Volltext: Jahresbericht 2013 (2013)

JOHANN HEINRICH F ÜSSLI 
THE LADIES OF HASTINGS, 1798 /1800 
Selten gibt sich F üssli auf den erst en Blick so unprä ten- 
tiös wie auf diese m stimmungsvollen Landschaftsbild, das uns 
von Regine Schindler-Hürlimann gesche nkt wor den 
ist.1 
Hell 
und Dunkel werden durch eine fallende Horizont linie scharf 
voneinand er getrennt. Mit ra uschend en Ge wändern bewegen 
sich zwei «Ladies» der be sser en Ge sell schaft im Tanzschritt 
über einen schmalen Geländerücken bildeinwärts. Ihre Ge- 
sichter wenden sie ostentativ vom Betrachter ab; vielmeh r 
werden ihre kunstvoll arrangierten Frisuren zur Schau gestellt, 
denen selbst die stürmischen Böen, die ein aufziehendes Un- 
wetter im Hintergrund ankündigen, nic hts anhaben können. 
Noch geblendet vom lufti gen Spektakel, beginnen sich erste 
Fragen zu regen, die wir in diesem Ra hmen nur ansatzweise 
b eantwo rten k önnen: Wo stehe n wir als Betrachter? Was geht 
hier genau vor? B esitzt das G emälde einen ve rlässl ichen Tite l, 
eine Da tierung und wie lässt es sich einordnen in das Füssli- 
sche Œuvre und in die Malerei seine r Zeit? Beinahe hätte n wir 
den erwachenden Jüngling, die Rückenfigur im unteren Teil 
des Bil des, übersehen. Seine Kö rperfo rmen schäle n sich, ver- 
gleichbar mit Michelangelos «Erschaffung des Menschen», 
wie von se lbst aus der Dunkelheit des Bildgrundes. A nstelle 
eines Schöpfergottes, der s t ilbildend von oben eingr eift, wal- 
tet hier ein Dämon in der Tiefe des Bildraumes (links im Hin- 
tergrund). Mit gebieterischer Geste leit et er die wirbelnden 
Ladies, die sich mit Händ en und Blicken an ihre Meisterin wen- 
den (rechts im Hintergrund), zurück an die Bildo berfläc h e. Mit 
diesem einfachen Kunstgriff, der allerdings eine gewisse 
Übung im Komponieren von Bildern voraussetzt, gelingt es 
Füssli, das Erlebnis von Tiefe und Raum zu vermitteln. «Das 
Wesen der bildnerischen Komposition», so lesen wir in einem 
A pho rismus, «ist die Tiefe oder das Hervortreten und Si chzu- 
71 1971_Kun sthaus Jahresbericht 2013 Teil 1_14 0328.in dd   37 31.03.1 4   14:24
	        
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