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oben und zurück nach unten laufende Spannung auf.
Diese beiden dominierenden reinen Primärfarben wir-
ken wie Ausfaltungen des Goldoranges der den Grund
füllenden transzendenten Lichtwolke.
So zwingt hier Terb ruggh en ganz unterschiedlich
akzentuierte Elemente zu einem ebenso ungewöhn-
lichen wie faszinierenden Ganzen zusammen.12 Ein
ausserordentliches Bewusstsein für die Wirksamkei-
tender Bildmittel, aber auch für ihre Widersprüche und
gegenläufige Effekte lässt ein sehr komplexes Gefüge
mit merkwürdigen Bruchlinien und gewagten Kombi-
nationen entstehen. Als «Problematiker» studiert und
bearbeitet er die der Malerei inhärenten Probleme
so intensiv, dass sieals Probleme für den Betrachter
spürbar und spannungsvoll bleiben und nicht von den
präsentierten Lösungen verdeckt werden.
Christian Klemm
1Der aktuelle Werkkatalog: Leonard J. Slatkes / Wayne Franits: The
Paintings of He ndrick ter Brugghen. 1599–1629. Catalogue Raisonné
(Amsterdam 2007), die Zürch er «Verkü ndigung» Kat.Nr. A 8, Farb-
taf. 3, Text S. 88f., mit der ält eren Literatur, stilistisch überzeu gend
um1624 datiert. – Immer noch mit Gewinn zu konsultieren die erste
Monographie zu Terbrugg h en von Benedict Nicolson: H endrick Ter-
brugghen (London 1958). – Zur Utrechter Schule s. Albert Blankert /
Leonard J. Slatkes: Holländische Mal erei im neuen Licht . Hendric k
ter B rugghen und seine Zeitgenossen (Auss t.-Kat . Utre cht / Braun -
schweig 1986/87), zu den «Verkü ndigungen » S. 166–170, hier auch
S. 63–75 eine Fak ten orient iert e Biographie und Zusammenstellung
der eher spärlichen Archivalien von Maert en Jan Bok; ne uerdings:
Caravaggio in Holland. Musik und Genre bei Caravaggio und den
Utrechter Caravaggisten (Ausst.-Kat. Frankfurt, Städel, 2009). – Hier
S. 55–63 Lisbeth M. Helmus zur Halbfigur von 1616, einem «Reuigen
Pet rus» (Utrecht), ein lange zu Un recht bezweifeltes Werk, wäh rend
das «Emmausmahl» (Toledo, Ohio, Sl atk es/Fran its 2007, A 22), das in
den achtziger Jahren als 1616 datiertes frühestes Werk in die Litera -
tur eingeführt wurde, heute nicht mehr akzeptiert wird. Ebens o fin-
det eine lange postulierte zweit e Italienreise Terbrugghen s um 1620
kaum noch Anh änger.
2Wayne Franits: Laborat orium Utrecht. Baburen , Honthorst und
Terbrugghen im künstlerischen Austausch (in: Ausst.-Kat. Frankfurt
2009 (wie Anm.1 zitiert), S. 37–53).
3Zur Konfession Terbrugg h ens s. Slatkes/Franits 2007, S. 6, zu Auf-
trägen für Gemälde mit biblischen Themen S. 34–43, zur Evangelis-
ten serie Kat.Nr.A24–27.–ÜberdieHerkunft des Zürcher Bildes
weiss man vor sein em Auftauchen in schottischem Privat besit z
um1960 nic hts Bestimmtes; es dürfte aber das Gemälde sein, das
der Maler Lucas Luce 1638vonderWitwe eines gewissen Ryssen
in Devent er für die exorbitante Summe von 240 Gu lden erwarb (s.
Slatkes/Franits 2007beiKat.Nr.A8mit den weiteren A ngaben zur
P rovenien z; erworben 2009 von Clovis Whitfield).
4 Slatkes/Franits 2007, Kat. Nr.A 9.Das Gemälde Baburens ist nurin
einer Kopie vonJan Janssens überliefert (Gent; Abb. ebendort S. 422;
vgl. auch Ausst.-Kat. Utre cht 1986 (wie Anm. 1 zitiert), S. 166–170).
5 Nicolson (wie Anm. 1 ziti ert) war 1958 mit solchen psychologischen
Schlüssen noch ganz zuversichtlich; inzwischen ist man eher über-
vorsichtig geworden.
6 Caravaggio: Rom, San Agostino, um 1605. – Baburen : mehrere
Fassungen, eine dat iert 1623, s. Ausst.-Kat. Utrec ht 1986 (wie Anm.
1zitiert)Nr.37:nichtnurderFuss,auchdieKniehaltungunddie
Position im Bild mit dem verlore nen Profil ist vergleichbar mit der
«Verkündigung», könnte also zur ungewöhnlichen Anordnu ng des
E ngels a ngeregt haben .
7 Marco Collaret a: Antonello e il tema dell’Annunciazione (in: Anto-
nello da Messin a. L’opera completa, ed. Mauro Lucc o, Mailan d 2006,
= Ausst.-Kat. Rom) S. 6 5–73, die beid en eigenhändigen Fass ungen in
Münc hen und Palermo, zahlreich e Kopien und D erivate. – Die Inter-
pretat ion beruht auf der von Michae l Francisc i de Insul is (Mich el Fran-
çois) mit Jakob Sprenger, Stifter der Ros enkranzbrud ersc haft in Köln
1475, zwischen 1476 und 1479 verfassten, weit verbreiteten Devo-
t ionals chrift: Quodlibet de veritate Fraternitatis Rosariae. – Die vor
allem von den Dominikanern gepflegten Rosen kranz-Br u d ersc haften
waren auch in der G e g enreformation weit verbreitet; inwiefer n diese spezielle Interpretation noch virulent war, müsst e überp rüft w erden.