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schen Wesens sind alles andere als ätherisch, eben-
sowiedasGesichtunddieHändeMariaenichtandie
Himmelskönigin, sondern an eine Magd denken lässt:
«Ecce ancilla Domini» – «Siehe die Magd des Herrn,
mir geschehe nach Deinem Wort», spricht siezu Gab-
riel, das Wunder der Menschwerdung Gottes vollzie-
hend. Und auch diese Worte des Evangelisten Lukas
sprechen die Gläubigen täglich im «Angelus»-Gebets-
zyklus. Dieser Realismus, der die unterste Schicht der
sozialen Hierarchie erfassen will, ist zentral für die
Kunst Caravaggios und seiner Nachfolger und beruht
auf der Frömmigkeitstradition der Bettelorden und
ihrer Weiterentwicklung in der Gegenreformation: Je
tiefer sich Jesus in seiner Menschwerdung ern ie drigt,
desto grösser ist die Gnadenfülle Gottes. Neben dem
Prinzip der Vergebung gehört diese Demut des Höchs-
ten vor dem Niedrigsten zu den grossen menschheits-
geschichtlichen Errungenschaften des Christentums.
Es entspricht dieser Betonung des Niedrigen,
dass das Materielle, das Physische der Dinge beson-
deres Gewicht erhält. Das Wesentliche im Erei gnis der
Verkündigung besteht da rin, dass Gott in diese Materi-
alität eingeht, «inkarniert», d.h. «Fleisch» wird. «Inkar-
nat» ist einer der ältesten Fachbegriffe der Maler; er
bedeutet heute nur noch Farbe und Behandlung der
Haut. Ursprünglich aber gab er zu verstehen, dass hier
die dargestellten Heiligen «Fleisch» werden, und dies
konnte nur die Malerei sinnlich erfahrbar machen.9
Um die Wiedergabe der Materialität bemühten sich die
Caravaggisten besonders und entwickelten stark indi-
viduell geprägte Varianten im Spannungsfeld zwischen
real Gegebenem, vom Licht sichtbar Gemachtem, vom
Standort des Betrachters mehr oder weniger scharf
Wahrgenommenen und schliesslich den Möglichkei-
ten der malerischen Umsetzung oder Realisierung
auf der Leinwand. Bis zu welchem Grad Terbrugg-
hen dies stofflich Gegenständliche vergegenwärtigen
kann,zeigtderFlügelundseinGefieder;wirsindhier
wohl absolut am oberen Ende des Möglichen, wieein
Seitenblick zu Stom verdeutlicht. Während dieser die
Intensität der dinglichen Präsenz im beleuchteten
Bereich ziemlich gleichmässig beibehält, variiert sie
Terbrugghen vielfältig. Dadu rch wird die unabweis-
bare Materialität des Flügels speziell herausgeho-
ben, zum «Statement», zum Beweis der physischen
Realität des Engels. Von ähnlicher Dichte ist nur der
schmutzige Fuss, der die Figur ander vorderen Bild-
kanteverankert,undvonhiernimmtsieabbiszurfer-
nen, nur mehr erahnbaren Taube des Heiligen Geis-
tes. Das Kunstmittel dient somit zur Erschliessung
der räumlichen Tiefe, und das ist seine Hauptfunktion
in der Malerei des 17. Jahrhunderts. Die abnehmen-
de Schärfe der Wahrnehmung verbindet sich mit der
zunehmenden Verschleierung durch die Atmosphäre.
Da durch wird das oben beschriebene Modell für die
Erfahrung des Betenden erst richti g anschaulich: Die
Grade der physischen Realität werden vom Betrach-
terimrealenRaumüberdenfastgreifbarenEngelzur
Maria und schliesslich zum Heiligen Geist abgestuft.
Der verschattete Kopf Gabriels, der sich als dunk-
les Profil vor dem blassen Blau des Mantels abhebt,
betont zwar die räumliche Schichtung der beiden Pro-
tagonisten, zugleich aber wirkt er durch die schwache
Modellierung als flächenbetonende Silhouette, ein
Effe kt, der durch das frontale Gesicht Mariens dicht
daneben noch gesteigert wi rd.10 Auch die Flügel schei-
neninderBildflächezuliegen,stattsichdiagonalinden
Raumzuentfalten.DieSchulterlinieistsostarkinden
Zug vom rechten zum linken Arm eingespannt, dass
die Rückenpartie primä r als Teil dieses nahezu abs-
trakten Gefüges wahrgenommen wird. Die ornamen-
tal expressiv weit gespannte Geste um die Figur der
Maria kontrastiert mit der geschlossenen Haltung der
vor der Brust gekreuzten Arme. Am stärksten wird die
Bildrhythmik durch die grossen Farbpartien geprägt,
die schon durch ihre Intensität die Fläche betonen. Die
Faltenschwünge des leuchtend gelben Umhangs des
Engels dienen kaum der Beschreibung seines Kör-
pers, sondern vielmehr seiner Bewegungsenergie zur
Maria, in deren Mantel die Linie n weitergeführt und
re chts nach unten zurü ck geleitet werden.11 Die Sch är-
pe wirkt vollends nur als expressiver Farbträger; ihr
roter Bogen verknüpft sich mit dem Gewand der Maria undbautsoeineinbeideRichtungen,vonuntennach