Volltext: Jahresbericht 2014 (2014)

sein en statt lic hen Bildmassen um mehr als eine Nachzeich- 
nung hand elt, wird spätestens vor dem Original nachvollzieh- 
bar. Das nuanc enr eiche rote Kolo rit, das durch eine ausgeklü- 
gelte St richeltechnik die Konturen aufweicht und die Formen 
einander angleicht, schafft jene autonome Bildwirklichkeit, 
für die Segantinis Zeichnungen zu Recht bewundert werden. 
Die etwas derben Gesichtszüge des weiblichen Modells mit 
dem zu gross geratenen Sä ugling bleiben im Gemälde isol iert 
von Baum und Landschaft. Segantini bedauerte es, dass ihm 
die Synthese von Traum und Wirklichkeit bei diesem früh en 
Versuch einer symbolistischen Komposition noch nicht zur 
vollen Zufriedenheit gelungen war. Umso mehr gewinnt die 
Zeichnung an Bedeutung. In mehreren Einzelhe iten weicht sie 
vom Gemä lde ab, am sinnfälligsten in der Umfunktionierung 
des Baumstamms in einen schwebenden Seitenast, der mit 
seinen V erzweigungen Erde und Himmel v er klammert. Durch 
solche V eränderungen gelan g es Segantini, die bekannten Mo- 
tive no chmals zu überdenken und sie mit neuen Bedeutungen 
aufzu l aden. Die hohe Wertschätzung der Zeichnung zeigt sich 
nicht zul etzt im Durcharbeiten des Blatte s bis zu den Rändern , 
dem durch Beimi schung von Goldstaub eine subl ime Qual ität 
beigemesse n wird. 
  Bernhard von Waldkirch 
1  Beat Stutzer (Hg.), Giovanni Segantini. Zeichnungen, Ausst.-Kat. Bündner Kunst- 
museum Chur, Zürich 2004, S. 12. 
2   Oliver Wick danke ich für seine professionelle Unterstützung bei den Verhand - 
l ungen mit dem früheren Besitzer. 
3  «Il frutto dell’amore», 1889, Öl auf Leinwand, 88,2 × 57,2 cm, u.r. signiert und da- 
tiert (Quinsac 562). 
4   Quinsac 565 (Pastell? Masse unbekannt, gilt als verschollen); Quinsac 564 (um 
1898 –18 99, Bleistift und Rötel auf braunem Papier, 20,9 × 15,6 cm).
	        
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