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In den Jahren von 1907 bis 1911 stand von Hof-
mann auf dem Zenit seiner Künstlerlaufbahn. Neben
Bühnenbildern und Kostümen für das Theat er ent-
s tanden in kurzer Zeit mehrere W andbilder für öffent-
liche und private Baute n. Als Kr önung s einer Weima-
rer Jahre wurde er 1907 vom Stuttgarter Architekten
Theodor Fischer (1862 bis 1938) eingeladen, für den
Senats saal seines neu errichteten Hauptgebäudes der
Univers ität von Jena Entwürfe für Wandbilder einzurei-
chen, die den r epräse ntative n Charakter des R aumes
unters tr eichen sol lten. Bereits im Janua r des darauf
folgenden Jahres konnte von Hofmann mit der A usfüh-
rung des W andbildes beginnen. Das Thema war ihm
zwar freigestellt, doch schien man sich mit der Wahl
dieses Künstlers klar für Dars te llungen aus der
g riechischen Mythologie entschieden zu haben. Kaum
hatte er eine Skizze mit den Neun Musen für die Ost-
wand vorgelegt, erteilte man ihm den Auftrag für die
W es twand. Die hierzu ents tanden e Komposition «Am
Quell der Weisheit» wurde jedoch nicht realisiert, da
die Fenster in der Wand eine zusammenhängende
Komposition erschwerten. Das dr eiteilige Wandbild
«Musenreigen» von 12 Me tern Länge und 2,40 Me tern
Höhe, das auf Leinwa nd gemalt und mit Ra hmen an
der Wand befestigt war, k onnte am 18. September
1909 der Öffentlichkeit übergeben werden.
Auf dem Zürcher Entwurf wird deutlic h, dass die
Wandbilder für Jena ursprünglich als Zyklus in zwei
antithetischen Kompositionen gepla nt waren. Dem
dreiteiligen «Musenreigen», der sich unter schattigen
Bäumen mit ausschlies slich weiblichem Personal
zuträgt (kein Apoll o führt den Reigen an), antworten
die Bilder zum «Quell der Weisheit», vier Szene n in der
Anhöh e einer sonnendurchfluteten Meeresbucht, wo
vorwiege nd m ännliche Figuren an der Überlieferung
des Wissens von einer älteren an die ihr folgende
Generation beteiligt sind. Um die Idee des «Musenrei-
gens» möglichst direkt und unmittelbar zur Wirkung
zu br ingen, hat von Hofmann auf archäologische
Gelehrsamkeit weitgehend ve r zichtet. Durch die ver-
schiedenen Haltungen und Bew egungen, die vom
erns ten N achsinnen bis zur ek st atischen Tanzgebärde
Kräfte Harry Graf Kessler, Henry van de Velde und
Elisabeth Förster-Nietzsche. Die Berufung und Über-
siedlung des Mal ers L udwig von Hofmann an die dor-
tige Gros she r zogliche Kuns tschul e im Jahr 1903 gab
den Ausschlag für eine ganze Reihe inno vative r Aktivi-
täte n. Gemeins am versuchten sie die thür ingische
Residenzstadt in ein modernes Kunstzentrum zu ver-
wandeln, das im Re formpr ogramm des so gena nnten
«N euen Weimar» s einen Ausdruck
f and.4
Wic htige
As pekte dies es Reformprogramms beinhalt ete n die
Aus bildung der Kunststudenten, die Ausstellungen
von internationa l a nerkannt en Wegbereitern der
Moderne, Vorträge und Les ungen anerkannter Au toren
über die Entwicklung in Architektur, Plastik, Malerei,
Kunstgewerbe, The ater, Literatur, M usik, Phil os ophie
und Tanz.
Ludwig von Hofmann gehörte in dies en bewegten
Weimarer Jahren zu den wichtigsten Exponenten des
öffentlichen Lebens . Seine Affinität zur französ ischen
Malerei, gründlic he Kenntnisse der klassischen Ar chä-
ologie und der Renaissancemalerei sowie längere Stu-
dienauf enthal te in Rom und Paris bildete n die Voraus-
s etzung, um den in der Berliner Avantgarde zu Ansehen
gela ngten Professor, der dort auch mit Munch zus am-
mengekommen war, mit Ä mtern und Aufträgen zu
überhäuf en. Im Deze mber 1903 nahm er an der ersten
V ersa mmlung des «Deutschen Küns tl erbundes» in
Weimar teil. Im Februar 1904 gehörte er zu den Grün-
dungsmitgliedern der «Gesellschaft der Kuns tfr eunde
in Jena und W eimar», in deren Vorstand er über die
Vergabe des Auftrags an Hodler mitbes timmte. Die
Euphorie war allerdings von kurzer Dauer. Nach Diffe-
renzen mit der Obrigkeit und der Abreise Harry Graf
Kesslers scheiterte das «Neue W eimar» bereits 1906.
Das Ehepaar von Hofmann begab sich in Begleitung
des D ichters Gerhart Hauptmann, des sen Sohn ein
Schül er von Hofmanns war, auf eine a usgede hnte
Gr iechenl andr eise und lebte dann noch bis zum Umzug
nach Dresden im Jahr 1916 in der Residenzstadt. Aus
dem St udium der g riechischen Landschaft gingen
Pastelle hervor, deren Technik und Motivwahl die Ent-
wurfsze i chnungen zu den Wandbildern beeinflussten. beeinflussten.