HOLS DER DRÖS!
ZU DEN DAUERLEIHGABEN
VON FELIX DROESE
Um Felix Droese ist es in den letzten Jahren stiller
geworden, nicht zum Nachteil seiner Kunst.‘ Nach einer
Zeit der intensiven politischen Aktivität in den Siebzi-
gerjahren, erlangte Droese 1982 mit der Papierschnitt-
Installation Ich habe Anne Frank umgebracht für die
documenta 7 und seinem Beitrag für die Bundesrepublik
Deutschland auf der Biennale in Venedig, Haus der
Waffenlosigkeit von 1988, internationale Anerkennung.
Die vom Künstler und von Ursula Perucchi-Petri im
Auftrag des Instituts für Auslandsbeziehungen Stuttgart
organisierte Wanderausstellung Das Gleichmass der Unord-
nung reiste nach ihrer Eröffnung im Kunsthaus Zürich
1991 um die halbe Welt.? Droese begleitete sie auf den
ersten Stationen nach Brasilien, Finnland und Mexiko.
Als er seine Werke 1997 in Belgrad, Zagreb und Sarajewo
wieder sah, stellte er mit Schrecken fest, dass das
Publikum seinen Arbeiten verständnislos gegenüber-
stand.? Droese, der sich nach 1968 massgeblich für die
«künstlerische Produktion von Geschichte»* —- für ein
Mitspracherecht der Kunst in der Geschichtsschreibung
- eingesetzt hatte, wurde nun von den politischen Ereig-
nissen eingeholt. Der «Schock des Unverständlichen»
(Adorno) wurde nicht als Widerstand gegen die Diktatur
der «roten Millionäre»°, nicht als Antwort der Avant-
garde auf die Diktaturen des 20. Jahrhunderts wahrge-
nommen und auf die aktuelle politische Situation
umgemünzt, sondern nach alter stalinistischer Manier
als westlicher Formalismus abgelehnt. Diese Erfahrung
erschien Droese umso bedenklicher, als er sich zu den
Künstlern zählt, die ihre Materialexperimente und per-
sönlichen Mythologien im ständigen Dialog mit dem
Publikum und in der Auseinandersetzung mit älterer
Kunst entwickelt haben. So schlägt der Holzdruck
Breughel graaft dieper von. 1984/89 (Abb. 13) eine Brücke
in die beginnende Neuzeit. Auch Breughel hatte eine
Bildsprache erfunden, die seiner Zeit weit voraus war
und deren Gehalt, obschon nicht leicht zu entziffern,
sich tiefer ins Gedächtnis der Menschheit einprägte als
so manches, was damals Rang und Namen hatte.® Seit
der Französischen Revolution, spätestens aber seit dem
Dadaismus ist der Schock ein notwendiges Stilmittel
geworden, um den Glauben an die Fassaden der Macht
zu erschüttern. Wie kommt es, dass diese Tradition in
einigen Teilen Europas überliefert und erneuert, in
anderen dagegen unterdrückt und verdrängt worden ist?
Droese ist überzeugt, dass nur da, wo sich eine freie,
anarchische Kunstszene behauptet, der Sinn für einen
modernen, die gesellschaftlichen Verhältnisse reflektie-
renden und befruchtenden Kunstbegriff gedeihen kann.
Die Trennlinie verläuft heute nicht mehr zwischen
engagierter und autonomer Kunst wie in den Sechziger-
und Siebzigerjahren. Die Rebellion gegen vorgefasste
Meinungen reicht nicht mehr aus. Als Felix Droese am
8. Dezember des vorigen Jahres die Bodenskulptur 2000
Sculpture von Walter de Maria im Kunsthaus besuchte,
lautete sein Kommentar lakonisch: «Das ist engagierte
Kunst!» Als Künstler weiss Droese aus langer Erfahrung
im Umgang nicht nur mit west- und osteuropäischem
Publikum, dass es darauf ankommt, «dass man einen
Weg findet, um in die Gehirne und in die Seelen zu
kommen, um den Menschen noch über seine Blocka-
den, die er ja schon erziehungsmässig aufgebaut hat, zu
erreichen. Man muss quasi eine Öffnung finden.»” In
vielen seiner Zeichnungen benennt und beschwört er
diese Blockaden mit einer ihm eigenen Insistenz. Stets
ist sein Augenmerk auf das Vergängliche, Bedrohte, Ver-
drängte gerichtet - barockes Memento mori und früh-
romantische Sehnsucht in zeitgenössischem Gewand.
Die Todbringer über Iris, Löwenzahn und Malve von 1987
(Abb. 14) erscheinen zunächst in der Silhouette von zwei
Düsenjägern, Tiefflieger, die durch die Dämmerung
rasen. Der Horizont bleibt zwar unsichtbar, kann aber so
weit unten nicht liegen, da am linken Bildrand ein
Ballon friedlich durch die Abendlüfte gleitet. Wie in
einem bösen Traum evoziert Droese mit nur drei Tusch-
flecken das beklemmende Gefühl des Gejagtwerdens