auf- 
zublühen. Er war der erste amerikanische Künstler seit 
Whistler, der den grossen Preis der Biennale von Venedig 
in Empfang nehmen konnte (1958), und bereits 1961 
wurde ihm im Musee des Arts Decoratifs in Paris, das 
bekanntlich in einem Seitenflügel des Louvre unterge- 
bracht ist, eine grosse Retrospektive gewidmet. 
Und dennoch scheint er den Durchbruch zur Spit- 
zengruppe nie ganz geschafft zu haben, sein Name wird 
nicht seiner Bedeutung entsprechend bewertet. Äusser- 
liche Gründe mögen dafür als Erklärung dienen. Das 
Werk von Tobey besteht zu einem grossen Teil aus ver- 
gleichsweise kleinformatigen Bildern. Die beinahe vier 
Meter lange wandfüllende Leinwand im Kunstmuseum 
Basel ist die absolute Ausnahme. Dazu kommt, dass 
Tobey als Bildträger in aller Regel - und dies besonders 
in seinen frühen Schaffensphasen — Papier oder Karton 
gewählt hat, d.h. lichtempfindliche Materalien, die es 
den Museen verbieten, seine Werke in der permanenten 
Schausammlung der Helligkeit auszusetzen. Aber auch 
in inhaltlicher Beziehung hat Tobey kaum «Museums- 
kunst» geschaffen. Seine intimen Bildtafeln erfordern 
die aufmerksame und nahsichtige Kontemplation durch 
den Einzelnen - seine Werke sind nicht auf Fernwirkung 
hin angelegt, sie dominieren die Museumswände nicht. 
Im Grunde ist Tobey ein Maler für Liebhaber des 
Intimen. 
Aber auch diese Bemerkungen erklären nicht zur 
Genüge die gebrochene Rezeptionsgeschichte des Künst- 
lers. Schon früh wurde erkannt, dass dieser in gewissem 
Sinne ein Vorläufer des abstrakten Expressionismus 
gewesen ist: In Bezug auf das «all-over» hat er zweifellos 
Jackson Pollock vorweggenommen. Aber gerade im Ver- 
gleich mit diesem Maler wird deutlich, dass Tobey einer 
älteren Generation angehörte: Tobey ist 1890 geboren, 
Pollock 1912. Wo der Ältere in traditioneller Weise den 
zontrollierten Pinselduktus kultivierte, setzte Pollock 
nit aller Vehemenz seine körperbetonte Spontaneität in 
seinen grossen Leinwänden um; wo Tobey luzid und 
präzis gestaltete, zelebrierte Pollock das Prinzip des 
Zufalls. Überspitzt könnte man sagen, «all-over» im 
Sinne Tobeys tendiert zur Visualisierung von Ordnungs- 
strukturen, im Sinne Pollocks wird Dekonstruktion und 
Chaos angestrebt. 
Natürlich stellte der kraftvolle Auftritt Pollocks das 
filigrane Werk Tobeys in den Schatten. Dass beide 
Künstler mehr oder weniger gleichzeitig ihren reifen Stil 
entwickelt haben, der die Wahrnehmung ihres je eigenen 
Gesamtwerks prägte, ist damit zu erklären, dass Tobey 
ausgesprochen spät zu seinen wesentlichen Aussagen 
gefunden hat. Und auch die Wahl seiner Lebensräume 
hat sich für Tobey negativ ausgewirkt. Während sich in 
den späten Vierzigerjahren die Ostküste und vor allem 
New York als das tonangebende Kunstzentrum zu eta- 
blieren begannen, zog es Tobey vor, die Kunstmetropole 
zwar häufig zu besuchen, sich aber dort nicht 
niederzulassen. Im fernen Seattle, wohin er sich erstmals 
1922 begeben hatte, lebte er, häufig von Reisen unter- 
brochen, die ihn u.a. nach Europa, besonders nach Paris 
führten. 1960 übersiedelte er nach Basel, wo er sich 
grösstenteils - auch in den Sechzigerjahren kehrte er 
wiederholt für längere Aufenthalte nach Seattle zurück — 
bis zu seinem Tod im Frühjahr 1976 aufhielt. Tobey igno- 
rierte den Trend, der sich in der Nachkriegszeit auch in 
der bildenden Kunst durchsetzte: zur Förderung der 
Karriere zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. 
Seine prägenden Erlebnisse verschaffte er sich an 
Orten, die abseits des Mainstream des Kunstbetriebes 
lagen. Bereits 1918 kam er in einer kleinen Ortschaft im 
Bundesstaat Maine mit der Bahai-Religion in Berüh-
	        
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