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Im Berichtsjahr konnte die Sammlung des Kunsthau-
ses durch qualitätvolle Neuzugänge intensiv bereichert
werden – darunter auch bedeutende, hiermit herzlich
verdankte Schenkungen. Unter ihnen finden sich (nebst
Schenkungen an die Grafische Sammlung) solche von der
Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung, von Adelheid
Horowitz-Hanhart, von der Künstlerin MANON sowie von
den Familien Raeber und dem Künstler Danh Vō (siehe
S. 49 – 53). Insgesamt war das Jahr für die Kunsthaus-
Sammlung aber sehr herausfordernd. Als erster Grund
ist hier die heftige Kritikwelle gegen die Dauerleihgabe
der Sammlung Emil Bührle und deren Präsentation zu
nennen, die zwar bereits mit der Eröffnung des Erweite-
rungsbaus im Oktober 2021 losgebrochen war, aber noch
weit ins 2022 hinein wirksam blieb.
DIE BÜHRLE-KONTROVERSE UND IHRE FOLGEN
Die Diskussionen um die Bührle-Stiftung haben eine star-
ke Wirkung auf die Öffentlichkeit ausgeübt. Es wurde ein
nochmals erweiterter Blick auf die Konstellation Bührle /
Kunsthaus erzwungen, der wohl unausweichlich und
wichtig war. Auch so aber lässt sich die Ambivalenz zwi-
schen der schwierigen Gestalt des ruchlosen Waffenfabri-
kanten auf der einen Seite und dessen für das Kunsthaus
und die kunstinteressierte Öffentlichkeit in Zürich und
der Schweiz wesentliches Mäzenatentum auf der ande-
ren kaum auflösen.
AUF DEM WEG ZU EINER NEUEN PRÄSENTATION
DER SAMMLUNG EMIL BÜHRLE
Auslöser der im Herbst 2021 massiv neu aufflammen-
den Bührle-Kontroverse war die Präsentation der als
Dauerleihgaben ins Kunsthaus gelangten Werke der
Bührle-Stiftung im Chipperfield-Bau gewesen, welcher
im Oktober 2021 eröffnet wurde. Diese basierte auf der
SAMMLUNG
räumlichen Trennung der Präsentation der Kunstwerke
selber und der Dokumentation zu Emil Bührle als Samm-
ler und Unternehmer. Dabei wurden im Dokumentati-
onsraum die besonders kritisierten Bührle-Themen des
Reichtums aufgrund von Waffenfabrikation, des Erwerbs
von Raubkunst, der Verflechtung mit rechtskonservativen
Zürcher Kreisen – darunter nota bene auch Exponenten
der Zürcher Kunstgesellschaft – durchaus angesprochen.
Die vermittlerische Geste aber blieb zu konventionell,
auch fand die Vielfalt der Stimmen zur Rezeption Bührles
keinen Widerhall. Vor allem aber vermochte das im Mo-
ment der Eröffnung massgebliche Grundkonzept, die Pro-
venienzfragen von den betroffenen Kunstwerken getrennt
zu thematisieren, viele nicht zu überzeugen.
In der Folge begann sich im Sammlungsteam zu Beginn
des Berichtsjahres ein anderer Ansatz zu entwickeln. Es
wurde eine Broschüre in Angriff genommen, die v. a. die
Schicksale und Lebensumstände der früheren jüdischen
Eigentümer von rund 20 diskutierten Werken der Bührle-
Stiftung würdigen sollte, die ihre Bilder aufgrund von Ver-
folgung durch die NS-Diktatur oder Flucht verloren hatten.
Dieser Text wird Ende 2023 publiziert. Auch ergänzte man
den Dokumentationsraum um einen Lesetisch, der auch
die massgeblichen kritischen Bücher zur Bührle-Thema-
tik zugänglich machte. Stichwort Polyphonie! Als die desi-
gnierte neue Direktorin Ann Demeester ab dem Frühjahr
regelmässig nach Zürich kam und mit den Teams Kontakt
aufnahm, wurde, von ihr angeregt, der Plan gefasst, die
Werke der Bührle-Stiftung im Herbst 2023 in Form einer
temporären Ausstellung ganz neu zu präsentieren. Die
Provenienzen der während der NS-Diktatur erworbenen
Werke sollten nun ein zentrales Element der Ausstellung
selber bilden.