Full text: Jahresbericht 2000 (2000)

Die hier heraufbeschworene hypnotische Kraft der 
neuen visuellen Medien stand auch im Zentrum von 
Pipilotti Rists Video-Installation «I Couldn’t Agree 
with You More», 1999, ebenfalls im ersten Kapitel ei- 
ner nicht chronologisch oder in Stileinteilungen ge- 
gliederten Ausstellung, 
Die verschiedenen Werke zeigten auf, wie sehr die 
Künstlerinnen und Künstler nach dem Krieg die 
Wirklichkeitserfahrung weder im «alten» Realismus 
noch im Surrealismus der ersten Stunde auszudrücken 
zewillt waren und zunehmend statt Individualpyscho- 
logie und das Unbewusste zu thematisieren, die kol- 
lektiven Prägungen, die tiefgreifenden neuen Kondi- 
tionierungen reflektierten. Das Ausdrucksspektrum 
der Ausstellung reichte von der Strassenaktion (Valie 
Export und Peter Weibel) und den irrlichtern auf 
Transparentfolien gemalten Bildern (James Rosen- 
quist), über die ins Dreidimensionale verwandelte 
Photographie (Duane Hansons «Policeman and Rio- 
ter») und dem Dokument einer archetypischen Noma- 
denreise (Kim SooJa) bis hin zur minuziös in uralter 
Öltechnik wiederabgemalten Science Fiction-Vision 
(Glenn Brown) oder den mit Urangestein bestrahlten 
Photos (Sigmar Polke), 
Gerade die «Vorväter und Vormütter» in der Aus- 
stellung wie Marcel Duchamp, Louise Bourgeois oder 
Meret Oppenheim, welche die Geschlechter-Bezie- 
hung nicht im tradierten Maler/Modell-Verhältnis 
aufgriffen, zeigten das «Mentale» als den Ort auf; wo 
sowohl analytische Kontrolle und die wuchernde Welt 
der Phantasien ihren Sitz haben. BC 
AUSSTELLUNGEN IM GRAPHISCHEN 
KABINETT 
Carte-de-visite 1: 
Gotthard Schuh und Robert Frank 
Als Ergänzung zur Ausstellung im grossen Saal, «Ja- 
kob Tuggener — Fotografie», zeigte die Schweizerische 
Stiftung für die Photographie Fotografien von Gott- 
hard Schuh und Robert Frank aus der eigenen Samm- 
lung. Anlass für diese Ausstellung war eine kürzlich er- 
folgte grosszügige Schenkung Robert Franks an die 
Stiftung und eine Neusichtung des Archivs von Gott- 
hard Schuh, das die Stiftung seit Jahren betreut. Er- 
gänzt wurden diese Bestände durch Werke von Robert 
Frank aus dem Nachlass seines Freundes Werner Zryd 
(angekauft von der Schweizerischen Eidgenossen- 
schaft) sowie Werken von Gotthard Schuh aus dem 
Privatbesitz der Familie Schuh. Die Gegenüberstel- 
lung Schuh - Frank und die Tuggener Retrospektive 
erlaubte Vergleiche zwischen drei Fotografen, die sich 
früh als Autoren verstanden, die sich gegenseitig 
kannten und schätzten und deren Bildwelt nahe Ver- 
wandtschaft aufweist. Zu diesem Thema wurde im 
Rahmen der Fotoausstellungen ein Podiumsgespräch 
mit dem Titel «Zwischen Schuh, Tuggener und Frank, 
Film und Foto» organisiert. Dabei wirkte Robert 
Frank mit, der eigens für die Tuggener-Ausstellung an- 
gereist war. MG 
Carte-de-visite 2: 
Geschichtsbewusstsein und Gegeemwartsbezug 
Geschichte stapelt sich in den Museen rund um die 
Welt, Allein unsere Graphische Sammlung bewahrt 
80’000 Werke auf Papier aus sechs Jahrhunderten. Der 
Jährliche Zuwachs in den letzten zwanzig Jahren liegt 
bei 200 Werken. Wie gehen wir mit diesem Kapital 
um? 
Kunst = Kapital. Der Beuys-Schüler Felix Droese 
lebt und arbeitet seit dreissig Jahren nach diesem 
Grundsatz. Seine von Ursula Perucchi für das deut- 
sche Institut für Auslandsbeziehungen erarbeitete 
Wanderausstellung, die 1991 im Graphischen Kabi- 
nett begann, kehrte nun nach Stationen in Rio de Ja- 
neiro, Mexico City, Caracas, Belgrad, Sarajevo, Sofia, 
Antwerpen, Kaunas (Litauen) zurück. Die Arbeiten 
auf Papier und drei Objekte bleiben als Dauerleihga- 
ben im Zürcher Kunsthaus. Aus diesem Anlass richten 
wir Felix Droese für die Dauer der Ausstellung einen 
Denkraum im Graphischen Kabinett ein. Der Künst-
	        
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