Volltext: Jahresbericht 2024 (2024)

ALBERTO GIACOMETTI 
COMPOSITION SURRÉALISTE II, 1935 
Beeinflusst von Sigmund Freuds Psychoanalyse sollten Lite- 
ratur und Kunst nach Auffassung der Surrealisten neu aus dem 
Unbewussten kreiert werden. Das filternde Bewusstsein sollte 
möglichst ausgeschaltet werden, um alles, was tief im Menschen 
schlummert (und sei es auch dunkel und bedrohlich) Gestalt wer- 
den zu lassen. 1930 wurde der junge Alberto Giacometti (1901 Bor- 
gonovo – 1966 Chur) von André Breton und Salvador Dalí eingela- 
den, zur Gruppe der Surrealisten zu stossen. Die hier vorgestellte 
Zeichnung gehört bereits in die zweite Hälfte von Giacomettis sur- 
realistische  Phase, die 1935 zu einem Ende kam, als Giacometti, der 
sich  wieder  dem  bei den Surrealisten verpönten Arbeiten nach dem 
Modell zuwenden wollte, aus der Gruppe ausgeschlossen wurde. 
Die vorliegende Zeichnung gelangte im Berichtsjahr als Ge- 
schenk der Erbengemeinschaft Eberhard W. Kornfeld an die 
Alberto Giacometti-Stiftung.� Kornfeld war seit den 1950er-Jahren 
freundschaftlich mit Giacometti verbunden gewesen. Das Blatt ist 
vom Künstler signiert und auf 1935 datiert. Es zeigt ein figurenar- 
tiges Arrangement verschiedenartiger Formen, das mit den soge- 
nannten «cadavres exquis» verwandt zu sein scheint. � Anders als 
diese präsentiert sie sich aber in Form einer imaginären Skulptur. 
Diese basiert auf einer möbelartigen Konstruktion und entwickelt 
oben Teile einer Figur, die aus einem eckig wirkenden Oberkörper 
heraus agiert. Selber Teil einer Skulptur, hält sie mit traumartig 
geschlossenen Augen ein skulpturales Objekt. Die Figur wird 
rechts mit einer flächigen hellen Form kombiniert, die über eine 
gezackte Linie mit dem intensiv schraffierten dunklen Hintergrund 
interagiert. Belebt durch die reiche Struktur von Schraffuren und 
Linien entsteht insgesamt ein «neuartiger ‹lunarer› Raum aus 
Licht und Schatten» (Agnes de la Beaumelle), wie eine reale 
Skulptur ihn nicht erzeugen könnte. � 
Mit den schnell hingesetzten Linien und Schraffuren solcher 
Zeichnungen konnte Giacometti (wie neben ihm auch Picasso es
	        
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