Full text: Ludwig Hilberseimer: Grosstadtbauten (18/19)

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■dem Volksganzen nutzbar zu machen. Statt planvoll allen erdenk 
lichen öffentlichen Bedürfnissen Rechnung zu tragen, versuchte 
man ohne Rücksichtnahme auf gemeinsame Interessen, ohne an 
die Zukunft zu denken, lediglich das Tagesbedürfnis zu befrie 
digen. Verantwortung über den Tag hinaus wurde unbedenklich 
zurückgestellt. Daher fehlt den Großstädten jede organisierende 
Gestaltung. Ihr Hauptcharakteristikum ist daher ihre Desorgani 
sation. Der organisatorische Geist, wie er etwa in der Betriebs 
führung großer Industrie- und Handelskonzerne zum Ausdruck 
kommt, wurde bei der Anlage und dem Ausbau der Großstädte 
völlig mißachtet. Dort hat das Prinzip der Arbeitsteilung planvoll 
den gesamten Betrieb organisiert, hier geht alles bunt durchein 
ander. Wohnviertel sind mit lärmenden und qualmenden Fabrik 
anlagen oder mit lebhaften Verkehr hervorrufenden kommer 
ziellen Bauten durchsetzt. Die notwendige Raumnutzung der City 
wurde völlig unbedacht auch auf die Wohnviertel übertragen. 
Straßen wurden schematisch angelegt, ohne Rücksicht auf ihre 
besonderen Zwecke. Es wurde nicht erkannt, daß Straßen und 
Baublocks nicht einfach willkürlich über das Gelände ausgebreitet 
werden dürfen, sondern ganz bestimmte Bedürfnisse zu erfüllen 
haben. Lage zur Sonne, Durchlüftbarkeit der Blocks, Forde 
rungen, die bei jeder Kleinsiedelung als selbverständlich ange 
sehen werden, wurden bei Großstadtplanungen völlig ignoriert, 
die Bauordnung einseitig auf alle Gebäudearten zugeschnitten, 
ohne Differenzierung nach Zwecken, Straßenbreiten wurden 
ebenso nach einem Schema bestimmt. Die Folge ist der chaotische 
Zustand, in dem sich heute fast alle Großstädte befinden. Diese 
Chaotik kommt zum vollen Durchbruch, wenn, wie das heute in 
allen Weltstädten der Fall ist, das Verkehrsproblem unlösbare 
Aufgaben stellt. Denn während das Wohnungsproblem immer 
ignoriert wurde, drängt das Verkehrsproblem unerbittlich zu 
Lösungen, von denen die Weiterexistenz der Großstädte abhängt. 
Wie beim Wohnungsbau sich alle Reformtätigkeit der Architekten 
der Fassade zuwandte, das Grundlegende, die Grundstücks 
teilung, blieb Spekulanten überlassen, und über den Grundriß 
wachte die Baupolizei, so. auch im Städtebau, dem wesentlichsten 
Problem aller Architektur. Der Architekt betrachtete den 
Städtebau als eine Möglichkeit, Dekorativität entfalten zu 
können. Aber die Aufgabe des Städtebauers ist keine dekora 
tive, sondern eine organisatorisch-gestaltende, deren Lösung 
höchste Verantwortung voraussetzt. Die Elemente des Städte
	        
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