Broodthaers’ formale Gestaltungsmittel Wort und
Bild sind ebenfalls austauschbar - beispielsweise
Kuh und Automarke in «Les Animaux de la Ferme)
ader die Goldbarren und die Namen von Künstlern
und Gütern in «Mus6ge-Museum). Sie können nicht
nur ausgetauscht, sondern auch durch Code-
Zeichen ersetzt oder vertreten werden: Buchstaben,
Initialen (beispielsweise M.B., das für Marcel
Broodthaers steht), Zahlen (zum Beispiel in «Citron-
Citroen» zur Kennzeichnung einerseits der Fische
anhand der unten angeführten Legende und ander-
seits von erstem und zweitem Teil) oder Abkürzun-
gen wie «fig.» (in «Ein Eisenbahnüberfallb). Das Blatt
{La Signature)» (1969) erweckt den Eindruck, dass
die horizontal angeordneten Zeichen (M.B.) sich
noch beliebig weiter fortsetzen könnten - so als ob
das Blatt nach allen Seiten offen wäre. Dieser Ein-
druck verstärkt sich bei dem Projektionsschirm, bei
der Photoleinwand und selbst beim Film von «Le
Corbeau et le Renard», wo Wörter horizontal anein-
andergereiht sind, die auf Sätze schliessen lassen,
ohne dass man deren Sinn erfassen könnte: heran-
geholt wird lediglich ein Ausschnitt aus einem grös-
seren Text, aus einem umfassenderen und durch
die Nahsicht zugleich verschlüsselten Zusammen-
hang. Die Austauschbarkeit von Wörtern, Bildern
und Zeichen wie auch die Möglichkeit, diese über
den Blattrand hinaus weiterzuführen, lässt auf for-
maler Ebene an ein nicht geschlossenes System mit
Variablen denken. In der Tat heisst das Wort in der
Mitte auf der untersten Zeile der Photoleinwand
zum Thema <Le Corbeau et le Renard)>: Systeme.
Wie verhalten sich nun aber Wort und Bild zum In-
halt, den sie vermitteln? Der Inhalt wie die Form,
beide sind - wie auch die Reproduktionsmittel —
Ausdruck derselben soziologischen Realität. Man
trifft hier auf verschiedenste gesellschaftliche
Gegebenheiten, die Broodthaers zu seinem Schaf-
fen inspirieren: Kultur (zum Beispiel Museum, bil-
dende Kunst, Dichtkunst, Philosophie, Geographie,
Unterricht), Handel (Kunstmarkt), Recht, Kriminalität,
Landwirtschaft, Fischfang, Finanzwesen, Industrie,
Werbung, Mode und neben einer geschwisterlichen
Beziehung in «Chere Petite Sceur» auch den Künstler
Broodthaers selbst. Wort und Bild werden kaum er:
funden, sondern aus bereits Bestehendem ausge-
wählt und frei kombiniert. Broodthaers greift auch
auf andere Künstler, Schriftsteller und selbst auf
einen Philosophen zurück. In «Musee-Museum)
(1972) verwendet er Karten mit abgebildeten Wer-
ken von Ingres und Courbet. Auf dem einen der
beiden Blätter handelt es sich um Ingres «La Grande
Odalisque) und «Le Bain Turc») sowie um Courbets
«Paresse et Luxure ou Ile Sommeil in Farbe; das
andere Blatt enthält zwei Karten in Schwarzweiss
mit dem Violonisten «Niccolö Paganinb» und «Mme
Victor Baltard geb. Adeline Lequeux mit ihrem
Töchterchen Paule». In «Comedie» (1974) tauchen
der Name <«Baudelaire» und Magrittes Bild «Repro-
duction interdite» von 1937 auf. «Le Corbeau et le
Renard) (1968) wie auch «Comment va la Memoire
et la Fontaine» (1973) erinnern an die Fabeln von La
Fontaine. Stephane Mallarmes Gedicht «Un coup de
des jamais n’abolira le hasard)ı liegt Broodthaers’
(Garniture Symbolique> zugrunde. Der Titel <«Tracta-
tus Logico-Catalogicus»> (1972) ist der im Sinn abge
wandelte Titel von Wittgesteins «Tractatus Logico-
Philosophicus>»: das Blatt ist ein ungefalzter Druck-
bogen für den Katalog einer Ausstellung in der
Galerie MTL in Brüssel vom Jahre 1972. Auf Edgar
Allan Poe weist Broodthaers’ Titel «Le Manuscrit
trouve dans une bouteille» (1974).
Solche Zusammenhänge basieren auf bestehender
Kulturgut, das aber durch Broodthaers’ Veränderun:
gen und Verfremdungen in ein neues Licht ge-
rückt, hinterfragt wird. Hierin liegt Broodthaers’
schöpferische Tat. Sie ist rein gedanklicher Art.
Durch widersprüchliche Kombinationen von Wör-
tern und Bildern auf reproduktionstechnischer, for-
maler und inhaltlicher Ebene ruft er auf seinen Blät
tern scheinbar feststehende, alltägliche oder nicht
mehr beachtete gesellschaftliche und kulturelle
Gegebenheiten unserer Zivilisation dem Betrachter
ins Bewusstsein und regt ihn zum Überdenken ge-
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