Volltext: Jahresbericht 2013 (2013)

Gleichzeitig bringt jede Zeit ihre Unsicherheiten hervor, und 
häufig ist die Kunst der einzige Ort, wo über diese sichtbar 
ver handelt wird. 
Isa Genzken würde sich wohl weniger als künstler isch 
ab bildende Zeitzeugin denn eher als kritisch ihre eigene Zeit 
reflektierende Künstlerin bezeich nen. Das Werk «TV» im Spe- 
zie llen und ihre Betonarbeiten von dieser Zeit im Allgemeinen 
muten auf Anh ieb bodenständig schw er und r obust an, wie Ar- 
chitektur im Modellformat, aber in den realen Bau mate rialie n. 
Tritt man jedoch näher , wird man Spuren der Erosion, der Un- 
r egelmäss ig k eite n, der V er änderung und Alterung entdeck en, 
also kurz: was den Fortlauf der Zeit und damit das Leben aus- 
macht. Die hier bereits genannten Väter der modernen Archi- 
tektur, des sogena n nten «Internatio nal Style», der sich durch 
klare, transparente Formgebung aus Beton, Stahl und Glas 
aus zeichnet, haben wie keine ander en unser V erständnis von 
moderner Beständ igk eit aus ästhet ischer Warte geprägt. Mit 
ihren Ba uten haben sie zahlreiche Skyli nes und Städtebilder 
verewigt und den Begriff der «S tad tlandsc haft» massent a ug- 
lich gemacht. Mit ihren Modellen nimmt Genzken nicht affirmativ 
da rauf B ezug, sond ern stel lt viel mehr unsere vorgefertigten 
Raum vorstel lungen infrage. Sie wirft damit so profane und doch 
grund legende phänomenologische Fragen auf wie: Was ist 
gross und schwer, was klein und le icht, und welche Parameter 
geben uns überhaupt die Sicherheit zu einer richtigen Beur- 
teilung? Das abendländische Einschätzungsvermögen von 
Grössenverhältnissen und die Erfindung der Zentralperspek - 
tive gehören zu den grossen Leistungen in der Kunstgeschich- 
te, die Genzkens «post-brutalistische» Betonarbeiten wie 
«TV» zwar unt er wandern, aber gleichzeitig für eine leicht an- 
m utende Poetik des A lltags öffnen. Diese bietet sich für jeden 
Besucher als individuelle Projektionsfläche an. Genzken geht 
dabei aber nicht mit der imperialistisch grossen Geste vor, 
sondern mit der subkutanen Eindringlichkeit eines J. G. 
Ballard, wie man ihr in seinem dystopischen Roman «Concrete 
Island » begegnen kann. 
Cathérine Hug 
71 1971_Kun sthaus Jahresbericht 2013 Teil 1_14 0328.in dd   18 31.03.1 4   14:21
	        
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