18
Sigm ar Polke «Werke & Tage»
Sigm ar Polke (geboren 1941) überraschte das Zürcher
Publikum mit zahlreichen neuen Bildern, in welchen
der Künstler wieder einmal mit grossem Freiheitsdrang
neues Terrain betreten hat. Das Experiment und nicht
die Retrospektive stand als Zeichen über dieser Aus-
stellung, die den bei Hesiod entlehnten Titel «Werke &
Tage» trug und doch gleichzeitig auch zahlreiche ältere
Schlüsselwerke einschloss.
Bereits im erste n Raum wurde deutlich, wie sehr
Sigmar Polke das Sehen, die visuelle Wahrnehmung,
ins Zentrum seiner Kunst stellt. Dazu gehört von
Anf ang an die Einf ührung des Rasterpunkts, wohl-
bemerkt: immer von Hand gemalt, den er zum vielfäl-
tigen Leitmotiv macht, um damit schon in den frühes-
ten 60er Jahren auf die Konditionierung des modernen
Me nschen durch die Omnipräsenz der Massenmedien
zu verweisen. Gleich beim E ingang ers trahl ten in wil-
dem Rot neue Leinwä nde, die dem Auge den Anblick
von chemisch r einem Zinnobe r in subti l en Gradationen
darbot.
Zum Se hen, wie es von Sigmar Polke thematisiert
wird, gehören das Vorführen von Welten und Bildern,
das Paradierenlassen vor unseren Augen von verbor-
gene n, von elementaren, zuweilen auch in der E rinne-
rung der Menschheitsgeschichte verankerten Phä no-
men en.
Wenn wir das Sehen als zentrales Element in
Polkes Kunst erwä hnt haben, dann gesellt sich ein
zw eites dazu: die Geschichte. Da gehören auch die
Geschic ht en dazu, jene, die eben von all den Bildern
aus gehen, die sich uns präs entier en, oder aber, die wir
in uns tragen. Es ist bekannt, dass Sigmar Polke der
Alchemist unter den Mal ern ist. Die Alchemie führ te
Polke Anf ang der 80er Jahre in sein Werk ein – als
Motiv, das seine küns tl erischen Handlungen ins Licht
von weit gefassten Zeit- und Denkräumen, in den Kon-
text von Natur- und Geistesgeschichte rüc kt. Der
Künstler als Alchemist v ermag Gege nsätze aufzu-
heben, weit gefasst zwischen subjektiv und objektiv,
immediat und vermittelt, ma teriell und imma teriell ,
zwischen Langsamkeit und Geschwindigkeit.
Die früheste Arbeit der Ausstellung stammte von
1971. Eine 4 1-teilige F otoarbeit, eine Dunkelkammer-
suite , in welcher Polke das ganze Potenzial, das im
Medium der F o tografie steckt, sich auf überraschende
Weise a neignet, gerade auch im alchemistischen Ver-
einen und V erunklären von kanonisierten Gegens ät-
zen. Wie weit reichend der Einfluss dann auch spä ter
sich in s einer ma l erischen Praxis aus wirkte, wurde in
den dazugestellten Bildern, die in den mit fotoche-
mischen Substanzen wie Silberbr omid oder Silber-
chlorid gema lt waren, deutlich.
Eine zentrale Rolle nahm die 1982 entstandene Bil-
der gr uppe «N egativwerte » ein, die eine Neu orien tie-
rung in Polkes Malerei belegt, nachdem er von einer
extensiven Weltreise zurückgek ehrt war. Es sind Bil-
der, in welchen der Maler Viol ettp igment e so auf den
Malgrund auftr ug, dass sie vielfältig schillern und dem
Auge so wohl den Nahblick in die Mikrowelten wie auch
den kosmischen F ernblic k anbiet en.
Die allerneusten Bilder, eine Grup pe von sehr
grossformatigen Bildern auf dunkl em semitranspa-
rentem Malgrund, knüpfen hier an. Sie strahlen in
changierendem Gold und sind nicht eigentlich
«ge ma lt». Auf den mit matte m Lack beha ndelte n
schwarzen Tüllstoff wurde das viol ette Pigment aufge-
streut, hingeblasen und verrieben, so dass sich die
riesigen Bildflächen in ein warme s goldenes Leuchten
verwandelten.
Noch ein Schlüsselwerk, das in der Ausstellung zu
sehen war, ist das soge nannte Purpurtuch, das einst
eher unbemerkt im deutschen Pavillon der Biennale
1986 in Venedig hing, als Sigmar Polke dort seine
grosse Ins tal lation «Athanor» zeigte. In Züri ch zeigten Auss tellu ngen