61
AKTIVITÄTEN
einem Pariser Jahrmarkt um 1815, wäre da nicht die
halsbrecherische Doppelrutschbahn, auf der sich, noch
gezeichnet von den Sc hrecken der Napoleonischen Krie-
ge, die modisch gekleideten Damen und Herren der bes-
seren Gesellschaft auf Bob-ähnlichen Holzschlitten in die
Tiefe stürzen. Der Zeichner, ein Zürcher Dilettant, der die
meiste Zeit seines Lebens in Paris verbrachte und von
dem die Grafische Sammlung ein Pariser Skizzenbuch
von 1816 bewahrt, heisst Dr. Johann (Jean) Füssli
(1784 –1844); geschenkt wurde uns die Rarität von Dr.
Christian Klemm, dem früheren Sammlungskonservator
und Vizedirektor, zusammen mit zwei grafischen Blättern
von Johannes Gachnang (1939 – 2005). Auch im Bereich
der zeitgenössischen Video- und Filmkunst gab es sub-
stanziellen Zuwachs. Wir erwähnen ste llvertrete nd die im
Rahmen einer Ausstellung und im Auftrag des Kunsthau-
ses entstandene Filminstallation von Javier T éllez «Sha-
dow Play», in der Personen mit Migrationshintergrund
ihre eigene Gesch ichte erzählen. Mit sein em Sch atten the-
ater knüpft Téllez geschickt an die umstrittene Tradition
der Physiognomik an, die mit ihrer rassistischen Rezep-
tion im nationalsozialistischen Deutschland bis heute die
öffentliche Meinung polarisiert.
Im Ausstellungsjahr wurde die wissenschaftliche Auf-
arbeitung von Zeichnungen aus der eigenen Sammlung
zur wichtigsten Tätigkeit. Aus dem Konvolut, das 2012
durch das Legat Bruno Giacometti ins Kunsthaus Zürich
gelangte, bearbeitete die wissenschaftliche Assistentin
Monique Meyer die 94 Zeichnungen und Aquarelle von
Albe rto Giacometti, die in einer Kabinettausstellung, be-
gle itet von einem Sammlungskatalog, dem Publikum ge-
zeigt wurden. Für die Ausstellung «Die Fackeln des Pro-
metheus» stellte der Konservator rund um den Entwurf
«Herakles erlegt den Adler des Prometheus» ( 1781) eine
Auswahl männlicher Akt- und Antikenstudien von Johann
Heinrich Füssli zusammen, die Füsslis zeichnerisches
Talent und sein stupendes Formengedächtnis vor Augen
führten. Für die von Peter Fischli kuratierte A usst ellung
«Ferdinand Hodler /Jean-Frédéric Schnyder» wurden in
Zusammenarbeit mit dem Konservator 62 Hodler-Zeich-
nu ngen aus eigenem Bestand ber eitgestel l t. Dabei konnte
auf ältere Datensätze zurückgegriffen werden , deren For-
mate dem heutigen Anforderungsprofil allerdings kaum
mehr entsprechen.
Seit Sommer 2013 wurden die Vorbereitungen zur Aus-
stellung «Meisterzeichnungen. 100 Jahre Grafische
Sammlung im Kunsthaus Zürich» kontinuierlich vorange-
trieben (Jahresbericht 2013, S. 62). In fünf Arbeitsgesprä-
chen stellten die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Bei-
rats ihre Favoriten zur Diskussion, woraus die Liste der
hundert Meisterzeichnungen hervorging. Nachdem die
vier Hauptautoren des Katalogs, Dr. Gian Casper Bott, Dr.
Christina Grummt, Dr. Paola von Wyss-Giacosa und der
Konservator ihren Anteil übernommen hatten, begannen
die individuellen Recherchen mit anschliessender Redak-
tion der Texte. Spez ial isten wurden herbeigezogen, um die
Schweizer Altmeister (Dr. Michael Matile), die Scheiben-
risse des 16. und 17. Jahrhunderts (Dr. Achim Riether),
die Werkgruppe zur Klassischen Moderne (Dr. Hanna Ga-
gel, Gabriele Lutz, Monique Meyer) zum Dadaismus (Dr.
Juri Steiner) und zur Gegenwartskunst (Nadine Franci,
Mirj am Varadinis) sowie Einzelwerke aus den 1980er-Jah-
ren (Lucia Angela Cavegn, Nadine Franci, Dr. Ursula Pe-
rucchi-Petri) zu bearbeiten. Nach der A bgabe der Manu-
skripte und der zeitraubenden Lektorierungsarbeit
begannen die eigentlichen Ausstellungsvorbereitungen. In
enger Zusammenarbeit zwischen Restaurierung und
Passepartourierung wurden die Zeichnungen von alten
Kartons befreit und in neuen Wechselrahmen präsentiert.
Die aufwändigsten Vorbereitungen galten jedoch den
Zeichnungsinstallationen des 21. Jahrhunderts, bei denen
die wandfüllenden Werke auf Papier ohne Rahmen direkt
an die Wand appliziert werden mussten.
Den Besuchern im Studiensaal der Grafischen Sammlung
wurden durchs Jahr insgesamt 4022 Werke vorgelegt; da-
runter 2315 Druckgrafiken, 1500 Zeichnungen, 32 Skiz-
zen- und Malerbücher, 10 Künstlerbücher , 75 Bri efe und
Dokumente und 90 Fotografien.
An interne Ausstellungen wurden 163 Zeichnungen, 1
Skizzenbuch, 10 Druckgrafiken, 8 Fotografien, 2 Multiples
und 1 Video, an extern e Ausstellungen wurden insgesamt
61 Zeichnungen, 1 Skizzenbuch, 35 Druckgrafiken und 45
Fotografien ausgeliehen. Bernhard von Waldkirch