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in Gedanken versunkenen Mädchen zum Ausdruck
kommt. Eine naturgetreue Wiedergabe der topogra-
fischen Gegebenheiten in den Appenzeller Alpen ist
offensichtlich ebenso wenig beabsichtigt wie die Dar-
stellung der Appenzeller Trachten. Dennoch ist eine
Anlehnung an die Appenzeller Landschaft mit Blick
auf die Ufer des Bodensees und in die Alpenregion
nichtganzvonderHandzuweisen.DurchdasFehlen
derFarbefürLuftundHimmelmussdasAquarellals
unvollendet gelten. Die Gesamtwirkung wird dadurch
aber nicht beeinträchtigt.
Über der Szene liegt die heitere Stimmung eines
Frühsommer- oder Spätfrühlingsmorgens. Jahres-
zeitliche Themen spielten in Richters Landschafts-
kompositionen stets eine besondere Rolle. Er suchte
nach einer gleichnishaften, symbolischen Spra che
in der Natur, deren Stimmungsgehalt sich auf den
Betrachter überträgt. Der Frühling ist bei Richter
den jungen Liebenden zugeordnet. In seinem Ha upt-
werk «Der Brautzug im Frühling»12 wird das Paar
von einer Kinderschar angeführt, während von der
Bergkuppe herab ein junger Hirt das fris ch vermähl-
te Paar begrüsst. Von einem solchen Hochgefühl ist
in unserem von Nachdenklichkeit und Todesahnung
geprägten Spätwerk nichts zu spüren, was sich für ein
Hochzeitsgeschenk einigermassen merkwürdig aus-
nim mt. Das Personal solcher Szenen ist bei Richter
austauschbar, es tau cht in immer neuen Kombinati-
onen auf. Entscheidend war für seine Malerei etwas
anderes. Er verstand es, seinen Darstellungen einen
märchenhaft-poetischen Ton zu verleihen. Die Kinder
werden in einer solchen Konstellation zu einer figürli-
chen Signatur, zu einem Zeichen des Ursprünglichen,
eines idealen Zustands, welcher sich in der Kompositi-
on einer idyllischen Landschaft reflektiert.
Bernhard von Waldkirch
Richter bereits in den 186 0er Jahren mehrmals dar-
gestellt. Die beiden Gemälde «Auf Bergeshöhe» I und
II von 1864 gehören zu den kleinformatigen Gemäl-
den, die Richter von Schülern untermalen liess und
die er dann vollendete.6 Sie weisen ein Hirtenpaar
im Vordergrund auf, ohne Mittelgrund, mit einer ver-
schwimmenden Ferne. Das bildmässig ausgeführte,
ebenfalls kleine Aquarell «Auf dem Berge»7 von 1869
im Berliner Kupferstichkabinett, das als Vorlage für
den gleichnamigen Holzschnitt der Folge «Gesam-
meltes»8 diente, enthält bereits die vollständige Mäd-
chengruppe auf der Hügelkuppe. Die Forschung geht
davon aus, dass Richter die Mädchengruppe 1867 «bei
Heiden in Appenzell»9 (also während seiner Schweizer
Sommerreise) gezeichnet habe und verweist auf ein
Skizzenbuch in Privatbesitz. Eine Variante des Berliner
Blattes, jedoch ohne die Kapelle und den Einsiedler,
befindet sich im Museum Georg Schäfer in Schwein-
furt.10IneinemBriefanseinenSohnHeinrichvom15.
März 1869 schreibt der Künstler: «Ich arbeite jetzt an
der Mädchengruppe auf den Appenzeller Bergen und
werde das Ding noch einmal machen müssen, weil
das verwünschte Papier so schlecht war, dass nich ts
herauskommt.»11 Möglicherweise handelt es sich bei
der undatierten Schweinfurter Variante um die im
Brief erwähnte verworfene Fassung. Beim Bildaufbau
unseres vier Jahre später entstandenen Aquarells griff
er noch einmal auf die Berliner Komposition zurück.
Durch die horizontale Erweiterung des Formats mit
dem Wegkreuz als Abschluss auf der rechten Bildseite
kommtderBlickindieFerneauf die schneebedeckten
Alpen, als Kontrast zur Nahsicht der Mädchengruppe,
entschiedener zur Geltung. Dieser Akzentuierung der
Bildräume entspricht auch die klarere Differenzie-
rung der einzelnen Figuren, was besonders deutlich beim stehenden und bei dem etwas abseits sitzenden,