Full text: Ausstellung George Grosz

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empfundenen Sittenfchilde- 
rungen eines Hogarth ge 
nießen und bewundern. 
Dann auch wird klar er 
kennbar fein, was fich heute 
nur flüfternd andeuten läßt: 
daß nämlich diefer Grosz 
den preußifch - proteftanti- 
fchen Geift kulturell ftärker 
uertritt, als dies feine Mit 
welt je eingeftehen wird. 
Bei der tiberfülle zeichne- 
rifcher Arbeiten, die Grosz 
in der leßten Dekade ge- 
fchaffen hat, find natürlich 
nicht alle Sachen gleich 
wertig. Tn den beften aber 
erkennt man eine fo difzi- 
plinierte und präzife Zweck- 
feßung des Ausdrucksmit 
tels, das in der knappften 
Form die größte Wirkung 
findet, daß man hier uon 
einer preußifchen Tradition 
im beften Sinne des Wortes 
fprechen kann, lind in dem 
bittern Kampf, den Grosz 
gerade mit dem ihm als Auswuchs erfcheinenden und entarteten 
„preußifchen Geift“ des militariftifchen Wachtmeiftertums, der 
brutalen Gewaltherrfchaft und der Monokel-Fhyfiognomie der 
finnlos zur Faffade degenerierten Form führte, liegt vielleicht die 
ftärkfte, ihm unbewußte Betonung feines eignen, rein idealen 
Preußentums. 
Hier liegt wahrfcheinlich auch der Schlüffel zu feiner — mehr 
gefühlsmäßigen als logifchen — Affinität zu dem mit negatiu- 
preußifchen Hörzeichen uerfehenen und mit der ftraffen Difzipli- 
niertheit und Klaffeneinteilung arbeitenden Sozialismus, zu dem 
ihn allerdings noch ein andrer XUefenszug hinführen mußte. Grosz 
ift als Künftler eine fo ftark ariftokratifch und indiuidualiftifch be 
tonte TTatur, daß ihm die fozialiftifch-kollektiuiftifche Ginftellung 
notwendige Balancierftange werden mußte. 
Grosz ift der ewig Proteftierende, der fich gegen die fentimentale 
Derlogenheit, das unfentimentale Ausbeutertum und die grunzende 
Wolluft der Mitwelt aufbäumt und fie uoll Bitterkeit bekämpft. 6r 
bekundet eine geradezu fanatifche Religiofität und den brennenden 
Idealismus eines weißglühenden Propheten- und Bekennertums.
	        

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