Veduten waren sehr beliebt und kursierten als Souvenirs,
Postkarten – oder dienten eben als Vorlagen für andere grafi-
sche B lätter . Angesichts der Nähe des Gemäldes zu Zo llinger
ist die Frage nicht ganz aus der Luft gegriffen, ob Georgi die
Stadt Zürich im Rahmen der Entstehung der Vedute selbst
überhaupt besucht hat, oder ob er sich ganz auf das Umsetzen
der grafischen Vorlagen beschränkte? Diesb ezüglich ist auch
ein «Lese feh ler» des Malers von Interesse, denn in M issach-
tung der Topografie (und im Missverständnis von Zollinger)
lässt Georgi die Kirchtürme vom Fraumünster und St. Peter
schier zu einer Doppelturmfassade v erschmelzen . Ansonsten
sind die Topografie und das Stad tbild aber ziemlich genau er-
fasst. Mit Go ttfried S empers Polytechnikum (1859 –1864, heu-
te die ETH, hier noch ohne den erst 1911 dazugekommenen
Kuppelbau) auf dem Hügel links und dem da runter liegend en
Pfrundhaus (gebaut 1842) oder der eben fertiggestellten
Bahnhofb rück e sind auch die neusten Ba uten im Bild entha l-
ten. Kenner der Stadt Zürich werden viele wei tere Gebäude
erkennen, den Ketzerturm, den Grimmenturm, das von der
Abendsonne beleuc htete «Dammhirschli» mit dem Treppen-
gieb el oder die Predi ger kirche mit ihrem charakteristischen
Dachr eiter
etwa. 5
Dass dieses Bild im sp äten 19. J ahrhundert gemalt wur-
de, lies se sich bei der Ansicht dieses sonnige n Plätzchen s bei-
nahe vergessen. Nur leise v ernimmt man die längst eingeläu-
tete Industrialisierung mit den zwei Backsteinkaminen der
Fabrik Escher Wyss & Co. am N eu mühlequai. Auch malerisch
befinden wir uns mit d ieser Feinmalerei, die jede individ u elle
Geste glattstreicht, noch in der Vergangenheit verhaftet, be-
denkt man etwa, wie die Landschaftsmalerei in Frankreich
längs t durch die Pleinairmalerei revolutioniert wurde und wie
Edouard Manet schon drei Jahre zuvor das pastorale Zusam-
men treffen im Grünen mit sei nem Picknickbild endgültig in
die Moderne befördert hatte.
Clair e Hoffmann