fullscreen: Jahresbericht 1982 (1982)

Broodthaers’ formale Gestaltungsmittel Wort und 
Bild sind ebenfalls austauschbar - beispielsweise 
Kuh und Automarke in «Les Animaux de la Ferme) 
ader die Goldbarren und die Namen von Künstlern 
und Gütern in «Mus6ge-Museum). Sie können nicht 
nur ausgetauscht, sondern auch durch Code- 
Zeichen ersetzt oder vertreten werden: Buchstaben, 
Initialen (beispielsweise M.B., das für Marcel 
Broodthaers steht), Zahlen (zum Beispiel in «Citron- 
Citroen» zur Kennzeichnung einerseits der Fische 
anhand der unten angeführten Legende und ander- 
seits von erstem und zweitem Teil) oder Abkürzun- 
gen wie «fig.» (in «Ein Eisenbahnüberfallb). Das Blatt 
{La Signature)» (1969) erweckt den Eindruck, dass 
die horizontal angeordneten Zeichen (M.B.) sich 
noch beliebig weiter fortsetzen könnten - so als ob 
das Blatt nach allen Seiten offen wäre. Dieser Ein- 
druck verstärkt sich bei dem Projektionsschirm, bei 
der Photoleinwand und selbst beim Film von «Le 
Corbeau et le Renard», wo Wörter horizontal anein- 
andergereiht sind, die auf Sätze schliessen lassen, 
ohne dass man deren Sinn erfassen könnte: heran- 
geholt wird lediglich ein Ausschnitt aus einem grös- 
seren Text, aus einem umfassenderen und durch 
die Nahsicht zugleich verschlüsselten Zusammen- 
hang. Die Austauschbarkeit von Wörtern, Bildern 
und Zeichen wie auch die Möglichkeit, diese über 
den Blattrand hinaus weiterzuführen, lässt auf for- 
maler Ebene an ein nicht geschlossenes System mit 
Variablen denken. In der Tat heisst das Wort in der 
Mitte auf der untersten Zeile der Photoleinwand 
zum Thema <Le Corbeau et le Renard)>: Systeme. 
Wie verhalten sich nun aber Wort und Bild zum In- 
halt, den sie vermitteln? Der Inhalt wie die Form, 
beide sind - wie auch die Reproduktionsmittel — 
Ausdruck derselben soziologischen Realität. Man 
trifft hier auf verschiedenste gesellschaftliche 
Gegebenheiten, die Broodthaers zu seinem Schaf- 
fen inspirieren: Kultur (zum Beispiel Museum, bil- 
dende Kunst, Dichtkunst, Philosophie, Geographie, 
Unterricht), Handel (Kunstmarkt), Recht, Kriminalität, 
Landwirtschaft, Fischfang, Finanzwesen, Industrie, 
Werbung, Mode und neben einer geschwisterlichen 
Beziehung in «Chere Petite Sceur» auch den Künstler 
Broodthaers selbst. Wort und Bild werden kaum er: 
funden, sondern aus bereits Bestehendem ausge- 
wählt und frei kombiniert. Broodthaers greift auch 
auf andere Künstler, Schriftsteller und selbst auf 
einen Philosophen zurück. In «Musee-Museum) 
(1972) verwendet er Karten mit abgebildeten Wer- 
ken von Ingres und Courbet. Auf dem einen der 
beiden Blätter handelt es sich um Ingres «La Grande 
Odalisque) und «Le Bain Turc») sowie um Courbets 
«Paresse et Luxure ou Ile Sommeil in Farbe; das 
andere Blatt enthält zwei Karten in Schwarzweiss 
mit dem Violonisten «Niccolö Paganinb» und «Mme 
Victor Baltard geb. Adeline Lequeux mit ihrem 
Töchterchen Paule». In «Comedie» (1974) tauchen 
der Name <«Baudelaire» und Magrittes Bild «Repro- 
duction interdite» von 1937 auf. «Le Corbeau et le 
Renard) (1968) wie auch «Comment va la Memoire 
et la Fontaine» (1973) erinnern an die Fabeln von La 
Fontaine. Stephane Mallarmes Gedicht «Un coup de 
des jamais n’abolira le hasard)ı liegt Broodthaers’ 
(Garniture Symbolique> zugrunde. Der Titel <«Tracta- 
tus Logico-Catalogicus»> (1972) ist der im Sinn abge 
wandelte Titel von Wittgesteins «Tractatus Logico- 
Philosophicus>»: das Blatt ist ein ungefalzter Druck- 
bogen für den Katalog einer Ausstellung in der 
Galerie MTL in Brüssel vom Jahre 1972. Auf Edgar 
Allan Poe weist Broodthaers’ Titel «Le Manuscrit 
trouve dans une bouteille» (1974). 
Solche Zusammenhänge basieren auf bestehender 
Kulturgut, das aber durch Broodthaers’ Veränderun: 
gen und Verfremdungen in ein neues Licht ge- 
rückt, hinterfragt wird. Hierin liegt Broodthaers’ 
schöpferische Tat. Sie ist rein gedanklicher Art. 
Durch widersprüchliche Kombinationen von Wör- 
tern und Bildern auf reproduktionstechnischer, for- 
maler und inhaltlicher Ebene ruft er auf seinen Blät 
tern scheinbar feststehende, alltägliche oder nicht 
mehr beachtete gesellschaftliche und kulturelle 
Gegebenheiten unserer Zivilisation dem Betrachter 
ins Bewusstsein und regt ihn zum Überdenken ge- 
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