Volltext: Jahresbericht 1999 (1999)

PETER FISCHLI/ DAVID WEISS 
PILZE UND BLUMEN 
Von den Werken von Peter Fischli/David Weiss, die sich 
in der Sammlung des Kunsthauses befinden, dürfte die 
grosse Videoarbeit von 1995 mit den spektakulären 104 
Stunden Film diejenige sein, die am ehesten als Vorläu- 
ferin zur «Pilz-Diaschau» betrachtet werden kann. Wie 
öfters widmeten sich die beiden Künstler dort einer 
absurd spielerisch enzyklopädischen Betrachtung des 
Unspektakulären. In den auf dreizehn Monitoren 
gezeigten Filmstunden machte man Besuche beim Zahn- 
arzt, Fahrten auf Bergbahnen, Spaziergänge durch 
Wälder oder Abstecher in belebte Nachtquartiere. Ein 
Potenzial von interessiertem Wohlgefallen an den vielen 
normalen Dingen, die das Leben ausmachen, bestimmte 
die Dramaturgie, bzw. vielmehr den verschmitzten Ver- 
zicht auf einen Gestaltungswillen. Die abgefilmte Wirk- 
lichkeit sollte sich hier offensichtlich als ununter- 
brochener, ruhiger Strom auf den Bildschirm ergiessen. 
Anders nun in der neusten Arbeitsgruppe, wo das Prin- 
zip der Komposition geradezu vordergründig spürbar ist. 
Allein die hier verwendete Überblendungstechnik signa- 
lisiert sofort technisch-ästhetische Ambition. Und doch 
ist der Vorgang so transparent und einfach gehalten, dass 
man gleich unsicher wird, ob nicht eine andere Kraft als 
die ausgeklügelte künstlerische Formgebung diese über- 
bordende, explosive Schönheit erzeugt hat. 
Ja, es ist eine provokative Überdosis an Schönheit, 
der wir hier gegenüberstehen. Einer Schönheit, die tief 
innerlich legitimiert und umfassend verbindlich scheint 
und gerade deshalb eine Art ästhetisches Tabu darstellt. 
Diese Schönheit darf nun bei Fischli/Weiss ungehemmt 
wuchern und hervorschiessen und sich zu Garben der 
Prachtentfaltung bündeln. 
Betrachtet man die Bilder genauer, fällt die durchge- 
hende Nahsicht auf. Ein Blickwinkel wie ihn der Alltags- 
mensch nur aus persönlichen Vorzeiten kennt, als man 
noch im Gras rumtollte, sich in Brombeerstauden ver- 
fing und die Welt von unten betrachtete, um die Gras- 
stängel, den Blattflaum und die Blütenkelche vielleicht 
zum ersten Mal im Leben genauer zu inspizieren. 
Die Doppelbelichtungen nun überhöhen und kon- 
zentrieren bestimmte Reizeffekte, seien sie visueller oder 
emotionaler Natur, Und wie durch übernatürliche 
Fügung ergibt sich ein Bild als Konzentrat, als Essenz 
von Farb-, Form- und Stimmungsakkorden. Die Bilder, 
die alle auf den erwähnten fotografischen, am Computer 
nachbearbeiteten Doppelbelichtungen beruhen, um- 
kreisen zwei Motivgruppen - «die Blumen» und «die 
Pilze» - und wurden von Fischli/Weiss in zwei verschie- 
dene Präsentationsweisen gebracht: als gewichtige Dia- 
schau mit Überblendungstechnik und als Ink-Jet-Foto- 
prints. In die Sammlung des Kunsthauses gehen nun 
eine Pilz-Diaschau sowie acht Fotografien mit Blumen 
2in. Die in Überblendungen langsam ineinanderproje- 
zierten Diabilder, die ja selbst schon doppelt belichtet 
sind, erzeugen auf ganz eigenwillige Art einen Eindruck 
von Fliessen. Denn für die Betrachter ist das Fixieren 
eines in sich ruhenden Einzelbildes schlicht unmöglich. 
Immer wächst irgendwo eine Form in eine andere, 
Farben mutieren, ein Lichtschein schwillt an oder ein 
Horizont frisst sich ins Dunkel. Aber gerade so, als 
wären wir an einer Wahrnehmungsschwelle und würden 
gleich ein greifbares «fertiges» Bild erfassen können - um 
gleichzeitig festzustellen, dass dieses nicht fassbare Bild 
vereits am Schwinden ist. 
Ein durchaus haluzinierendes Erlebnis für die, die 
gewillt sind sozusagen in den Fluss zu steigen und sich 
den auf sie wartenden Unterholz-Glückseligkeiten hin- 
zugeben. Und die Lamellen an den Fliegenpilzhüten im 
warmen Licht (einer Zwergen-Laterne?) zu bestaunen, 
während glänzend rote Kugeln, allmählich erkennbar 
geworden als Johannisbeeren, sich in den Vordergrund 
schieben und sich an der rechten Bildhälfte eine Erhel- 
lung abzeichnet, die das ganze dunkle Laubwerk plötz- 
lich in popig helles Grün taucht, an dem sich gleichzeitig 
zın malerischer Wurmfrass breit macht... 
Bice Curiger
	        
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