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nachzula sier e n. Das Kuns thaus verfügt wenigstens
über ein Gemä lde in weitgehend originalem Zust and,
das uns als V orbild dienen konnte: «Theseus empfängt
von Ariadne den F aden»; hier sind die Lasuren, also
«Ton und Kolorit», erhalt en. Ein weiteres Gemälde, das
unsere Sichtweise und V or gehen bes tätigt, ist «Wolf-
ram beobachtet seine Gemahlin in der Zelle, in die er
sie mit dem Skelett ihres Liebhabers eingekerkert
hat», welches sich im Museum Georg Schäfe r in
Schweinfurt befindet und ebenfalls weitgehend unbe-
rührt ist.
Diese r Fall Füs sli veranschaulicht die Wichtigkeit
eines bisweilen sehr langfristigen, reflektierten Heran-
tastens an eine Re s taurierung s aufgabe. Es wäre fatal
gewesen, hätte man wie andernorts einfach r outine-
mäs sig draufl os restauriert. In den Fällen von Lorrain
und Poussin war das etwas einfacher, weil man sich
an Ausstellungen über diese Künstler an hand von
Leihgaben aus Mus een, in denen zurückhaltend res-
tauriert wird, beispielsweise den russischen Museen,
orientier e n konnte. Künfti g wird es unverzic htbar sein,
dass sich die Restauratoren andere Werke eines
Künstlers gr ündlich a nschauen, bevor die Werke der
eigene n Sa mmlung restauriert werden.
Die ungefirnisste O berfläche
Eines Tages, es war bereits 1972, stand Munchs «M usik
auf der Strasse» auf der Staffel ei, und Frau Canetti
besprach mit mir die letzte Konservierungsmassnah-
me. Die Strasse und die Häuserfront sahen so über-
zeuge nd staubig aus, und sie fragte , ob wir da nicht für
sauberere Luft sorgen sollten. Mich s törte der Staub
nic ht, solange er nicht meine Nase irritiert, und ich
hätte in diesem seltenen Ausnahmefall auf den Firnis
gern verzichtet. Aber Frau Canetti konnte ihre so
zuverlässige Ethik nicht hintanstellen und firnisste das
Gemälde, allerdings sehr stark mit T erpentinöl ver-
dünnt, quasi als Konzession an meine «Oberf l ächlic h-
keit». Als dann der Firnis drauf lag, glich die ganze
Szene eher einem Regentag. Da bereuten wir die gut
gemeinte Tat. Es war dies er V orfa ll, der uns beide zu
grundsätzlichen Überl egungen zur originalen Konzep-
tion von Gemäl d e oberflächen brachte. «Leider» oder
als «Mahnmal» liegt dies er Firnis heute immer noch
auf dem Gemä lde. Schade nur, dass sich Frau Canetti
von jenem Zeitpunkt an kra nkheitsha lber zurückzie-
hen musste. Ohne sie musste ich über Jahre Bilder
nach zuverläs sigen Kriterien absuchen, um Anhalts-
punkte über das nicht gefirnisste Gemälde zu e rarbei-
ten. Den ersten Vortrag in dies er Sache hielt ich erst
im F rühjahr 1993, am Deutschen Restauratorenver-
bandstag in Hambur g (publiziert in Restauro 5/1993).
Das hat oft zur Annahme geführt, man könne Firnis se
abnehme n und die ausgemagerte Gemäldeoberfläche
ohne jede zus ätzlic he Sättig ung ihrem Schicksal über-
las sen. In die offene St ruktur einer nicht genügend
gesättigten Ölfarbschicht können sich jedoc h Ver-
schmutzungen so einfressen, dass diese hinterher
kaum mehr herausgelöst werden können. Als Sätti-
gung der O berfläche hat sich meistens ein Gemisch
aus Dammarfirnis und «V ernis blanc mat» (Lefranc)
mit einer starken Verdünnung mit T erpentinöl be -
währt.
Durch die Auseinanderalterung, also durch die
Ausbleichung gewisser, meist heller Farben und das
Nachdunk el n anderer, meist dunkler Töne, e rscheint
der Bildraum oft empfindlich ges tört. Bes onders
deutlich tritt dies bei Landschaftsgemälden auf, bei
denen dunkl e P artien in der Ferne nochmals dunkler
erscheinen und damit den Hinter grund nach vorne
drängen. In solchen Fällen erreicht man eine stufen-
weise Aufhellung mittel s einer partiellen Mattierung.
Dies war beispiel swe ise der Fall bei J ohann Barthold
Jongkind «Le port au chemin de fer – Honfleur», bei
welchem die Eise nb a hnwagons in der Ferne, rechts im
Bild, die gleiche Dunkelstufe, wie die näher gelegene
Takelage angenomm en ha tten, was zu einem Zusa m-
menfallen des Hintergrundes mit dem Vordergrund
und damit zu einer Einebnung des Bildraumes führte.
Durch die Mattierung der W agons erscheinen diese
wieder in die Ferne gerückt.