Volltext: Jahresbericht 2009 (2009)

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in Gedanken versunkenen Mädchen zum Ausdruck 
kommt. Eine naturgetreue Wiedergabe der topogra- 
fischen Gegebenheiten in den Appenzeller Alpen ist 
offensichtlich ebenso wenig beabsichtigt wie die Dar- 
stellung der Appenzeller Trachten. Dennoch ist eine 
Anlehnung an die Appenzeller Landschaft mit Blick 
auf die Ufer des Bodensees und in die Alpenregion 
nichtganzvonderHandzuweisen.DurchdasFehlen 
derFarbefürLuftundHimmelmussdasAquarellals 
unvollendet gelten. Die Gesamtwirkung wird dadurch 
aber nicht beeinträchtigt. 
Über der Szene liegt die heitere Stimmung eines 
Frühsommer- oder Spätfrühlingsmorgens. Jahres- 
zeitliche Themen spielten in Richters Landschafts- 
kompositionen stets eine besondere Rolle. Er suchte 
nach einer gleichnishaften, symbolischen Spra che 
in der Natur, deren Stimmungsgehalt sich auf den 
Betrachter überträgt. Der Frühling ist bei Richter 
den jungen Liebenden zugeordnet. In seinem Ha upt- 
werk «Der Brautzug im Frühling»12 wird das Paar 
von einer Kinderschar angeführt, während von der 
Bergkuppe herab ein junger Hirt das fris ch vermähl- 
te Paar begrüsst. Von einem solchen Hochgefühl ist 
in unserem von Nachdenklichkeit und Todesahnung 
geprägten Spätwerk nichts zu spüren, was sich für ein 
Hochzeitsgeschenk einigermassen merkwürdig aus- 
nim mt. Das Personal solcher Szenen ist bei Richter 
austauschbar, es tau cht in immer neuen Kombinati- 
onen auf. Entscheidend war für seine Malerei etwas 
anderes. Er verstand es, seinen Darstellungen einen 
märchenhaft-poetischen Ton zu verleihen. Die Kinder 
werden in einer solchen Konstellation zu einer figürli- 
chen Signatur, zu einem Zeichen des Ursprünglichen, 
eines idealen Zustands, welcher sich in der Kompositi- 
on einer idyllischen Landschaft reflektiert. 
Bernhard von Waldkirch 
Richter bereits in den 186 0er Jahren mehrmals dar- 
gestellt. Die beiden Gemälde «Auf Bergeshöhe» I und 
II von 1864 gehören zu den kleinformatigen Gemäl- 
den, die Richter von Schülern untermalen liess und 
die er dann vollendete.6 Sie weisen ein Hirtenpaar 
im Vordergrund auf, ohne Mittelgrund, mit einer ver- 
schwimmenden Ferne. Das bildmässig ausgeführte, 
ebenfalls kleine Aquarell «Auf dem Berge»7 von 1869 
im Berliner Kupferstichkabinett, das als Vorlage für 
den gleichnamigen Holzschnitt der Folge «Gesam- 
meltes»8 diente, enthält bereits die vollständige Mäd- 
chengruppe auf der Hügelkuppe. Die Forschung geht 
davon aus, dass Richter die Mädchengruppe 1867 «bei 
Heiden in Appenzell»9 (also während seiner Schweizer 
Sommerreise) gezeichnet habe und verweist auf ein 
Skizzenbuch in Privatbesitz. Eine Variante des Berliner 
Blattes, jedoch ohne die Kapelle und den Einsiedler, 
befindet sich im Museum Georg Schäfer in Schwein- 
furt.10IneinemBriefanseinenSohnHeinrichvom15. 
März 1869 schreibt der Künstler: «Ich arbeite jetzt an 
der Mädchengruppe auf den Appenzeller Bergen und 
werde das Ding noch einmal machen müssen, weil 
das verwünschte Papier so schlecht war, dass nich ts 
herauskommt.»11 Möglicherweise handelt es sich bei 
der undatierten Schweinfurter Variante um die im 
Brief erwähnte verworfene Fassung. Beim Bildaufbau 
unseres vier Jahre später entstandenen Aquarells griff 
er noch einmal auf die Berliner Komposition zurück. 
Durch die horizontale Erweiterung des Formats mit 
dem Wegkreuz als Abschluss auf der rechten Bildseite 
kommtderBlickindieFerneauf die schneebedeckten 
Alpen, als Kontrast zur Nahsicht der Mädchengruppe, 
entschiedener zur Geltung. Dieser Akzentuierung der 
Bildräume entspricht auch die klarere Differenzie- 
rung der einzelnen Figuren, was besonders deutlich beim stehenden und bei dem etwas abseits sitzenden,
	        
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