Full text: Jahresbericht 2005 (2005)

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dem Bild beifügte. Polke se tzte Schablone und Spray 
ein bei der Übertragung der fotokopierten Co llage auf 
den Bildträger . 
Der «mal erische» Beitrag, der das rein Grafische 
aufbr icht, kommt via Fotokopie ins Bild. Bew egtheit, 
Verschleifen der Bildstruktur, ein Einb inden der Details 
in eine übergeordnete Bildstruktur, all dies sind Cha- 
rakteristiken des «Malerischen». Polke hat sich über 
die Jahre eine spezifische Meisterschaft in der Mani- 
pulation des Fotokopierers angeeignet. Seit den frü- 
hen 90er Jahren hat er Be wegung als phantastisch 
fliessende Met amorphose n und k o nvulsivische Ver- 
dr ehungen in die benutzten Bildvorlagen eingeführt, 
und zwar durch frühzeitig e s Wegziehen und Drehen 
des Papiers im Kopierprozess. So sind all jene Fehler, 
die schon jedem von uns ir gendwann passiert sind, bei 
Polke nun in ihrem positiven Potenzial entdeckt wor- 
den, um in seinen Kreationsprozess einzuflies s en. 
Licht und Schatten sind ein altes Thema in der 
Kuns t, und so mag man vor Polkes Bild auch gleich an 
das Höhlengleichnis denken. Zeitgemäss zuges p itzt, 
schwingt dabei wie immer in s einer Kunst die Frage 
nach dem W ahrheitsgeha lt medial vermittel ter Bilde r 
mit, was hier nun auch, wie es der Titel «Schatte nka- 
binett» suggeriert , eine politische Anspielung beinhal- 
tet. Tüll, Rauch und ein Hauch von Hal luzination beto- 
nen das Immaterielle, auch Flüchtige von Bildern. Das 
neckische, fast versteckte Vexierbild im ober en Bild- 
rand macht aus einem forma l klar abgegrenzten Zwi- 
schenr aum eine zwischen Figur und Grund oszillie- 
rende zwie spältige Form. So scheint alles, nicht nur 
«das Grafische», sich vielfach aufzulösen, wie es die 
Ank länge an Rauch und das im Bild wirks am werdende 
Melodiöse, Tä nzerische zus ätzlich nahe l egen. 
Das Bild gemahnt an Musik allein schon durch das 
Schwarz-W eiss von musika lischen Not ationen. Es ist 
ein beschwingtes Wogen im Bild. Und da ist die Figur 
in Rückenansicht, eigentlic h ein Kellner, der aber gut 
auch jenen Dirigenten abgeben könnte, der hier die 
ganze Szenerie zu orchestrieren weiss. 
Wenn in «Levita t ion» wir Betrachter ins Bild geholt 
sind, so ist es viell eicht nicht abwegig, hier im «Schat- 
tenkabinett» auch ein Stück weit die Welt des Küns t- 
lers erfasst zu sehen. Auf jeden Fall ist hier Ei nblick in 
ein Universum der Artistentricks gebo ten, wo sich 
W ahrheit, Bl endung und Spiel ein Stelldichein gebe n. 
Bice Cur iger 
ERWIN WURM, GUGGENHEIM MELTING 
Dass in Frank Lloyd W rights Guggenheim Museum 
nicht mehr, wie seit Schink el üblich, der Künstler im 
Museum als der «gesalbte Gottes» auftritt, sondern 
dessen Architekt; dass statt dem Pathos dorischer 
T empelfront nun eine exzentrische Spiralfas sade eine 
Monumentalskulptur begrenzt, einen eigentlich Keno- 
taphen, dessen Innerstes, wie nie mehr seit dem Pan- 
the on, die Leere darstellt, macht den weltberühmten 
Bau an der 5th Avenue zur idealen Zielscheibe für Erwin 
Wurms skulpturale Reflexion. Wurm, geboren 1954, 
blickt bereits auf ein reiches und erfolgr eiche s künstle- 
rische s Werk z urück, das in beharrlicher Stringe nz die 
Abschattungen des Begriffs des Plastischen bedenkt. 
Sein Weg führt ihn über bemalte Holzskulpturen zu 
deformierten und transformierten Gebrauchsgegen- 
ständen; von da aus zu minim al en Skulpturen aus 
feinsten Schmu tzabl age runge n, hin zu mit textiler Mas- 
senware überzogenen und de rart in ge heim nisvolle, 
skurril-erotische F etis che verwandelten Ob jekten. Der 
Dehn ung und Kompression des Materiellen ents pricht 
die Deh nung der Zeit: Wurm verfolgt ab Mitte der neun- 
ziger Jahre einen performativen, temporalisierten 
Werkbegriff. Jetzt überlagern sich in Videoarbeiten und 
in fotografischen Serie n Skulptur und Handlung, hä ufig 
im öffentlichen Raum. Form und Sitt e, Form und Moral 
gehen ineinander auf, und sie dementieren sich in 
einem gege ns eitig. Plausibel erscheint dann die 
anschlies sende Rückanwendung des so gewonnen 
Repertoir es der Erkenntnisse über die Ze itlichk eit alles 
scheinbar fest Geformten auf komplexe industrielle 
Produkte (exemplarisch: ein «fettes Auto») und endlich, endlich,
	        
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