Volltext: Jahresbericht 2005 (2005)

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Sigm ar Polke «Werke & Tage» 
Sigm ar Polke (geboren 1941) überraschte das Zürcher 
Publikum mit zahlreichen neuen Bildern, in welchen 
der Künstler wieder einmal mit grossem Freiheitsdrang 
neues Terrain betreten hat. Das Experiment und nicht 
die Retrospektive stand als Zeichen über dieser Aus- 
stellung, die den bei Hesiod entlehnten Titel «Werke & 
Tage» trug und doch gleichzeitig auch zahlreiche ältere 
Schlüsselwerke einschloss. 
Bereits im erste n Raum wurde deutlich, wie sehr 
Sigmar Polke das Sehen, die visuelle Wahrnehmung, 
ins Zentrum seiner Kunst stellt. Dazu gehört von 
Anf ang an die Einf ührung des Rasterpunkts, wohl- 
bemerkt: immer von Hand gemalt, den er zum vielfäl- 
tigen Leitmotiv macht, um damit schon in den frühes- 
ten 60er Jahren auf die Konditionierung des modernen 
Me nschen durch die Omnipräsenz der Massenmedien 
zu verweisen. Gleich beim E ingang ers trahl ten in wil- 
dem Rot neue Leinwä nde, die dem Auge den Anblick 
von chemisch r einem Zinnobe r in subti l en Gradationen 
darbot. 
Zum Se hen, wie es von Sigmar Polke thematisiert 
wird, gehören das Vorführen von Welten und Bildern, 
das Paradierenlassen vor unseren Augen von verbor- 
gene n, von elementaren, zuweilen auch in der E rinne- 
rung der Menschheitsgeschichte verankerten Phä no- 
men en. 
Wenn wir das Sehen als zentrales Element in 
Polkes Kunst erwä hnt haben, dann gesellt sich ein 
zw eites dazu: die Geschichte. Da gehören auch die 
Geschic ht en dazu, jene, die eben von all den Bildern 
aus gehen, die sich uns präs entier en, oder aber, die wir 
in uns tragen. Es ist bekannt, dass Sigmar Polke der 
Alchemist unter den Mal ern ist. Die Alchemie führ te 
Polke Anf ang der 80er Jahre in sein Werk ein – als 
Motiv, das seine küns tl erischen Handlungen ins Licht 
von weit gefassten Zeit- und Denkräumen, in den Kon- 
text von Natur- und Geistesgeschichte rüc kt. Der 
Künstler als Alchemist v ermag Gege nsätze aufzu- 
heben, weit gefasst zwischen subjektiv und objektiv, 
immediat und vermittelt, ma teriell und imma teriell , 
zwischen Langsamkeit und Geschwindigkeit. 
Die früheste Arbeit der Ausstellung stammte von 
1971. Eine 4 1-teilige F otoarbeit, eine Dunkelkammer- 
suite , in welcher Polke das ganze Potenzial, das im 
Medium der F o tografie steckt, sich auf überraschende 
Weise a neignet, gerade auch im alchemistischen Ver- 
einen und V erunklären von kanonisierten Gegens ät- 
zen. Wie weit reichend der Einfluss dann auch spä ter 
sich in s einer ma l erischen Praxis aus wirkte, wurde in 
den dazugestellten Bildern, die in den mit fotoche- 
mischen Substanzen wie Silberbr omid oder Silber- 
chlorid gema lt waren, deutlich. 
Eine zentrale Rolle nahm die 1982 entstandene Bil- 
der gr uppe «N egativwerte » ein, die eine Neu orien tie- 
rung in Polkes Malerei belegt, nachdem er von einer 
extensiven Weltreise zurückgek ehrt war. Es sind Bil- 
der, in welchen der Maler Viol ettp igment e so auf den 
Malgrund auftr ug, dass sie vielfältig schillern und dem 
Auge so wohl den Nahblick in die Mikrowelten wie auch 
den kosmischen F ernblic k anbiet en. 
Die allerneusten Bilder, eine Grup pe von sehr 
grossformatigen Bildern auf dunkl em semitranspa- 
rentem Malgrund, knüpfen hier an. Sie strahlen in 
changierendem Gold und sind nicht eigentlich 
«ge ma lt». Auf den mit matte m Lack beha ndelte n 
schwarzen Tüllstoff wurde das viol ette Pigment aufge- 
streut, hingeblasen und verrieben, so dass sich die 
riesigen Bildflächen in ein warme s goldenes Leuchten 
verwandelten. 
Noch ein Schlüsselwerk, das in der Ausstellung zu 
sehen war, ist das soge nannte Purpurtuch, das einst 
eher unbemerkt im deutschen Pavillon der Biennale 
1986 in Venedig hing, als Sigmar Polke dort seine 
grosse Ins tal lation «Athanor» zeigte. In Züri ch zeigten Auss tellu ngen
	        
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