8
vergleichbar ist der fiktive Arbeitstisch einer fernöstli-
chen Textilarbeiterin von Cat Tuong Nguyen, während
die Installationen von Stefan Burge r und Keren Cytter
auf Film- resp. Videoprojektionen beruhen.
Nach der Albert von Keller-Ausstellung hatte der
Sammlungskonservator das Vergnügen, die Säle im
ersten Stock links wie selten wohlgeordnet und prä-
zise zu hängen. In den mittleren Hauptsälen entfalten
sich Böcklin und Hodler geradezu ideal. Auf der Heim-
platzseite folgt auf das inti me ehemalige «Verkaufs-
zimmer», in dem das Wesentliche der Zürcher Kunst
von Asper bis Freudweiler zu studieren ist, der qua-
dratische Klassizismus-Saal: Programmatisch flan-
kieren hier Angelica Kauffmanns «Amor und Psyche»
und Tischbeins «Brutus» das Selbstbildnis Füsslis mit
Bodmer, sekundiert von den Skulpturen Trippels und
Wüests «Rhonegletscher». In der anschliessenden
Galerie hängen in allzu knapper Auswahl die Ha upt-
werke der Kunst im jungen Bundesstaat zwischen
Zünds «Eichenwald» und Kollers «Gotthardpost». Auf
der anderen Seite gelangt man über das Welti-Rondell
zu Füssli, um im letzten Saal vonder Farbenpracht
Amiets und Giovanni Giacomettis überrascht zu wer-
den. – Die Verschiebung der Seerosen-Panneaux in die
Ausstellung der Sammlung Büh rle eröffnete die Mög-
lichkeit, im Bär-Saal die repräsentative Sammlung von
Gemälden Oskar Kokoschkas auszubreiten, parallel
zur Ausstellung seines schriftlichen Nachlasses in der
Zentralbibliothek.
Im Dezember wurden die seitlichen Säle im ers-
ten Stock links für die Karl Moser-Ausstellung (s. S.
24) geräumt und zu ihrer Ergänzung in zwei Interieurs
die ursprüngliche Kunstpräsentation rekonstruiert.
Im Anbau von 1925 hat nur die Skulpturengalerie mit
ihren Klinkerplatten den alten Charakter bewahrt; wie
einst füllen nun ziemlich dicht auf dunklen Sockeln in
originalen Proportionen die Plastiken von Rodin bis
Haller den Gang mit seinen grossen Fenstern. Bei der
Renovation 2005 kam in der Loggia über der Tre ppe
überraschenderweise die 1925 verschalte originale
Wandgliederung samt ihrer dunkelgrünen Fassung
zumVorschein;sokonntennundieseitdemZweiten
Weltkrieg magazinierten sieben Panneaux des «Jung-
brunnens» wieder zur Geltung gebracht werden, die
Amiet in einem langen und wechselvollen Prozess
entwickelt und anOrtundStelleimHerbst1918noch-
mals weitgehend überarbeitet hat. Fredy Pfenninger
und Gabriel Cantieni komplettierten die Ausstattung
durch die Rekonstruktion der Heizungsverkleidun-
gen; Robert Brändli stöberte die originalen Serpen-
tin-Sockel der zugehörigen Halbfiguren Hallers auf.
Die «museologische Zeitreise» in von «period flower»
intensiv durchtränkte Gefilde löste gemischte Gefühle
und viel positives Echo aus; wichtige Momente in der
Geschichte des Geschmacks oder der Kunstrezep-
tion und des Kunsthauses werden so vergegenwärtigt
undmanwirdsichüberlegen,obmandiesedeneige-
nen Charakter des Museums stark akzentuierenden
Ensembles belassen will.
Der Leihverkehr bewegte sich mit 107 Gemäl-
denundSkulpturenund116WerkenaufPapierim
üblichen Rahmen. Das Frye Art Museum in Seattle,
dessen Sammlungsschwerpunkt in der deutschen
Malerei des späten 19. Jahrhunderts liegt, übernahm
die auf dreissig Gemälde reduzierte Albert von Keller-
Ausstellung, die Gian Casper Bott und Joe-Anne Birn ie
Danzker betreuten. In Dubrovnik wurde einmal mehr
die «kleine» Giacometti-Ausstellung präsentiert, die
um die Lithographien von «Paris sans fin» wenige
repräsentative Skulpturen und Gemälde gruppiert,
wie immer von Franziska Lentzsch kompetent kura-
tie rt. Besonders gern liehen wir dem Landesmuseum
in die spektakuläre Ausstellung «Soie pirate – Textil-
a rchiv Abraham» vier Gemälde aus der Sammlung von
Gustav Zumsteg, die das künstlerische Umfeld der von
diesem grossen Kunstliebhaber und Mäzen produzier-
ten Seidenstoffe evozierten. – Lei der muss hier auch
festgehalten werden, dass sich zunehmend selbst an
scheinbar stabilen und folglich öfter ausgeliehenen
Werken Langzeitschäden bemerkbar machen. So kann
die bisherige liberale Ausleihpolitik, auch angesichts
der Überfülle von Gesuchen, kaum in gleichem Masse aufrechterhalten werden. ChK