60 AKTIVITÄTEN
EINE ZUKUNFT FÜR DIE VERGANGENHEIT.
SAMMLUNG BÜHRLE: KUNST,
KONTEXT, KRIEG UND KONFLIKT
Der Waffenindustrielle Emil Bührle (1890 –1956), der zwi-
schen 1936 und 1956 in Zürich eine grosse und bedeu-
tende Kunstsammlung aufbaute, ist bis heute umstritten.
Die Gründe dafür liegen, wie das Historische Lexikon der
Schweiz zusammenfasst, in seinem Reichtum aus dem
Waffenverkauf vor, während und nach dem Zweiten Welt-
krieg, seinen Verbindungen zu konservativen und rechts-
extremen Kreisen sowie seiner prestigeträchtigen Kunst-
sammlung, die er zur Zeit des nationalsozialistischen
Kunstraubs aufbaute und in den ersten Jahren des Kalten
Kriegs ausweitete.
Vier Jahre nach Bührles Tod überführten seine Erben 1960
einen Drittel der Kunstsammlung in die Stiftung Samm-
lung E. G. Bührle und machten sie in einer Villa in Zürich
der Öffentlichkeit zugänglich. Diese Werke sind seit 2021
als Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich deponiert. Ihre
Erstpräsentation im Chipperfield-Bau, in der eine kunst-
historische Präsentation der Werke neben einem separa-
ten Dokumentationsraum stand, stiess in den Medien und
der Öffentlichkeit auf Kritik. Es wurde bemängelt, dass die
problematischen Seiten Bührles als Waffenfabrikant und
Kunstsammler nicht genügend hoch gewichtet und zu zu-
rückhaltend vermittelt wurden. Angeregt von der neuen Di-
rektorin Ann Demeester entstand in der Folge der Wunsch,
eine neue Ausstellung der Sammlung Bührle zu realisieren,
in der die Vermittlung dieser problematischen Aspekte im
Mittelpunkt stehen sollte.
Folgende Leitprinzipien standen bei der Konzeption und
Umsetzung der Ausstellung im Mittelpunkt:
- In einem Kontext wie demjenigen dieser Sammlung kön-
nen Geschichte und Kunstgeschichte nicht voneinander
getrennt werden.
- Die als zentral erachtete Einbeziehung des Publikums
macht die Einbeziehung interaktiver Mittel unerlässlich.
- Polyphonie ist massgeblich: Die Ausstellung wurde im
Kunsthaus unter der Leitung der Direktorin von einem
interdisziplinären Team entwickelt. Es umfasste Spezia-
listinnen und Spezialisten aus den Bereichen Kunstge-
schichte, Ausstellungsorganisation, Provenienzforschung
und Kunstvermittlung. Sie wurden von extern ergänzt
durch zwei junge Historikerinnen und eine Szenografin.
- Begleitung durch einen wissenschaftlichen Beirat: Nach
einem intensiven Austausch über Monate trat dieses Gre-
mium zwar kurz vor der Ausstellungseröffnung aufgrund
von Meinungsverschiedenheiten inhaltlicher Art zurück,
prägte die Entstehung des Projekts aber dennoch auf
sehr positive Weise.
- Vielfältige Vermittlung ist essenziell: Die Arbeit der Ver-
mittlung sollte nicht nur auf dem Einsatz von Text basie-
ren, sondern auch auf Video-Interviews im sogenannten
Resonanzraum wie auch auf Audio-Erzählungen und di-
gitale Partizipation setzen.