PETER FISCHLI/ DAVID WEISS
PILZE UND BLUMEN
Von den Werken von Peter Fischli/David Weiss, die sich
in der Sammlung des Kunsthauses befinden, dürfte die
grosse Videoarbeit von 1995 mit den spektakulären 104
Stunden Film diejenige sein, die am ehesten als Vorläu-
ferin zur «Pilz-Diaschau» betrachtet werden kann. Wie
öfters widmeten sich die beiden Künstler dort einer
absurd spielerisch enzyklopädischen Betrachtung des
Unspektakulären. In den auf dreizehn Monitoren
gezeigten Filmstunden machte man Besuche beim Zahn-
arzt, Fahrten auf Bergbahnen, Spaziergänge durch
Wälder oder Abstecher in belebte Nachtquartiere. Ein
Potenzial von interessiertem Wohlgefallen an den vielen
normalen Dingen, die das Leben ausmachen, bestimmte
die Dramaturgie, bzw. vielmehr den verschmitzten Ver-
zicht auf einen Gestaltungswillen. Die abgefilmte Wirk-
lichkeit sollte sich hier offensichtlich als ununter-
brochener, ruhiger Strom auf den Bildschirm ergiessen.
Anders nun in der neusten Arbeitsgruppe, wo das Prin-
zip der Komposition geradezu vordergründig spürbar ist.
Allein die hier verwendete Überblendungstechnik signa-
lisiert sofort technisch-ästhetische Ambition. Und doch
ist der Vorgang so transparent und einfach gehalten, dass
man gleich unsicher wird, ob nicht eine andere Kraft als
die ausgeklügelte künstlerische Formgebung diese über-
bordende, explosive Schönheit erzeugt hat.
Ja, es ist eine provokative Überdosis an Schönheit,
der wir hier gegenüberstehen. Einer Schönheit, die tief
innerlich legitimiert und umfassend verbindlich scheint
und gerade deshalb eine Art ästhetisches Tabu darstellt.
Diese Schönheit darf nun bei Fischli/Weiss ungehemmt
wuchern und hervorschiessen und sich zu Garben der
Prachtentfaltung bündeln.
Betrachtet man die Bilder genauer, fällt die durchge-
hende Nahsicht auf. Ein Blickwinkel wie ihn der Alltags-
mensch nur aus persönlichen Vorzeiten kennt, als man
noch im Gras rumtollte, sich in Brombeerstauden ver-
fing und die Welt von unten betrachtete, um die Gras-
stängel, den Blattflaum und die Blütenkelche vielleicht
zum ersten Mal im Leben genauer zu inspizieren.
Die Doppelbelichtungen nun überhöhen und kon-
zentrieren bestimmte Reizeffekte, seien sie visueller oder
emotionaler Natur, Und wie durch übernatürliche
Fügung ergibt sich ein Bild als Konzentrat, als Essenz
von Farb-, Form- und Stimmungsakkorden. Die Bilder,
die alle auf den erwähnten fotografischen, am Computer
nachbearbeiteten Doppelbelichtungen beruhen, um-
kreisen zwei Motivgruppen - «die Blumen» und «die
Pilze» - und wurden von Fischli/Weiss in zwei verschie-
dene Präsentationsweisen gebracht: als gewichtige Dia-
schau mit Überblendungstechnik und als Ink-Jet-Foto-
prints. In die Sammlung des Kunsthauses gehen nun
eine Pilz-Diaschau sowie acht Fotografien mit Blumen
2in. Die in Überblendungen langsam ineinanderproje-
zierten Diabilder, die ja selbst schon doppelt belichtet
sind, erzeugen auf ganz eigenwillige Art einen Eindruck
von Fliessen. Denn für die Betrachter ist das Fixieren
eines in sich ruhenden Einzelbildes schlicht unmöglich.
Immer wächst irgendwo eine Form in eine andere,
Farben mutieren, ein Lichtschein schwillt an oder ein
Horizont frisst sich ins Dunkel. Aber gerade so, als
wären wir an einer Wahrnehmungsschwelle und würden
gleich ein greifbares «fertiges» Bild erfassen können - um
gleichzeitig festzustellen, dass dieses nicht fassbare Bild
vereits am Schwinden ist.
Ein durchaus haluzinierendes Erlebnis für die, die
gewillt sind sozusagen in den Fluss zu steigen und sich
den auf sie wartenden Unterholz-Glückseligkeiten hin-
zugeben. Und die Lamellen an den Fliegenpilzhüten im
warmen Licht (einer Zwergen-Laterne?) zu bestaunen,
während glänzend rote Kugeln, allmählich erkennbar
geworden als Johannisbeeren, sich in den Vordergrund
schieben und sich an der rechten Bildhälfte eine Erhel-
lung abzeichnet, die das ganze dunkle Laubwerk plötz-
lich in popig helles Grün taucht, an dem sich gleichzeitig
zın malerischer Wurmfrass breit macht...
Bice Curiger