Volltext: Jahresbericht 2005 (2005)

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nachzula sier e n. Das Kuns thaus verfügt wenigstens 
über ein Gemä lde in weitgehend originalem Zust and, 
das uns als V orbild dienen konnte: «Theseus empfängt 
von Ariadne den F aden»; hier sind die Lasuren, also 
«Ton und Kolorit», erhalt en. Ein weiteres Gemälde, das 
unsere Sichtweise und V or gehen bes tätigt, ist «Wolf- 
ram beobachtet seine Gemahlin in der Zelle, in die er 
sie mit dem Skelett ihres Liebhabers eingekerkert 
hat», welches sich im Museum Georg Schäfe r in 
Schweinfurt befindet und ebenfalls weitgehend unbe- 
rührt ist. 
Diese r Fall Füs sli veranschaulicht die Wichtigkeit 
eines bisweilen sehr langfristigen, reflektierten Heran- 
tastens an eine Re s taurierung s aufgabe. Es wäre fatal 
gewesen, hätte man wie andernorts einfach r outine- 
mäs sig draufl os restauriert. In den Fällen von Lorrain 
und  Poussin war das etwas einfacher, weil man sich 
an Ausstellungen über diese Künstler an hand von 
Leihgaben aus Mus een, in denen zurückhaltend res- 
tauriert wird, beispielsweise den russischen Museen, 
orientier e n konnte. Künfti g wird es unverzic htbar sein, 
dass sich die Restauratoren andere Werke eines 
Künstlers gr ündlich a nschauen, bevor die Werke der 
eigene n Sa mmlung restauriert werden. 
Die ungefirnisste O berfläche 
Eines Tages, es war bereits  1972, stand Munchs «M usik 
auf der Strasse» auf der Staffel ei, und Frau Canetti 
besprach mit mir die letzte Konservierungsmassnah- 
me.  Die Strasse und die Häuserfront sahen so über- 
zeuge nd staubig aus, und sie fragte , ob wir da nicht für 
sauberere Luft sorgen sollten. Mich s törte der Staub 
nic ht, solange er nicht meine Nase irritiert, und ich 
hätte in diesem seltenen Ausnahmefall auf den Firnis 
gern verzichtet. Aber Frau Canetti konnte ihre so 
zuverlässige Ethik nicht hintanstellen und firnisste das 
Gemälde, allerdings sehr stark mit T erpentinöl ver- 
dünnt, quasi als Konzession an meine «Oberf l ächlic h- 
keit». Als dann der Firnis drauf lag, glich die ganze 
Szene eher einem Regentag. Da bereuten wir die gut 
gemeinte Tat. Es war dies er V orfa ll, der uns beide zu 
grundsätzlichen Überl egungen zur originalen Konzep- 
tion von Gemäl d e oberflächen brachte. «Leider» oder 
als «Mahnmal» liegt dies er Firnis heute immer noch 
auf dem Gemä lde. Schade nur, dass sich Frau Canetti 
von jenem Zeitpunkt an kra nkheitsha lber zurückzie- 
hen musste. Ohne sie musste ich über Jahre Bilder 
nach zuverläs sigen Kriterien absuchen, um Anhalts- 
punkte über das nicht gefirnisste Gemälde zu e rarbei- 
ten. Den ersten Vortrag in dies er Sache hielt ich erst 
im F rühjahr 1993, am Deutschen Restauratorenver- 
bandstag in Hambur g (publiziert in Restauro 5/1993). 
Das hat oft zur  Annahme geführt, man könne Firnis se 
abnehme n und die ausgemagerte Gemäldeoberfläche 
ohne jede zus ätzlic he Sättig ung ihrem Schicksal über- 
las sen. In die offene St ruktur einer nicht genügend 
gesättigten Ölfarbschicht können sich jedoc h Ver- 
schmutzungen so einfressen, dass diese hinterher 
kaum mehr herausgelöst werden können. Als Sätti- 
gung der O berfläche hat sich meistens ein Gemisch 
aus Dammarfirnis und «V ernis blanc mat» (Lefranc) 
mit einer starken Verdünnung mit T erpentinöl be - 
währt.   
Durch die Auseinanderalterung, also durch die 
Ausbleichung gewisser, meist heller Farben und das 
Nachdunk el n anderer, meist dunkler Töne, e rscheint 
der Bildraum oft   empfindlich ges tört. Bes onders 
deutlich tritt dies bei Landschaftsgemälden auf, bei 
denen dunkl e P artien in der Ferne nochmals dunkler 
erscheinen und damit den Hinter grund nach vorne 
drängen. In solchen Fällen erreicht man eine stufen- 
weise Aufhellung mittel s einer partiellen Mattierung. 
Dies war beispiel swe ise der Fall bei J ohann Barthold 
Jongkind «Le port au chemin de fer – Honfleur», bei 
welchem die Eise nb a hnwagons in der Ferne, rechts im 
Bild, die gleiche Dunkelstufe, wie die näher gelegene 
Takelage angenomm en ha tten, was zu einem Zusa m- 
menfallen des Hintergrundes mit dem Vordergrund 
und damit zu einer Einebnung des Bildraumes führte. 
Durch die Mattierung der W agons erscheinen diese 
wieder in die Ferne gerückt.
	        
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