JOHANN HEINRICH F ÜSSLI
THE LADIES OF HASTINGS, 1798 /1800
Selten gibt sich F üssli auf den erst en Blick so unprä ten-
tiös wie auf diese m stimmungsvollen Landschaftsbild, das uns
von Regine Schindler-Hürlimann gesche nkt wor den
ist.1
Hell
und Dunkel werden durch eine fallende Horizont linie scharf
voneinand er getrennt. Mit ra uschend en Ge wändern bewegen
sich zwei «Ladies» der be sser en Ge sell schaft im Tanzschritt
über einen schmalen Geländerücken bildeinwärts. Ihre Ge-
sichter wenden sie ostentativ vom Betrachter ab; vielmeh r
werden ihre kunstvoll arrangierten Frisuren zur Schau gestellt,
denen selbst die stürmischen Böen, die ein aufziehendes Un-
wetter im Hintergrund ankündigen, nic hts anhaben können.
Noch geblendet vom lufti gen Spektakel, beginnen sich erste
Fragen zu regen, die wir in diesem Ra hmen nur ansatzweise
b eantwo rten k önnen: Wo stehe n wir als Betrachter? Was geht
hier genau vor? B esitzt das G emälde einen ve rlässl ichen Tite l,
eine Da tierung und wie lässt es sich einordnen in das Füssli-
sche Œuvre und in die Malerei seine r Zeit? Beinahe hätte n wir
den erwachenden Jüngling, die Rückenfigur im unteren Teil
des Bil des, übersehen. Seine Kö rperfo rmen schäle n sich, ver-
gleichbar mit Michelangelos «Erschaffung des Menschen»,
wie von se lbst aus der Dunkelheit des Bildgrundes. A nstelle
eines Schöpfergottes, der s t ilbildend von oben eingr eift, wal-
tet hier ein Dämon in der Tiefe des Bildraumes (links im Hin-
tergrund). Mit gebieterischer Geste leit et er die wirbelnden
Ladies, die sich mit Händ en und Blicken an ihre Meisterin wen-
den (rechts im Hintergrund), zurück an die Bildo berfläc h e. Mit
diesem einfachen Kunstgriff, der allerdings eine gewisse
Übung im Komponieren von Bildern voraussetzt, gelingt es
Füssli, das Erlebnis von Tiefe und Raum zu vermitteln. «Das
Wesen der bildnerischen Komposition», so lesen wir in einem
A pho rismus, «ist die Tiefe oder das Hervortreten und Si chzu-
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