Gleichzeitig bringt jede Zeit ihre Unsicherheiten hervor, und
häufig ist die Kunst der einzige Ort, wo über diese sichtbar
ver handelt wird.
Isa Genzken würde sich wohl weniger als künstler isch
ab bildende Zeitzeugin denn eher als kritisch ihre eigene Zeit
reflektierende Künstlerin bezeich nen. Das Werk «TV» im Spe-
zie llen und ihre Betonarbeiten von dieser Zeit im Allgemeinen
muten auf Anh ieb bodenständig schw er und r obust an, wie Ar-
chitektur im Modellformat, aber in den realen Bau mate rialie n.
Tritt man jedoch näher , wird man Spuren der Erosion, der Un-
r egelmäss ig k eite n, der V er änderung und Alterung entdeck en,
also kurz: was den Fortlauf der Zeit und damit das Leben aus-
macht. Die hier bereits genannten Väter der modernen Archi-
tektur, des sogena n nten «Internatio nal Style», der sich durch
klare, transparente Formgebung aus Beton, Stahl und Glas
aus zeichnet, haben wie keine ander en unser V erständnis von
moderner Beständ igk eit aus ästhet ischer Warte geprägt. Mit
ihren Ba uten haben sie zahlreiche Skyli nes und Städtebilder
verewigt und den Begriff der «S tad tlandsc haft» massent a ug-
lich gemacht. Mit ihren Modellen nimmt Genzken nicht affirmativ
da rauf B ezug, sond ern stel lt viel mehr unsere vorgefertigten
Raum vorstel lungen infrage. Sie wirft damit so profane und doch
grund legende phänomenologische Fragen auf wie: Was ist
gross und schwer, was klein und le icht, und welche Parameter
geben uns überhaupt die Sicherheit zu einer richtigen Beur-
teilung? Das abendländische Einschätzungsvermögen von
Grössenverhältnissen und die Erfindung der Zentralperspek -
tive gehören zu den grossen Leistungen in der Kunstgeschich-
te, die Genzkens «post-brutalistische» Betonarbeiten wie
«TV» zwar unt er wandern, aber gleichzeitig für eine leicht an-
m utende Poetik des A lltags öffnen. Diese bietet sich für jeden
Besucher als individuelle Projektionsfläche an. Genzken geht
dabei aber nicht mit der imperialistisch grossen Geste vor,
sondern mit der subkutanen Eindringlichkeit eines J. G.
Ballard, wie man ihr in seinem dystopischen Roman «Concrete
Island » begegnen kann.
Cathérine Hug
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