Volltext: Jahresbericht 1999 (1999)

HOLS DER DRÖS! 
ZU DEN DAUERLEIHGABEN 
VON FELIX DROESE 
Um Felix Droese ist es in den letzten Jahren stiller 
geworden, nicht zum Nachteil seiner Kunst.‘ Nach einer 
Zeit der intensiven politischen Aktivität in den Siebzi- 
gerjahren, erlangte Droese 1982 mit der Papierschnitt- 
Installation Ich habe Anne Frank umgebracht für die 
documenta 7 und seinem Beitrag für die Bundesrepublik 
Deutschland auf der Biennale in Venedig, Haus der 
Waffenlosigkeit von 1988, internationale Anerkennung. 
Die vom Künstler und von Ursula Perucchi-Petri im 
Auftrag des Instituts für Auslandsbeziehungen Stuttgart 
organisierte Wanderausstellung Das Gleichmass der Unord- 
nung reiste nach ihrer Eröffnung im Kunsthaus Zürich 
1991 um die halbe Welt.? Droese begleitete sie auf den 
ersten Stationen nach Brasilien, Finnland und Mexiko. 
Als er seine Werke 1997 in Belgrad, Zagreb und Sarajewo 
wieder sah, stellte er mit Schrecken fest, dass das 
Publikum seinen Arbeiten verständnislos gegenüber- 
stand.? Droese, der sich nach 1968 massgeblich für die 
«künstlerische Produktion von Geschichte»* —- für ein 
Mitspracherecht der Kunst in der Geschichtsschreibung 
- eingesetzt hatte, wurde nun von den politischen Ereig- 
nissen eingeholt. Der «Schock des Unverständlichen» 
(Adorno) wurde nicht als Widerstand gegen die Diktatur 
der «roten Millionäre»°, nicht als Antwort der Avant- 
garde auf die Diktaturen des 20. Jahrhunderts wahrge- 
nommen und auf die aktuelle politische Situation 
umgemünzt, sondern nach alter stalinistischer Manier 
als westlicher Formalismus abgelehnt. Diese Erfahrung 
erschien Droese umso bedenklicher, als er sich zu den 
Künstlern zählt, die ihre Materialexperimente und per- 
sönlichen Mythologien im ständigen Dialog mit dem 
Publikum und in der Auseinandersetzung mit älterer 
Kunst entwickelt haben. So schlägt der Holzdruck 
Breughel graaft dieper von. 1984/89 (Abb. 13) eine Brücke 
in die beginnende Neuzeit. Auch Breughel hatte eine 
Bildsprache erfunden, die seiner Zeit weit voraus war 
und deren Gehalt, obschon nicht leicht zu entziffern, 
sich tiefer ins Gedächtnis der Menschheit einprägte als 
so manches, was damals Rang und Namen hatte.® Seit 
der Französischen Revolution, spätestens aber seit dem 
Dadaismus ist der Schock ein notwendiges Stilmittel 
geworden, um den Glauben an die Fassaden der Macht 
zu erschüttern. Wie kommt es, dass diese Tradition in 
einigen Teilen Europas überliefert und erneuert, in 
anderen dagegen unterdrückt und verdrängt worden ist? 
Droese ist überzeugt, dass nur da, wo sich eine freie, 
anarchische Kunstszene behauptet, der Sinn für einen 
modernen, die gesellschaftlichen Verhältnisse reflektie- 
renden und befruchtenden Kunstbegriff gedeihen kann. 
Die Trennlinie verläuft heute nicht mehr zwischen 
engagierter und autonomer Kunst wie in den Sechziger- 
und Siebzigerjahren. Die Rebellion gegen vorgefasste 
Meinungen reicht nicht mehr aus. Als Felix Droese am 
8. Dezember des vorigen Jahres die Bodenskulptur 2000 
Sculpture von Walter de Maria im Kunsthaus besuchte, 
lautete sein Kommentar lakonisch: «Das ist engagierte 
Kunst!» Als Künstler weiss Droese aus langer Erfahrung 
im Umgang nicht nur mit west- und osteuropäischem 
Publikum, dass es darauf ankommt, «dass man einen 
Weg findet, um in die Gehirne und in die Seelen zu 
kommen, um den Menschen noch über seine Blocka- 
den, die er ja schon erziehungsmässig aufgebaut hat, zu 
erreichen. Man muss quasi eine Öffnung finden.»” In 
vielen seiner Zeichnungen benennt und beschwört er 
diese Blockaden mit einer ihm eigenen Insistenz. Stets 
ist sein Augenmerk auf das Vergängliche, Bedrohte, Ver- 
drängte gerichtet - barockes Memento mori und früh- 
romantische Sehnsucht in zeitgenössischem Gewand. 
Die Todbringer über Iris, Löwenzahn und Malve von 1987 
(Abb. 14) erscheinen zunächst in der Silhouette von zwei 
Düsenjägern, Tiefflieger, die durch die Dämmerung 
rasen. Der Horizont bleibt zwar unsichtbar, kann aber so 
weit unten nicht liegen, da am linken Bildrand ein 
Ballon friedlich durch die Abendlüfte gleitet. Wie in 
einem bösen Traum evoziert Droese mit nur drei Tusch- 
flecken das beklemmende Gefühl des Gejagtwerdens
	        
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