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LA MAMMA A STAMPA
Vor 15 Jahren, anlässlich des 25. Todestages von
Alberto Giacometti und des fünfundzwanzigjährigen
Bestehens der A lberto Giacometti-Stiftung fand im
Kuns thaus die Ausstellung «La Mamma a Stampa –
Ann etta ges ehen von Gio vanni und A lberto Giacometti»
s tatt. Die Kunst von Vater und Sohn wurzel n in ähn-
lichen formalen und geistigen T raditionen und prägen
sich doch so unte rschiedlic h aus: Beides lässt sich in
den Darstellungen ihres wicht igs ten Modells, der Frau
und der Mutte r A nnetta am besten studieren. Schon
früh, kurz nach seine r Entstehung 1912, e rwarb die
Kunstgesellschaft mit der «Lampe» das zentrale Werk
diese r F amilienges c hichte; 1985 schenk ten Bruno und
Odette Giacometti mit Giov annis Gemälde «Lo scultore»
von 1923 die sprechendste Vergegenwärtigung des
V erhältnis s es von Mutte r und Sohn. Erst letztes Jahr
kam als Dauerl eihgabe von Anton und Anna Buc her-
Bechtl er das kunsthistorisch wichtigste Resultat
diese s Dialoges zu uns, A lbertos Bildnis der Mutte r
von 1937, in dem ihm der Durchbruch zu se inem reifen
Stil gelang. Und nun schenkten Herr und Frau Buc her
der Stift ung ein Portrait der Mutte r von 1948, das den
nächs ten Schritt dies er Entwic kl ung repräsentiert. Die
Geschenk e von Bruno und Odette Giacometti aber
umfassen mit Gio vannis Gemälde der jungen Mutter
mit dem Bébé A lberto und dem Bildnis der ehrwür-
digen Greisin und 17 Ze ic hnungen von Alberto die Eck-
punkte und den ganze n Verlauf dieser so fruchtbaren
Beziehungen.
Das Bild, in dem Annetta dem kleinen Alberto die
Flasche reicht und dieser so aufmerksam mit grossen
Augen seinen malenden Vater betrachtet, muss den
Eltern stets viel bedeutet haben. Giovanni schnitzte
einen Rahmen mit dem Ornament des «Laufenden
Hundes», abgestimmt auf das Ehebett aus dem
17. Jahrhundert, und hängte es darüber, und dort blieb
es, bis es 1988 als Leihgabe ins Kunsthaus kam. Wenige
Jahre vor seiner Entstehung war Segantini gestorben,
der Giovanni in seinem Künstlertum bestärkte und ihm
seine Richtung wies; der Kontrast zwischen der liebe-
vollen, warm beleuchteten Gruppe im dunklen Innern
und der kalten blauen Nacht vor dem Fenster erinnert
noch an seine Komposition «Gli orfani» (Die Waisen).
Doch inzwischen hatte sich Giacometti von dem Divisio-
nismus seines Meisters gelöst; weich verschmilzt
Annetta mit dem umfassenden, von verschiedenen
gedämpften Tönen durchwirkten Grun d. Unten strömen
flächig rhythmisch rote Wellen über die Bettdecke und
hinauf zu dem jungen Leben – eine glückliche male-
ris che Umsetzung symbolgetränkter Jugendstil-Orna-
mentik, zu der sein Freund Amiet und seine Vermittlung
der Kunst Gauguins beigetragen haben mögen.
Über fünfzig Jahre später erscheint auf dem Bild
Albertos die Mutter in der Stube vor der Schla fzimme r-
tür, die den Blick auf das Bild des Vaters verschliesst.
Auch hier ist sie mit dem Grund verwoben, der in seiner
lasierenden Flüchtigkeit nur mehr wie ein Schleier vor
der Leere w irkt, auch wenn er in dem warmen rötlichen
Ton gehalten ist, der die in den getäferten Räumen des
Bergells entstandenen Bilde r von der grauen Tristesse
des Pariser Ateliers unterscheidet. Doch nun dominie-
ren ganz die Linie n, die zuvor nur als Ko ntur en der
leuchtenden Farbflächen wirksam wa ren, und umkrei-
sen wie die Bewegungen des Blickes die streng fronta-
le Greisin. Die vitalistisch-ornamentale Span nung ist in
ein brüchiges Staccato umgesetzt, das in neuer Weise
die Energien des Lebendigen ve rmitte lt. Das selbstver-
ständliche Dasein des Gegenübers ist einer fast kör-
perlosen, inneren Evokation des vergegenwärtigten
Menschen gewichen. Im Vergleich mit anderen Por-
traits Giac ome ttis erscheint die Mutt er noch substanz-
loser, aber mit ausserordentlicher Zartheit und Siche r-
heit erfasst. Der umfangende, nach oben l eicht
Hinweise auf einige Neuerwerbungen