Expressionismus. Dem Winterthurer Museumsdirektor Dieter
Schwarz und der Zürcher Galeristin Suzanne Bollag ist ihr langer
Atem im Einsatz für das bedeutsame Werk Sekulas hoch anzu-
rechnen, in jüngerer Zeit hat ihr das Kunstmuseum Luzern unter
der Direktion von Fanni Fetzer eine Retrospektive gewidmet. Und
dennoch kennt sie eine breite Öffentlichkeit hierzulande kaum.
Das mag viele Erklärungen haben, die aber alle nicht direkt etwas
mit ihrer Kunst zu tun haben: Sie war lesbisch, litt an Schizophre-
nie und entschied sich für den Freitod. Dabei gehören ihre Gemälde
zum Subtilsten, Zartesten und Sinnlichsten, was zum Abstrakten
Expressionismus gezählt werden kann. Der einflussreiche und von
Sekula sichtlich beeindruckte Musikpionier John Cage schrieb
über sie: «She was a very intense person, full of humor, energetic
frequently laughing. […] It is a marvelous criticism of our society
that when a person becomes that close to Truth about life in gene-
ral it is a sign that they should be put away.»
2
Und MANON, Sekula-
Freundin und mit Schlüsselwerken und Ausstellungen regelmäs-
sig im Kunsthaus vertretene Künstlerin, sagte 1996 anlässlich
von Sekulas Einzelausstellung im Kunstmuseum Winterthur:
«Menschen waren damals nicht aufnahmefähig für diese Art von
Kunst, es hat offensichtlich diese Zeit gebraucht, bis man es
sieht».3
Diese Worte haben nichts von ihrer Aktualität verloren, im
Gegenteil sind sie vermutlich mehr denn je wirkungsvoll, wie die
Kunst, um die es geht.
Cathérine Hug
1 Sekula zitiert nach David Hare, «Von New York nach Zürich», in: Dieter Schwarz, Sonja
Sekula, Ausst.-Kat. Kunstmuseum Winterthur und Swiss Institute New York, Winterthur
1996, S. 31.
2 John Cage zit. nach Nancy Foote, «Who was Sonia Sekula», in: Art in Amercia, Vol. LIX,
Nr. 5 (sept.-oct. 1971), S. 79.
3 10 vor 10, 13.5.1996, im Replay unter https://www.srf.ch/play/tv/10-vor-10/video/sonja-
sekula?urn=urn:srf:video:f686655b-0f48-4653-be40-7720136cc08e (abgerufen am 4.1.2024).