Full text: Sturm-Ausstellung

Aus diesen Andeutungen lässt sich nun leicht herausschälen, roarum 
Futurismus und Kubismus in ihrer äusseren, gegen die Renaissance 
gerichteten Fassade oft so grosse Aehnlichkeiten aufroeisen, und roarum 
beide in ihren besten und entschlossensten Werken doch so grundüer- 
schieden sind. 
Beiden gemein ist die Gleichzeitigkeit Derschiedener Gestaltungs 
komplexe in einem Bildganzen. 
Aber roährend der Futurist diese Gleichzeitigkeit meist aus Ge- 
schroindigkeitserlebnissen oder aus Dielen äusseren Eindrücken in einem 
Momente der gesteigertsten Aufnahmefähigkeit zieht und sein Bild ganz 
auf diesen Augenblick hin gestaltet (also durchaus naturalistisch), so ge 
staltet es der Kubist aus seinem inneren Wissen Don den Formen und 
ihren Dielen Möglichkeiten, die alle gleichzeitig in ihm ruhen und deren 
er sich nach seinem Empfinden oder Willen erinnert oder bedient (also 
durchaus idealistisch). 
Es ist selbstDerständlich, dass diese Deutung nur das innerste Pro- 
hlem Don Futurismus und Kubismus zu klären trachtet. Sie ist nicht das 
Rezept, roonach die Futuristen und Kubisten malten. Stimmt also beim 
Vergleiche mit Bildern dieser so unglücklich benannten Gruppen das 
eine oder andere nicht, so sagt das ebensoroenig gegen das Bild, roie 
gegen diese Festlegung aus. — Bildlich: Man darf nicht glauben, immer 
die Blüten bestimmen zu können, roenn man ein Stück Wurzel in der 
Hand hält. 
Über den Expressionismus, der ja jetzt Don Greisen und 
Kindern gleicherroeise besungen roird, nur noch eine Bemerkung. 
Eine einige, für unsere naturroissenschaftlich aufgeklärte Zeit sehr 
bezeichnende Frage lautet: Warum malen denn die Künstler alles so 
hässlich? Diese Verzerrungen! Diese Scheusslichkeiten! Warum muss 
denn alles so unnatürlich sein? Warum kann es denn nicht schön sein? — 
ja!: Warum gingen die Gottsucher in die Wüste? Warum schlossen sich 
die Mönche in Zelien Don der Welt ab? Und roarum zermarterten Hei 
lige ihr Fleisch? 
Das ist der alte Glaube — oder ist es ein Wissen? —, dass der 
Weg zum Geistigen durch die Abtötung des Fleisches führt. 
L. H. Neitzel.
	        

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